ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2002KBV-Studie zu Arztzahlen: Überaltert und zu wenig Nachwuchs

POLITIK

KBV-Studie zu Arztzahlen: Überaltert und zu wenig Nachwuchs

PP 1, Ausgabe März 2002, Seite 108

Kopetsch, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
In absehbarer Zeit kann es zu Engpässen in der ambulanten Versorgung kommen. Betroffen ist vor allem der hausärztliche Sektor – besonders in den neuen Bundesländern.

Jahrelang prägte der Begriff „Ärzteschwemme“ die gesundheitspolitische Diskussion. Einige Prognosen gingen sogar von bis zu 60 000 arbeitslosen Ärztinnen und Ärzten im Jahr 2000 aus. Eine derart gravierende Entwicklung ist nicht eingetreten, stattdessen mehren sich die Zeichen, dass in absehbarer Zeit von einem Ärztemangel die Rede sein wird.
Die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung über die Altersstruktur- und Arztzahlentwicklung belegen den bereits jetzt erkennbaren Trend: Das Durchschnittsalter der Vertragsärzte steigt permanent. Es ist seit 1993 um etwa drei Jahre auf rund 49,5 Jahre im Jahr 2000 gestiegen. Auch bei den Krankenhausärzten ist eine solche Entwicklung zu beobachten; hier ist das Durchschnittsalter im selben Zeitraum um knapp zwei Jahre gestiegen.
Unter den Facharztgruppen stehen bundesweit die Chirurgen mit 50,6 Jahren an der Spitze der Alterspyramide, gefolgt von den Internisten und den Kinderärzten mit jeweils 50,4 Jahren. In den neuen Bundesländern bilden die Kinderärzte mit 51,5 Jahren sogar die älteste Arztgruppe.
Zwischen 1995 und 2000 ist der Anteil der über 59-jährigen Ärzte an allen Vertragsärzten um 40 Prozent gestiegen, der Anteil der über 59-Jährigen ist sogar um knapp 45 Prozent gewachsen.
Parallel zum Anstieg des Durchschnittsalters sinkt der Anteil der jüngeren Ärzte. Waren 1991 noch 27,4 Prozent aller berufstätigen Ärztinnen und Ärzte unter 35 Jahre alt, so waren dies im Jahre 2000 nur noch 18,8 Prozent – ein Rückgang um rund ein Drittel. Der medizinischen Profession droht ein ernstes Nachwuchsproblem.
Zwar ist die Zahl der Studienanfänger in den letzten acht Jahren relativ konstant geblieben, aber seit sieben Jahren sinkt die Gesamtzahl der Medizinstudenten (um 11,3 Prozent), und seit sechs Jahren ist die Zahl der Absolventen rückläufig (um 23 Prozent). Daraus folgt, dass die Zahl der Studienabbrecher beziehungsweise der Medizinstudenten, die in ein anderes Fach wechseln, kontinuierlich zunimmt. Mittlerweile sind das etwa 2 400 pro Jahr.
25 Prozent weniger
Ärzte im Praktikum
Ein weiterer Indikator: Seit fünf Jahren ist sowohl die Zahl der Ärzte im Praktikum als auch die Zahl der Approbationen rückläufig. Von 1995 bis 2000 gab es ein Viertel weniger ÄiP. Diese Entwicklung hat noch keinen unmittelbaren Einfluss auf die Zahl der Ärzte in der Weiterbildung. Bei den Facharztanerkennungen ist allerdings bereits eine leicht rückläufige Tendenz zu erkennen.
Das von der Politik gewünschte Verhältnis „Hausärzte zu Fachärzte“ von 60 zu 40 bestand noch im Jahr 1991. Seither ist der Spezialistenanteil um ein Fünftel auf knapp 48 Prozent gestiegen. Der generelle Trend zur fachärztlichen Versorgung dauert jedoch schon seit Ende der Siebzigerjahre an. Damals lag der Anteil der Fachärzte an der ambulanten Versorgung bei 34,6 Prozent.
Der Anteil der berufstätigen Ärzte, der in anderen Bereichen tätig ist, ist seit Jahren relativ konstant, er liegt bei neun Prozent. Damit gibt es keinen statistisch relevanten Hinweis, dass (approbierte) Ärzte ihren klassischen Tätigkeitsfeldern – Krankenhaus und Praxis – den Rücken kehren und sich vermehrt alternativen Berufsfeldern zuwenden.
In wenigen Jahren werden einige Facharztgruppen in der ambulanten Versorgung höhere Abgänge als Zugänge haben. Dies wird im Jahre 2004 bei den Augenärzten so sein, im Jahr darauf bei den Radiologen. Ab 2006 werden aller Voraussicht nach die Allgemein-/Praktischen Ärzte, Frauenärzte und Kinderärzte weniger werden. 2007 trifft es dann die HNO-Ärzte, Urologen und Internisten. Schließlich sind im Jahre 2008 auch die Chirurgen, Hautärzte und Orthopäden tangiert.
Dies bedeutet allerdings nicht, dass die vertragsärztliche Versorgung der Bevölkerung akut bedroht wäre. Durch das altersbedingte Ausscheiden von Ärzten kommt es vielmehr zunächst zu einer Konsolidierung der Arztzahlen. Die gegenwärtige Einwohner-Arzt-Relation verändert sich bis zum Jahre 2010 kaum, da auch die Bevölkerungszahl rückläufig ist.
Bei der Analyse der demographischen Entwicklung der Bevölkerung wird allerdings deutlich, dass die damit einhergehende Wandlung des Morbiditätsspektrums und die steigende Multimorbidität eine höhere Zahl an Ärzten zwingend notwendig macht, um den künftigen Behandlungserfordernissen gerecht werden zu können. Darüber hinaus fordert der medizinische Fortschritt einen größeren Behandlungsaufwand – und damit verbunden einen erhöhten Bedarf an Ärzten.
„Lotsen“ mit den größten
Nachwuchssorgen
Aus der Sicht des Gesetzgebers kommt dem Facharzt für Allgemeinmedizin künftig ein besonderer Stellenwert zu. Er soll „Lotse durch das Gesundheitswesen” sein. Deshalb ist gesetzlich geregelt, dass ab dem Jahr 2006 frei werdende Hausarztsitze grundsätzlich nur noch durch Fachärzte für Allgemeinmedizin (mit einer fünfjährigen Weiterbildung) zu besetzen sind. Allerdings hat die Zahl der Allgemein-/Praktischen Ärzte im Zeitraum von 1995 bis 2000 in den alten Bundesländern um etwa 0,7 Prozent und in den neuen Bundesländern um 3,2 Prozent abgenommen. Die Altersstruktur dieser Arztgruppe und auch die der hausärztlich tätigen Internisten lässt in der nächsten Zeit weitere, hohe Abgänge erwarten.
Das derzeit laufende Initiativprogramm zur Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin wird trotz aller Anstrengungen voraussichtlich nicht dazu führen, dass alle ausscheidenden Hausärzte durch Allgemeinärzte ersetzt werden können. Hinzu kommt, dass die höchsten Abgänge erst ab dem Jahr 2005 zu erwarten sind. Soll die hausärztliche Versorgung also nicht in Gefahr geraten, muss wohl auch längerfristig über ein geeignetes Anreizsystem nachgedacht werden.
Besonders vordringlich ist der Handlungsbedarf in den neuen Bundesländern. In den nächsten zehn Jahren werden dort wahrscheinlich 35 bis 40 Prozent der Hausärzte ausscheiden. Adäquater Nachwuchs ist nicht in Sicht. Die verbleibenden Ärzte werden nicht ausreichen, um die hausärztliche Versorgung sicherstellen zu können.
Da auch die Pädiater eine wichtige Rolle in der hausärztlichen Versorgung spielen und ihre Altersstruktur ebenfalls ungünstig ist, lohnt auch hier eine nähere Analyse. Die Betreuungsrelation hat sich in den vergangenen zehn Jahren um etwa zehn Prozent verbessert, von 3 172 auf 2 850 Kinder je Vertragsarzt. Die Situation bei den Kinderärzten stellt sich insgesamt betrachtet nicht dramatisch dar, weil der Rückgang bei den Kinderärzten mit rückläufigen Kinderzahlen einhergeht: Bis zum Jahr 2010 wird es neun Prozent weniger Kinderärzte
geben – aber auch neun
Prozent weniger Kinder und
Jugendliche. Dennoch: In
den neuen Bundesländern könnten Engpässe bei der flächendeckenden Versorgung von Kindern und Jugendlichen durch niedergelassene Kinderärzte entstehen.
Die Zahl der arbeitslos gemeldeten Ärzte ist seit ihrem Höchststand im Jahre 1997 kontinuierlich rückläufig. Die Arbeitslosenquote bei Ärzten liegt im Moment bei lediglich 2,4 Prozent. Angesichts der Entwicklung auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt ist zu erwarten, dass die Arbeitslosigkeit bei Ärzten gänzlich verschwinden wird. Die Stellenangebote nehmen seit Januar 1999 Monat für Monat zu und haben mit 3 600 offenen Stellen im Januar 2002 einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. So positiv diese Entwicklung ist, die Kehrseite der Medaille heißt: In absehbarer Zeit können entstehende Lücken nicht mehr aus dem Reservoir bis dahin arbeitsloser Ärzte gefüllt werden.
Zuwanderung ohne große
Auswirkungen
Will man valide Aussagen über die zukünftige Arztzahlentwicklung treffen, muss auch die Zuwanderung von ausländischen Ärzten in Betracht gezogen werden. Die Analyse hat ergeben, dass von 1995 bis 2000 eine Zuwanderung ausländischer Ärzte im Rahmen der allgemeinen Arztzahlentwicklung stattgefunden hat, wobei in dieser Zeit verstärkt Ärzte aus Osteuropa, speziell aus der ehemaligen Sowjetunion und dem früheren Jugoslawien, nach Deutschland gekommen sind. Auch in Zukunft könnten Ärzte aus diesen Regionen verstärkt bereit sein, in Deutschland tätig zu werden. Dies würde allerdings die ohnehin schon angespannte Versorgungslage in ihren Heimatländern weiter verschärfen.
Wandern umgekehrt zunehmend mehr deutsche Ärzte ins Ausland ab? Zumindest hat sich dieser zuletzt häufig beschriebene Trend in der Statistik noch nicht ausgewirkt. Die Zahl der jährlichen Erstmeldungen von deutschen Ärztinnen und Ärzten bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern liegt fast durchgängig über den Absolventenzahlen des entsprechenden Jahres. Daraus ergibt sich keine messbare Zahl an Auswanderungen von deutschen Ärzten; der Wanderungssaldo ist vielmehr positiv.
Auch eine weitere zurzeit kursierende These, wonach von den rund 12 000 Absolventen, die jährlich ihr Medizinstudium beenden, derzeit nur rund 6 000 auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt ankämen, kann nicht bestätigt werden. Tatsächlich sieht momentan die Entwicklung so aus: Von den 12 000 Studenten, die mit einem Medizinstudium beginnen, machen knapp 9 500 den Abschluss. Das heißt: Etwa 2 500 Studenten (etwa ein Fünftel) brechen das Medizinstudium ab oder wechseln das Studienfach. Von denjenigen Studenten, die einen Abschluss gemacht haben, beginnen nur etwa 7 500 (allerdings mit sinkender Tendenz) mit dem obligatorischen Praktikum.
Fazit: Die deutsche Ärzteschaft überaltert und bekommt zugleich Nachwuchsprobleme. Bedingt durch die Altersstruktur werden immer mehr Ärzte in den nächsten Jahren in den Ruhestand treten. Da die Bevölkerungszahl ebenfalls rückläufig ist, bleibt die Einwohner-Arzt-Relation im Wesentlichen unverändert. Ausnahmen ergeben sich bei der Allgemeinmedizin. Dort wird es zu Versorgungsengpässen – in erster Linie in den neuen Bundesländern – kommen, wenn nicht entschieden gegengesteuert wird. Zugleich muss es gelingen, bei rückläufigen Absolventenzahlen, überproportional viele junge Ärzte für die Allgemeinmedizin zu gewinnen.
Die ambulante Versorgung dürfte auch von Entwicklungen im stationären Sektor betroffen sein. Dort sind mit der möglichen Änderung des Arbeitszeitgesetzes aufgrund des EuGH-Urteils vom 3. Oktober 2000 und der Einführung des DRG-Vergütungs-Systems bemerkenswerte Umwälzungen im Gange, deren Auswirkungen auf den ambulanten Sektor derzeit noch nicht absehbar sind.
Bedenklich muss schließlich die Entwicklung stimmen, dass immer weniger Medizinstudenten ihr Studium abschließen und immer mehr Absolventen eines Studiums der Humanmedizin letztlich nicht ärztlich tätig werden.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 544–547 [Heft 9]

Anschrift des Verfassers:
Dr. rer.pol. Thomas Kopetsch
Kassenärztliche Bundesvereinigung
Herbert-Lewin-Straße 3, 50931 Köln
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema