ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2002Der ferne Vater – Zur Psychoanalyse von Vatererfahrung, männlicher Entwicklung und negativem Ödipuskomplex

BÜCHER

Der ferne Vater – Zur Psychoanalyse von Vatererfahrung, männlicher Entwicklung und negativem Ödipuskomplex

PP 1, Ausgabe Februar 2002, Seite 82

Aigner, Josef Christian

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LNSLNS Psychoanalyse
Anwesende Väter gefordert
Josef Christian Aigner: Der ferne Vater – Zur Psychoanalyse von Vatererfahrung, männlicher Entwicklung und negativem Ödipuskomplex. Bibliothek der Psychoanalyse, Psychosozial-Verlag 2000, 440 Seiten, 34,90 €.
Es gibt Bücher, die kommen als vermeintlich spröde wissenschaftliche Themendiskussion daher und entpuppen sich bei der Lektüre als spannendes Lehrbuch. Dieses Buch ist dafür ein Beispiel. Der österreichische Psychoanalytiker schuf ein Werk, das ein Gesamtbild der Vaterfigur in der Psychoanalyse, aber auch in der Gesellschaft zeichnet.
Im Schnelldurchgang macht Aigner den Leser mit der sich wandelnden Rolle des Vaters in den vergangenen Jahrhunderten vertraut, wobei deutlich wird, dass den großen Bedeutungszuschreibungen für den Vater in den Strebungen eines Kindes in umgekehrter Richtung – also der Beziehung der Väter zu ihren Kindern – ein „theoretisches Loch“ gegenübersteht. Der Autor sammelt und diskutiert die Stimmen derer, die sich zu Wort gemeldet haben. Dabei kratzt er an psychoanalytischen Denkmalen: Freud beispielsweise, „schien einseitig die aggressiven Strebungen der Kinder zu verfolgen und die Väter als relativ zahm wahrzunehmen . . .“.
Aigner bietet den Lesern eine leidenschaftliche wissenschaftliche Diskussion vor ernstem Hintergrund. Denn Vaterferne begünstigt vor allem bei männlichen Heranwachsenden Neigungen zu Gewalt, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Zahlreiche empirische Studien haben das bereits belegt, und auch hier ist die Auswertung von Interviews mit ehemaligen Skinheads angefügt. Vor diesem Hintergrund entwickelt Aigner seine Theorie, dass weder Vaterferne noch -abwesenheit zwangsläufig zu Gewaltbereitschaft führen müssen. Vielmehr beklagt er das Fehlen von liebenden, trauernden, zärtlichen Männerrepräsentanzen in der frühesten Kindheit.
Mit Verve fordert der Autor eine „sozialpolitische Wende“ weg von der Allverfügbarkeit des Menschen und hin zu mehr Individualität, die auch Männern eine selbstverständlichere Anwesenheit und damit Nähe zu Kindern einräumt. Denn solange die Erziehungszeit „des Vaters wegen der Einkommensungleichkeit für die meisten Familien einen massiven Einkommensverlust nach sich zieht“, werden Männer abwesend sein und Frauen Familienarbeit leisten. Er führt ein Plädoyer für familien- und sozialpolitische Maßnahmen, die das Zusammenleben der Kinder mit Vater-Männern auf allen Ebenen einleiten. Andrea Schneider
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