ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2002Neue Bundesländer: Verhältnisse, die Gewalt provozieren

POLITIK

Neue Bundesländer: Verhältnisse, die Gewalt provozieren

PP 1, Ausgabe Februar 2002, Seite 64

Bühring, Petra

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In der Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis in Bernburg lernen die Jungen wieder lachen. Foto: Petra Bühring
In der Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis in Bernburg lernen die Jungen wieder lachen. Foto: Petra Bühring
Die kirchlichen Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie helfen in Ostdeutschland mit sozialen Projekten, die Spirale von Perspektivlosigkeit, Ohnmachtsgefühlen und Gewalt zu unterbrechen.


Sachsen-Anhalt ist unter den neuen Bundesländern das Land mit der größten Arbeitslosigkeit, dem niedrigsten Lohnniveau und der höchsten Abwanderungsrate. Die Menschen, die nach der Wende bis heute geblieben sind, haben „die DDR noch nicht hinter sich gelassen und sind im Westen nicht angekommen“, beschreibt Wolfgang Stein, Vorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes, die Stimmung. Kürzlich fand eine Kinderrechtewahl in Sachsen-Anhalt statt: An erster Stelle stand das Recht auf gewaltfreie Erziehung. „Es gibt Verhältnisse, die Gewalt provozieren“, sagte Jürgen Gohde, Präsident des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche Deutschland. Der Zusammenhang zwischen Perspektivlosigkeit, Ohnmachtsgefühlen und Gewalt in der Familie wird in Sachsen-Anhalt besonders deutlich.
Gewalt wird nicht nur durch Schläge und Misshandlung erlebt, sondern auch durch soziale Ausgrenzung. Erlittene Gewalt führt oft zu selbst ausgeübter Gewalt – die Opfer werden zu Tätern. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, haben Caritas und Diakonie in den neuen Ländern soziale Projekte gestartet, in denen in erster Linie Gewaltprävention für deutsche und ausländische Jugendliche geleistet wird.
Oft kein Kontakt zu den Eltern
Die Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis Bernburg, die Mitglied im Diakonischen Werk ist, hilft Opfern von Gewalt: Kindern und Jugendlichen mit „schwerem Biografiebruch“. Erschreckende Lebensläufe verbergen sich hinter diesem Begriff, wie die von dem Jungen, der drei Jahre in den Fängen eines Pornofilmerrings verbringen musste. Die meisten Bewohner der Einrichtung sind schwer traumatisiert und haben Psychiatrie-Erfahrung; einige lebten auf der Straße oder waren für die Eltern nicht mehr zugänglich. Zu DDR-Zeiten war die Stiftung ein geschlossenes Heim, der so genannte Jugendwerkhof, wo erziehungsschwierige Jugendliche auf Arbeit und Leben in der sozialistischen Gesellschaft vorbereitet werden sollten. St. Johannis ist heute eine Einrichtung der offenen Jugendhilfe, wo seelisch Behinderte nach § 35 des Kinder- und Jugendhilfe-Gesetzes Aufnahme finden, freiwillig und mit Zustimmung der Eltern – soweit die noch ein Interesse an ihren Kindern haben. „Zehn der hier lebenden Kinder haben gar keinen Kontakt mehr zum Elternhaus“, berichtet Christine Schulz, die seit mehr als 30 Jahren in Bernburg arbeitet und die heiltherapeutisch-pädagogischen Mädchenwohngruppen leitet. Sie sieht auch Nachteile des offenen Konzepts der Einrichtung: „Einige lernen hier im Ort erst die rechte Szene oder die Drogenszene kennen.“
In den hell und freundlich eingerichteten Räumen der beiden Mädchen- Wohngruppen werden zurzeit sechs junge Frauen betreut, vier von ihnen sind als Borderliner diagnostiziert. „Fast alle haben sexuelle Gewalt durch die wechselnden Lebenspartner der meist allein erziehenden Mütter erlitten“, sagt Christine Schulz. Das Wichtigste sei, dass die Mädchen lernen, wieder eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Eine Erzieherin steht immer zur Verfügung, auch nachts. Daneben helfen heiltherapeutische Gruppen und die wöchentliche psychotherapeutische Sitzung.
Mädchen sind in der St.-Johannis-Stiftung in der Minderzahl. Jungen richten Aggressionen eher nach außen und werden verhaltensauffälliger – und erhalten daher häufiger Hilfe. Die sechs Mädchen der Wohngruppen besuchen die Regelschule im Ort. Integration ist auch das Ziel für die Jungen der Schule mit Ausgleichsklassen: vier bis sechs Schüler pro Klasse, zusammengesetzt nach „Chemie“ der Schüler, nicht nach Jahrgangsstufen. Einige werden auch einzeln unterrichtet; sie sind „nicht gruppenfähig“, wie Karsten Richter sagte, einer der elf Lehrer der Ersatzschule. Die Schüler sind zur Hälfte verhaltensauffällig, zur anderen Hälfte lernbehindert, wie der 16-jährige Andy, der nicht lesen und schreiben kann. Seine allein erziehende Mutter brachte ihn vor vier Jahren als ängstliches, abwehrendes Kind her, dem auch der Stiefvater die Lernschwäche nicht hatte herausprügeln können. Heute ist er ein netter, offener Junge, der in der Stiftung eine überbetriebliche Ausbildung machen wird und dann „als Hilfsarbeiter arbeiten kann“, wie seine Lehrerin prognostiziert.
Die Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis ist eine der teuersten Einrichtungen im Osten: 160 A am Tag kostet ein Platz. Die Armut in Sachsen-Anhalt überträgt sich auch auf die Kommunen, und diese suchen nach Einsparmöglichkeiten. „Sind diese Kinder das wert?“ wird Klaus Roth, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, manchmal gefragt, wenn er neue Projekte ins Leben rufen will. Nach seiner Ansicht sind die bedürftigen Familien in Sachsen-Anhalt nicht so versorgt, wie es nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz vorgeschrieben ist.
Die Gründe für die Spirale aus Armut und Gewalt für überforderte Mütter, schlagende Väter und rechtsradikale Jugendliche sind vielfältig. Zwei Gründe: die hohe Arbeitslosigkeit (gegenwärtig in Sachsen-Anhalt mehr als 18 Prozent) und wenig Ausbildungsplätze für Schulabgänger. „Der Sinn der Existenz wird definiert über Arbeit“, glaubt Staatssekretär Prof. Dr. Dieter Schimanke, Landesministerium für Arbeit, Frauen, Gesundheit und Soziales. Vielen Erwachsenen fehle mit dem Verlust der Arbeit ein Halt. Hinzu komme die generelle Verunsicherung vieler nach der Wende. Folge: Normen und Werte in der Familie lösen sich auf. Die Kinder finden in den Eltern keine Vorbilder, aber auch nicht in anderen. „Im Osten fehlen die Strukturen einer fortgeschrittenen Zivilgesellschaft“, sagt Schimanke. Damit meint er Organisationen wie die Pfadfinder, den Christlichen Verein Junger Männer oder subkulturelle Gegenbewegungen, in denen sich Jugendliche engagieren. Politische Parteien und Gewerkschaften fänden im Osten wenig Zulauf, und auch die Stellung der Kirchen sei schwächer als im Westen.
Fehlendes Engagement und fehlende Orientierung verstärken Ohnmachtsgefühle, die manche durch Gewalt kompensieren. Axel Noack, Landesbischof der evangelischen Kirchenprovinz Sachsen, führt das Problem auf alte Strukturen zurück: „Der SED ist es gelungen, das Land zu entbürgerlichen. Die Ausgewanderten sind nicht zurückgekommen, und neue Bürger ziehen wir nicht an, weil sie ihre Kinder nicht in unsere Schulen schicken wollen.“ Petra Bühring
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