ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2002Sexualstraftäter und Maßregelvollzug: „Bei der Prognose läuft viel schief“

WISSENSCHAFT

Sexualstraftäter und Maßregelvollzug: „Bei der Prognose läuft viel schief“

PP 1, Ausgabe Februar 2002, Seite 75

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Probleme der Kriminalprognose und das Verhältnis der Medien zu
Sexualstraftätern waren Themen auf dem Deutschen Psychologentag in Bonn.

Sie küssen und sie schlagen ihn – die Medien den Sexualstraftäter. Sie küssen ihn, weil er einen brisanten Stoff fokussiert, der auf breites Interesse stößt. Sie schlagen ihn, weil er sich wie kein anderer zum Sündenbock eignet. Der Journalist Werner Krebber untersuchte das Verhältnis der Medien zu psychisch kranken Rechtsbrechern und plädiert vor allem für eine Versachlichung der Diskussion um Sexualstraftäter (1). Seiner Ansicht nach unterschätzen besonders die elektronischen Medien und die Boulevardpresse die Wechselwirkung zwischen ihrer Darstellung und der Einstellung der Bevölkerung. Im Gerangel um die Quote werde der Straftäter – platt vereinfacht – als das „personifizierte Böse“ dargestellt, der staatliche Dienstleistungen in Anspruch nimmt, die ihm nicht zustehen. Dementsprechend sei die Sicherheit der Bevölkerung in den letzten Jahren stärker in den Vordergrund gerückt, die therapeutische Hilfe für den Täter dagegen zurück- gegangen, erklärte Krebber beim Deutschen Psychologentag, dem Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP), Bonn.
Die sensationslüsterne Berichterstattung der Medien verhindere Rationalität. Doch die Politik, die unmittelbar auf die Medien reagiere, mache die Sache nicht besser. Allzu gern geben Politiker populistischem Druck nach, jüngstes Beispiel war die Forderung von Bundeskanzler Gerhard Schröder in der „Bild am Sonntag“, Sexualstraftäter „für immer wegzuschließen“.
Für die oft unter Zeitdruck arbeitenden Journalisten sei es nicht leicht, die komplexen Zusammenhänge verständlich darzustellen, räumte Krebber ein, vor allem wenn es um die Motive des Täters geht: „Wie vermitteln Journalisten das, was selbst für Fachleute oft unbenennbar ist?“ Sinnvoll wäre, wenn die psychiatrische Fachwelt Journalisten zum Beispiel Weiterbildungsangebote unterbreiten würde, um die komplizierte Thematik transparenter zu machen. Die Journalisten hingegen sollten ihr Interesse auch auf die Missstände im Maßregelvollzug lenken: überfüllte forensische Kliniken und zu wenig Gutachter, deren Qualifikation zudem oft verbesserungswürdig erscheint. „Bei einem Gerichtsprozess konzentriert sich das Medieninteresse nur auf die Person des Gutachters und bei einem Rückfall auf die ‚falsche‘
Prognose“, kritisiert Krebber.
100-prozentige Prognose-Sicherheit gibt es nicht
„Prognosen können keine hundertprozentige Sicherheit geben“, sagte Lutz Gretenkord, Leitender Psychologe an der Klinik für forensische Psychiatrie Haina. Doch könnte das Prognoseverfahren in kleinen Schritten verbessert werden. Wesentliches Kriterium für ein psychiatrisches Gutachten ist die Frage, ob weitere Straftaten zu erwarten sind. Gretenkord schlägt vor, Prognosen mehr als bisher auf empirische Untersuchungsergebnisse zu stützen. Allerdings gebe es nur wenige solcher Rückfälligkeitsuntersuchungen. Eine der wenigen erstellte er selbst:
In einer Follow-up-Studie untersuchte Gretenkord die Rückfälligkeit von 188 Straftätern (eingewiesen nach § 63 StGB), die zwischen 1977 und 1985 aus der Klinik für forensische Psychiatrie Haina entlassen wurden (2). Bei den Untersuchten überwogen begangene Gewaltdelikte.
Ergebnisse: 107 der 188 ehemaligen Patienten (57 Prozent) hatten nach ihrer Entlassung keinen Eintrag im Bundeszentralregister; 81 Einträge lagen wegen Bagatelldelikten oder Verstößen gegen Bewährungsauflagen vor. 56 Patienten (29 Prozent) kamen erneut in Freiheitsentzug; davon begingen 22 wiederholt ein Gewaltdelikt und drei ein Sexualdelikt ohne Gewalt.
Gretenkord zog die 22 mit Gewalttätigkeitsdelikten rückfällig gewordenen Männer heran, um Variablen für die Prognose zu ermitteln. Danach werden Patienten eher rückfällig,
- die eine Heimunterbringung hinter sich haben,
- die an einer Persönlichkeitsstörung leiden,
- die mit einem Gewaltdelikt vorbelastet waren,
- die während der Unterbringung im Maßregelvollzug mindestens zweimal gewalttätig waren.
Je älter der Entlassene ist, desto geringer ist das Rückfallrisiko. Falsche Prognosen können leicht entstehen, wenn der Gutachter
- sich ausschließlich auf diese Variablen verlässt,
- die Prozentangaben der Rückfallwahrscheinlichkeitstabellen überbewer-
tet,
- auf die „klinische Prognose“, das heißt die gründliche Analyse des Einzelfalls, verzichtet,
- den gesunden Menschenverstand ausschaltet.
Gretenkord plädiert dafür, bei jedem nach § 63 StGB Untergebrachten jährlich zu entscheiden, ob er entlassen werden kann. Wichtig sei auch eine ambulante forensische Nachbetreuung, die die Rückfallwahrscheinlichkeit senkt. Generell kritisiert er die Neigung einiger psychiatrischer Gutachter, bei einem Prozess die Rolle des Richters einzunehmen: „Das ist ein unhaltbarer Zustand.“
„Sexualstraftäter werden so gut wie nicht mehr entlassen – 36 Prozent verbringen mehr als elf Jahre im Maßregelvollzug“, kritisierte Dr. phil. Sabine Nowara, psychologische Gutachterin, Supervisorin und Lehrtherapeutin. In einem bundesweiten groß angelegten Forschungsprojekt untersuchte die neue Vorsitzende der Sektion Rechtspsychologie des BDP Rückfalldelinquenz, Vorbelastung und Entwicklung von Sexualstraftätern, die 1987 mit Maßregelanordnung (§§ 63, 64 StGB) verurteilt worden waren (3). Es zeigte sich, dass die zur Unterbringung in einer Entziehungsanstalt Verurteilten
(§ 64 StGB), bei denen ein Alkohol- oder Drogenproblem im Vordergrund stand, besser behandelbar sind: Bei diesen Patienten betrug die Rückfalldelinquenz 15 Prozent. Dagegen begingen diejenigen, bei denen eine Maßregel in einer psychiatrischen Klinik angeordnet war (§ 63 StGB), in 40 Prozent der Fälle ein einschlägiges Rückfalldelikt. Wurde bei den nach § 63 Verurteilten die Strafe direkt zur Bewährung ausgesetzt, lag die Rückfallquote bei 25 Prozent. Nowara wies darauf hin, dass bei den meisten Tätern „das klassische Bild von schief gelaufener Sozialisation“: Misshandlungen in der Kindheit, Heimaufenthalte und Sonderschule, vorlag. Dabei stellten Sexualstraftäter keineswegs eine homogene Gruppe dar, denn viele verübten auch sonstige Straftaten.
Nowara bemängelte, dass bei den Begutachtungen „sehr viel schief läuft“. Kommt es zu einschlägigen Rückfalldelikten, werden diese recht schnell nach der Entlassung verübt, habe die Studie gezeigt. Dies weise darauf hin, dass wichtige prognostische Aspekte bei der Entlassungsentscheidung außer Acht gelassen wurden, oder auch, dass die Nachsorge mangelhaft war. Nowara fordert daher eine differenziertere Entlassungsprognostik, gegebenenfalls müsse ein externer Sachverständiger hinzugezogen werden. Notwendig sei auch eine bessere Aus- und Weiterbildung der im Maßregelvollzug Tätigen sowie bei jedem Entlassenen eine qualifizierte ambulante Nachsorge.
Petra Bühring

Literatur
1. Krebber W: Sexualstraftäter im Zerrbild der Öffentlichkeit. Fakten – Hintergründe – Klarstellungen. Konkret Literatur Verlag, 1999.
2. Gretenkord L: Empirisch fundierte Prognosestellung im Maßregelvollzug nach § 63 StGB – EFP-63. Bonn: Deutscher Psychologen Verlag.
3. Nowara S: Sexualstraftäter und Maßregelvollzug. Eine empirische Untersuchung zu Legalbewährung und kriminellen Karrieren. Wiesbaden: KUP – Schriftenreihe der Kriminologischen Zentralstelle e.V.
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