ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2002Afghanistan: Mile 46 – Flüchtlinge brauchen Hilfe

POLITIK

Afghanistan: Mile 46 – Flüchtlinge brauchen Hilfe

PP 1, Ausgabe Februar 2002, Seite 66

Trabert, Gerhard

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LNSLNS Die deutsche Hilfsorganisation „humedica“ versorgt Flüchtlinge in einem afghanischen Lager nahe der Grenze zum Iran. Ein Ärzteteam
berichtet über einen dreiwöchigen Einsatz.


Mile 46 liegt mitten in der Wüste. In dem Flüchtlingslager im Südwesten Afghanistans an der Grenze zum Iran ist die Zahl der Flüchtlinge in den letzten Wochen von circa 800 auf 5 000 gestiegen, und täglich nimmt sie um 150 bis 250 zu. Das Lager aus 400 Zelten befindet sich in einer kargen, lebensfeindlichen Region. Kilometerweit nur Sand und Steine, kein Baum, kein grünes Fleckchen, kein Wasser. Die nächste afghanische Stadt liegt circa 90 Kilometer entfernt in Richtung Kandahar. Obwohl das Lager auf afghanischem Boden errichtet wurde, versorgt der iranische Rote Halbmond die Flüchtlinge täglich mit Lebensmitteln, Wasser und sogar mit Strom. Allerdings gibt es nur 25 Latrinen und eine Waschstelle. Das Areal um die Latrinen ist voll mit Kot und Urinlachen. Der beißende Gestank nimmt zu, je weiter man sich den Latrinen nähert. Die Zelte sind mit Decken und einem Petroleum-Heizöfchen ausgestattet, wobei die durch das Heizen freigesetzten Kohlenmonoxidgase ohne besondere Abzugseinrichtung in das Zeltinnere strömen. Tagsüber steigen die Temperaturen in dieser Gegend bis auf 25 Grad Celsius, während sie in der Nacht bis nahe an den Gefrierpunkt sinken. Ohne Decken und Heizeinheit ist ein Überleben kaum möglich.
An diesem Tag verweigert der iranische Rote Halbmond plötzlich neu ankommenden Flüchtlingen den Zutritt zum Lager. Sie müssen deshalb versuchen, ungeschützt und ohne Versorgung außerhalb des Camps zu überleben. Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ kommen zu unserem kleinen Behandlungszelt, um die unerwartete Situation zu besprechen. Sie überlegen, ihre Arbeit vorübergehend einzustellen, falls der iranische Halbmond sein repressives Vorgehen beibehält. Wir erklären uns solidarisch und unterstützen das Vorhaben der französischen Ärzte – „wir“, das sind eine Krankenschwester und zwei Ärzte der christlichen Hilfsorganisation „humedica“ aus Deutschland. Die Organisation leistet Akuthilfe in Krisenregionen, unter anderem mit Ärzteteams, die sich nach jeweils zwei bis drei Wochen Tätigkeit überlappend ablösen. Entscheidend ist die schnelle Verfügbarkeit von Ärzten, die aufgrund der kurzen Einsatzdauer eher realisierbar ist.
Die Bürokratie – eine Farce
Bevor wir im Flüchtlingslager Mile 46 mit der medizinischen Tätigkeit beginnen konnten, galt es, einen bürokratischen Hürdenlauf zu bewältigen. Die Anreise führte über Teheran, wo entgegen vorheriger Zusagen die angemeldeten Medikamente doch vom Flughafen-zoll genehmigt werden mussten. Das bedeutete, eine Stunde lang ungefähr 20 offizielle Stellen zu kontaktieren, 15 Unterschriften und circa zehn Stempel einzuholen – eine Farce. Danach ging es unter anderem zur Zentrale des iranischen Halbmondes, zur iranischen Flüchtlingshilfe, zum Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Ein ähnliches Procedere erwartete uns bei der nächsten Station in Zahedan, der Hauptstadt der Provinz Baluchistan an der pakistanischen Grenze; wiederum dasselbe nach zweistündiger Autofahrt in der Grenzstadt Zabol. Nachdem wir endlich alle Genehmigungen für den Grenzübertritt, die Rückkehr sowie eine Tätigkeitserlaubnis erhalten hatten, fanden wir mit viel Glück und Verhandlungsgeschick einen Dolmetscher und einen Taxifahrer, der uns in einstündiger Fahrt ins Flüchtlingscamp brachte. Dabei passierten wir mehrere iranische Kontrollstationen.
Ist das Flüchtlingslager überfüllt, müssen Neuankömmlinge die ersten Tage vor dem Camp ausharren. Die Kuhle dient der Familie als Schutz vor Sandstürmen. Fotos: humedica
Ist das Flüchtlingslager überfüllt, müssen Neuankömmlinge die ersten Tage vor dem Camp ausharren. Die Kuhle dient der Familie als Schutz vor Sandstürmen. Fotos: humedica
Die afghanische Grenze bestand aus einem Mudschaheddin-Kontrollposten: zwei funktionsunfähige Lastwagen, ein von den Taliban eroberter Panzerspähwagen, eine von der ehemaligen Sowjetunion eroberte Artilleriestellung und Trümmerteile eines abgeschossenen Hubschraubers.
Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich am Horizont das Flüchtlingslager auf. Wir stellten uns dem Leiter vor, einem Mitarbeiter des iranischen Roten Halbmondes, und richteten unsere Sprechstunde in einem vier mal vier Meter großen Zelt ein, das man uns zugeteilt hatte. Unsere Ankunft sprach sich schnell herum, und schon warteten die ersten Patienten vor dem Zelt. An den folgenden Tagen behandelten wir täglich 80 bis 100 Patienten: Männer, Frauen, Kinder, Mudschaheddin und Mitarbeiter des iranischen Halbmondes. Sie leiden hauptsächlich an parasitären Erkrankungen, vor allem Diarrhöen aufgrund von Wurminfektionen, an Infektionen des oberen Respirationstraktes, an Pneumonien und Tuberkulose, dermatologischen Erkrankungen (Scabies, Tinea vulgaris, Impetigo, Psoriasis), Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes (Gastritis, Ulcus pepticum), anscheinend psychosomatischen und psychiatrischen Erkrankungen, multiplen Schmerzen unklarer Genese, Otitis-media-Erkrankungen in allen Schweregraden, dentistischen Beschwerden, an Hypertonie, aber auch an klassischen Tropenkrankheiten wie Malaria, kutaner Leishmaniose oder Trachom. Nach Anamnese durch den Dolmetscher in Farsi oder Baluchi und einer körperlichen Untersuchung händigen wir die notwendigen Medikamente direkt aus. Patienten mit nicht ambulant behandelbaren Erkrankungen werden in ein iranisches Krankenhaus eingewiesen, was häufig schwierig ist. Patienten mit
chronischen oder kontrollbedürftigen Krankheiten erhalten ein internationales Krankenblatt und werden wieder einbestellt. Notwendige diagnostische Maßnahmen leitet der iranische Arzt des Lagers ein. Er ist eine der drei medizinischen Anlaufstellen des Flüchtlingslagers – neben „Ärzte ohne Grenzen“, die hauptsächlich Frauen und Kinder betreuen, und uns.
Es wird schnell deutlich, dass ständige Kommunikation und Arbeitsteilung dringend erforderlich sind. Während „Ärzte ohne Grenzen“ den Ernährungsstatus der Flüchtlinge bestimmen und eine Substitution sowie eine Impfaktion vorbereiten, dehnen wir in dieser Zeit unsere Sprechstunde aus. Da unsere Patientenzahlen ständig steigen und auch Patienten zu uns kommen, die primär unser iranischer Kollege behandelt hat, wollen wir den Grund dafür erfahren. Die Antwort der Patienten lautet ausnahmslos, wir untersuchten sie, was der iranische Arzt nicht tue. Ob dies der Realität entspricht, wissen wir nicht.
Viele Kinder sind in einem schlechten Zustand
Das Spektrum der Begegnungen mit den Patienten reicht von skurril bis erschütternd und tragisch. Da ist der Chef der örtlichen Mudschaheddin, der mit einem bekannten Hypertonus zu uns kommt und über Potenzprobleme klagt. Da andere Ärzte ihm einen Beta-blocker verordnet hatten, setzen wir diesen ab und geben ihm stattdessen einen ACE-Hemmer. Entweder wir gewinnen jetzt vollends die Sympathie der Mudschaheddin oder . . .
Es ist auffällig, dass die Mudschaheddin, die zunehmend unsere Sprechstunde aufsuchen, über Beschwerden klagen, die auf Gastritis beziehungsweise Ulcus pepticum deuten, und häufig auch an Hypertonie leiden. Krieg ist Stress!
Aber da ist auch der Flüchtling, der uns Röntgenbilder seiner Frau zeigt, auf der eindeutig eine Oberschenkelfraktur zu erkennen ist. Da er unsere Nachfragen über die eingeleitete Therapie nicht zufriedenstellend beantworten kann, begleiten wir ihn in sein Zelt und finden seine Frau – im siebten Monat schwanger – unbehandelt auf dem Boden liegend. Wir leiten umgehend eine Schmerztherapie ein – soweit dies möglich ist – und veranlassen den sofortigen Transport in ein iranisches Krankenhaus. Welcher Arzt hat diese Frau untersucht, geröntgt und dann unbehandelt wieder zurück ins Lager geschickt?
Am Abend erfahren wir bei einem Treffen der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) beim UNHCR, dass der Streit um die Kostenübernahme der Behandlung des Öfteren zu derartigen Situationen führt. Glücklicherweise kann mit den Mitarbeitern des iranischen Halbmondes geklärt werden, dass es bereits seit Wochen eine Vereinbarung mit dem UNHCR gibt, die die Kostenübernahme in solchen Fällen regelt.
Bemerkenswert sind die faszinierende ethnische Vielfalt der Patienten, aber auch die krassen Unterschiede, was den Gesundheits- und Ernährungszustand der Menschen angeht.
Der überwiegende Teil der Lagerflüchtlinge sind Kinder. Um ihre Versorgung kümmert sich hauptsächlich „Ärzte ohne Grenzen“.
Der überwiegende Teil der Lagerflüchtlinge sind Kinder. Um ihre Versorgung kümmert sich hauptsächlich „Ärzte ohne Grenzen“.
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Viele Kinder sind in einem außerordentlich schlechten Zustand. Besonders betroffen macht der apathische und depressive Ausdruck der Mädchen und jungen Frauen. Sie wirken verloren, hilflos, ohne Hoffnung und Zukunft. Die Vergangenheit, die fundamentalistische Auslegung des Islam den Frauen gegenüber, hat hier tiefe Wunden und Narben hinterlassen, die durch keine medikamentöse Therapie heilbar sind. Man kann nur ahnen, was sie erdulden mussten und vielleicht immer noch müssen.
Die medizinische Hilfe hat auch Symbolcharakter
Im Beisein der Ehemänner dürfen wir auch Frauen untersuchen. Zwar muss der Auskultationsbefund durch die dünne Kleidung erhoben werden, aber immerhin dürfen wir zumindest ansatzweise so etwas wie eine körperliche Untersuchung durchführen. Viele Frauen klagen über „whole body pain“, Ganzkörperschmerzen, die sicher in vielen Fällen auf eine psychosomatische Genese hindeuten.
An unserem letzten Tag fegt ein mittelschwerer Sandsturm über das Flüchtlingslager. Der Sand dringt durch jede Ritze im Behandlungszelt. Medikamentendosen, Otoskop und Stethoskop sind mit einem feinen Sandschleier bedeckt. Auch am Körper spüren wir überall den Sand. Doch die Patienten harren unter schwierigsten Bedingungen vor dem Zelt aus, bis sie endlich an der Reihe sind.
Wir erfahren von den französischen Kollegen von „Ärzte ohne Grenzen“, dass in der vergangenen Nacht im Lager zwei Kinder gestorben sind. Ein weiteres Kind sei außerhalb des Camps erfroren. Sie wollen nun erneut mit der Lagerleitung und dem iranischen Halbmond dringend notwendige Verbesserungen erörtern und massiv einfordern. Wir werden die Kollegen in dieser Zeit vertreten.
Was am Ende des Einsatzes bleibt, ist die Frage, ob unsere Tätigkeit hier sinnvoll und nützlich war. Die Bilanz:
- Die medizinische Versorgung dient in erster Linie der Existenzsicherung für einen gewissen Zeitraum in der Hoffnung, dass sich die grundlegenden Lebensumstände ändern werden. Vor Ort hat diese Form der ärztlichen Versorgung nur Sinn, wenn parallel präventiv gearbeitet wird. Die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln muss gewährleistet sein. Verbessert werden müssen die hygienischen Verhältnisse. Es muss ausreichend viele Latrinen und Waschmöglichkeiten geben. Die Menschen müssen über hygienische Standards aufgeklärt werden. Ein Gesamtkonzept notwendiger Maßnahmen muss erstellt und in Absprache mit den vor Ort tätigen Hilfsorganisationen umgesetzt werden. Kommunikation und Kooperation sind notwendig, Konkurrenz hat hier keinen Platz.
- Der Symbolcharakter humanitärer Hilfe vor Ort, die persönlichen zwischenmenschlichen Begegnungen sind ebenfalls bedeutsam. Die Erfahrung, dass Menschen von sehr weit her gekommen sind, um den allzu oft zu schnell vergessenen Opfern von Krieg und Terrorismus in ihrer fast unerträglichen Lebenssituation zu helfen, hat für sich allein genommen schon einen Stellenwert.
- Dass Christen nicht nur mit Gewalt assoziiert werden, sondern auch mit dem Versuch, Muslimen in ihrer Not zu helfen, ist mehr als ein Symbol. Das wurde uns in vielen Gesprächen immer wieder bestätigt.
- Die Menschen in Europa und Nordamerika für die Lebenssituation der afghanischen Bevölkerung zu sensibilisieren ist immer wieder aufs Neue sinnvoll und notwendig.
Es bleibt die Frage, ob man mit Stethoskop (medizinischer Versorgung) und Kreidetafel (Bildung) nicht mehr gegen die Wurzeln des Terrorismus ausrichten kann als mit Gewehrkugeln und Bomben.

Prof. Dr. med. Gerhard Trabert
Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg
University of Applied Sciences
Bahnhofstraße 87
90402 Nürnberg
E-Mail: gerhard.trabert@fh-nuernberg.de

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