ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2002Disease-Management-Programme: Krankenkassen mit später Einsicht

POLITIK

Disease-Management-Programme: Krankenkassen mit später Einsicht

PP 1, Ausgabe März 2002, Seite 103

Rabbata, Samir

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Der Vorsitzende des Koordinierungsausschusses, Karl Jung, ist überzeugt, dass DMP ohne Beteiligung der KVen nicht möglich sind. Foto: Eberhard Hahne
Der Vorsitzende des Koordinierungsausschusses, Karl Jung, ist überzeugt, dass DMP ohne Beteiligung der KVen nicht möglich sind. Foto: Eberhard Hahne
Der Koordinierungsausschuss hat vier Krankheitsbilder für spezielle Behandlungsprogramme empfohlen. Die Kassen signalisieren Interesse an einer Zusammenarbeit mit den KVen.

Disease Management ist schon seit Monaten ein zentraler Begriff in der gesundheitspolitischen Diskussion. Trotzdem geht der Name für die geplanten Chroniker-Programme immer noch nicht flüssig über die Lippen. Zu schwierig für ältere Patienten, findet der Vorstandsvorsitzende der Barmer Ersatzkasse, Dr. med. Eckhart Fiedler, der eine baldige Umbenennung der Disease-Management-Programme (DMP) ankündigte.
Während nach einem neuen Namen für DMP gesucht wird, nimmt ihre konkrete Ausgestaltung Form an. Der Koordinierungsausschuss (§137e SGB V) der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen konnte sich auf vier Krankheitsbilder einigen, für die strukturierte Behandlungsprogramme entworfen werden sollen. Diabetes mellitus, chronische obstruktive Atemwegserkrankungen, Brustkrebs und koronare Herzerkrankungen sollen nach dem Willen des Ausschusses vom Bundesversicherungsamt (Bonn) für DMP zugelassen werden. Die Programme sollen sicherstellen, dass Krankenkassen, die sich gezielt um eine Verbesserung der Versorgung chronisch Kranker bemühen, kein finanzieller Nachteil entsteht. Ihnen werden im Rahmen des Risiko­struk­tur­aus­gleiches zwischen den Kassen erhöhte standardisierte Leistungsausgaben zugeschrieben.
„Wir haben uns auf die gesetzlich erforderliche Mindestzahl von vier Krankheiten beschränkt, weil es sich bei den Behandlungsprogrammen um eine völlig neue Art von Verwaltungsaufgaben handelt, deren Aufwand und Kosten noch nicht im Einzelnen zu übersehen sind“, sagt der Vorsitzende des Koordinierungsausschusses, Karl Jung. Dabei habe man sich bei der Auswahl der Krankheitsarten an die gesetzlichen Entscheidungskriterien gehalten. Dazu zählten unter anderem die Zahl der Betroffenen und die Möglichkeiten zur Verbesserung der Versorgungsqualität. Man müsse außerdem prüfen, ob sektorübergreifender Behandlungsbedarf bestehe und inwieweit evidenzbasierte Leitlinien verfügbar seien, so Jung.
Ärzteschaft bei Ausgestaltung von DMP beteiligt
Im Koordinierungsausschuss entscheiden die Bundes­ärzte­kammer (BÄK), die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sowie die Deutsche Krankenhausgesellschaft gemeinsam mit den Krankenkassen darüber, welche Krankheiten für DMP infrage kommen und wie die qualitativen Anforderungen von Disease-Management-Programmen aussehen sollen. Nach den ursprünglichen Plänen des BMG sollten die Krankenkassen eigenständig DMP auflegen und umsetzen dürfen. BÄK und KBV äußerten dagegen Bedenken. Ohne die Beteiligung ärztlichen Sachverstandes sei eine Ausgestaltung der Behandlungsprogramme nach überwiegend ökonomischen Gesichtspunkten zu befürchten, kritisierte die Ärzteschaft und erreichte eine Änderung des Gesetzentwurfs. Nicht gefolgt ist der Gesetzgeber der Forderung der Ärzteschaft, bei der Vertragsgestaltung der DMP auf regionaler Ebene mit
am Tisch zu sitzen. Einzelverträge zwischen Ärzten und Krankenkassen sind deshalb möglich. Die Lage habe sich aber mittlerweile weitgehend geändert, stellt Jung fest. Die Krankenkassen hätten großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen). „Die Kassen gehen auf die KVen zu. Sie haben eingesehen, dass eine sachgerechte Umsetzung von DMP ohne die KVen gar nicht zu machen ist“, so Jung. Es sei aber normal, dass angesichts der neuen Herausforderungen bestimmte Positionen neu überdacht werden müssten. Dies zeige sich auch daran, dass für den Wettbewerbsgedanken bei DMP wenig Spielraum bleibe. Jung: „Die Programme werden nur funktionieren, wenn sie einheitlich angelegt sind. Es ist doch völlig klar, dass die Definition medizinischer Parameter im Norden nicht von der im Süden abweichen darf. Diese Einsicht hat sich auch bei den Kassen durchgesetzt.“
Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) muss nun entscheiden, ob es den Empfehlungen des Koordinierungsausschusses folgt. Nach der Festlegung der Krankheiten durch das BMG wird der Ausschuss die Anforderungen an die konkrete Ausgestaltung der Programme beschließen. Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten die Spitzenorganisationen der ambulanten und stationären Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen, die Spitzenorganisationen der Selbsthilfe und andere Leistungserbringer. Danach sollen die Anforderungen an die Disease-Management-Programme in einer Rechtsverordnung des BMG festgelegt werden. Wie lange es dauern wird, bis die ersten chronisch kranken Patienten im Rahmen der neuen Programme behandelt werden, ist noch unklar. Jung ist aber optimistisch. „Alle Beteiligten sind daran interessiert, DMP so schnell wie möglich zu realisieren. Der Koordinierungsausschuss wird seinen Beitrag fristgerecht leisten und damit die Handlungsfähigkeit der Selbstverwaltung unter Beweis stellen.“ Bis dahin ist sicher auch ein neuer Name für die Programme gefunden. Samir Rabbata
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