ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2002Psychotherapie der Borderline-Störungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend

BÜCHER

Psychotherapie der Borderline-Störungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend

PP 1, Ausgabe Februar 2002, Seite 83

Dammann, Gerhard; Janssen, Paul L.

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Borderline-Störungen
Weg vom Stigma der Unbehandelbarkeit

Gerhard Dammann, Paul L. Janssen (Hrsg.): Psychotherapie der Borderline-Störungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York, 2001, XII, 281 Seiten, 6 Abbildungen,
9 Tabellen, kartoniert, 40,39 €
Wenn 15 bis 25 Prozent der Patienten in den deutschen psychiatrischen Kliniken an einer Borderline-Störung leiden und einige epidemiologische Studien den Schluss nahe legen, dass diese Störungen im Begriff sind, sich zu einem Massenphänomen zu entwickeln, ist der Versuch der Herausgeber verdienstvoll, einen komprimierten Überblick über die verschiedenen therapeutischen Ansätze zu geben.
Die seit 1920 von Psychoanalytikern beschriebene Pathologie differenzierte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem eigenständigen klinischen Syndrom. Die grundlegenden Arbeiten von Otto F. Kernberg zur Borderline-Persönlichkeits-Organisation beschreiben Unterschiede der Abwehrformation, der Identität, der Objektbeziehungen, der Realitätsprüfung und der Übertragungsentwicklung. Dieses psychodynamische Konzept erfuhr eine wichtige Ergänzung durch die Aufnahme der deskriptiven Diagnose der Borderline-Störung im DSM-III.
Während Leon Wurmser der Ansicht ist, dass die Behandlung zwar Modifizierungen erforderlich mache, im Wesentlichen jedoch an der psychoanalytischen Behandlungstechnik festhalten könne, halten andere Autoren (beispielsweise Gerhard Damman) ein störungsspezifisches Vorgehen für unabdingbar. Sie verdeutlichen dies an der Therapievereinbarung, einem spezifischen Parameter der übertragungsfokussierten, psychodynamischen Therapie. Es geht um die Kontroverse, ob das Agieren der Patienten eines strukturierenden Rahmens bedarf oder ob das Agieren durch eine Analyse der zugrunde liegenden Scham- und Schuldaffekte sowie Allmachtsfantasien aufgelöst werden kann.
Die Beiträge zur stationären Behandlung beschreiben Indikation und Wirkfaktoren dieses Settings. Am weitesten geht Birger Dulz mit seiner Forderung nach besonderen Abteilungen zur Behandlung von Borderline-Patienten, da nur so das inzwischen vorhandene störungsspezifische Wissen für diese Patientengruppe umgesetzt werden könne.
Die behavioralen und kognitiven Ansätze beschreiben die theoretischen Grundlagen der Dialektisch-Behavioralen Therapie als Zusammenwirken von genetischen und psychosozialen Belastungsfaktoren, die klinisch zu einer Störung der Affektgenerierung mit hoher Dissoziationsneigung und durch negative Rückkopplung zu dysfunktionalen Grundannahmen führen.
Vorgestellt werden weiter die gesprächspsychotherapeutischen Ansätze und die von Luise Reddemann entwickelte psychodynamisch imaginative Traumatherapie sowie psychiatrische Behandlungsansätze, einschließlich Psychopharmakotherapie. Der systemische Ansatz einer zehnstündigen Kurztherapie fällt angesichts der Schwere der Störung, die in allen anderen Beiträgen einen deutlichen Niederschlag in der Behandlungsdauer findet, aus dem Rahmen. Man sollte sich fragen, ob dieser nicht der Ambivalenz der Patienten, sich auf eine therapeutische Beziehung einzulassen, Vorschub leistet.
Annette Streeck-Fischer beschreibt für die Behandlung früher Entwicklungsstörungen im Kinder- und Jugendlichenalter die Bedeutung einmaliger und anhaltender traumatischer Belastungen und wendet sich gegen die einseitige Betonung primitiver Aggression als zentralem Element der Störung, da dadurch die zerstörerischen Wirkungen schwerwiegender realer Belastungen auf die kindliche Psyche geleugnet würden. Ihr engagierter Beitrag verdeutlicht die Notwendigkeit der empathischen Anerkenntnis von erlittenem schwerem Leid bei der Entstehung der Borderline-Störung und ihrer Behandlung.
Den Abschluss des Buches bildet die synoptische Darstellung der Bausteine einer allgemeinen Psychotherapie der Borderline-Störung. Diese beziehen sich unter anderem auf Therapievertrag, aktive Klärung, technische Neutralität, Umgang mit aggressiven und destruktiven Aspekten, ausreichend lange therapeutische Beziehung, Beachten und Analysieren der Gegenübertragung, dialektische Vorgehensweise und kontinuierliche Supervision.
Das Buch bietet einen guten Überblick der Möglichkeiten, offenen Fragen und kontroversen Ansätze der Behandlung einer Patientengruppe, die es verdient, vom Stigma der Unbehandelbarkeit oder der „heroischen Indikation“ befreit zu werden. Karin Bell
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