ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2002Armuts- und Reichtumsbericht: Lücken füllen

POLITIK

Armuts- und Reichtumsbericht: Lücken füllen

PP 1, Ausgabe März 2002, Seite 111

Richter, Eva A.

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LNSLNS Weitere Gutachten sollen die verschiedenen Lebenslagen
in Deutschland genauer analysieren.

Relativ wenig ist derzeit über Armut und Reichtum in Deutschland sowie soziale Ausgrenzung bekannt. Als einen ersten großen Schritt bei der Analyse der Lebenslagen wertete Prof. Dr. Richard Hauser, Universität Frankfurt am Main, den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, den diese vor einem Jahr vorlegte. Er soll die Grundlage für künftige Strategien zur Armutsbekämpfung bilden und
regelmäßig aktualisiert werden. Inzwischen seien jedoch viele „weiße Flecken“ in dem Bericht identifiziert und weitere Gutachten in Auftrag gegeben worden, berichtete Hauser während der von der Hans-Böckler-Stiftung des DGB organisierten Konferenz „Verteilungsberichterstattung – Perspektiven aus deutscher und europäischer Sicht“ in Berlin.
Für die Analyse von Reichtum fehlen bislang Datenquellen, die ein realistisches Bild geben würden. Eine Studie soll demnächst jedoch Aufschluss über die Verteilung von Reichtum in Deutschland geben. Dazu sollen die Einkommensstatistik kombiniert mit anderen Erhebungen wie dem Mikrozensus und dem sozio-ökonomischen Panel genutzt werden. Besonders sehr hohe Einkommen und Vermögensbestände konnten bisher nicht erfasst werden.
Auch das Ausmaß der „verdeckten Armut“ ist bisher weitgehend unbekannt. Denn neben den Sozialhilfeempfängern gibt es viele Menschen, die sozialhilfeberechtigt wären, diese Unterstützung jedoch nicht in Anspruch nehmen. In Belgien beträgt der Anteil 40 Prozent, gemessen an dem der Sozialhilfeempfänger. Für Deutschland geht das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung etwa von der gleichen Größenordnung aus.
Nur unzureichend beleuchtet der Armuts- und Reichtumsbericht die Lebenssituation von extrem unterversorgten Menschen. Ein Forschungsprojekt soll künftig Daten aus verschiedenen Quellen über diejenigen liefern, die am Rande der Gesellschaft stehen und bei denen das soziale Sicherungssystem nicht greift, beispielsweise bei Ob-dachlosen oder Straßenkindern. Eine empirische Dokumentation von Aus-
grenzungstendenzen gibt es weder in Deutschland noch in einem anderen
europäischen Staat.
Kooperation innerhalb der EU
„Die nationale Armuts- und Reichtumsberichterstattung wird nach dem Beschluss des Bundestages vom Oktober 2001 wissenschaftstheoretisch und empirisch auf ein breiteres Fundament zu stellen sein“, erklärten Peter Semrau und Uwe Müllenmeister-Faust vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung. Deutschland wolle sich um eine engere Kooperation auf europäischer Ebene im Rahmen der „offenen Koordinierung“ bemühen. Obwohl Sozialpolitik eine nationale Angelegenheit der Mitgliedsstaaten ist, sollen durch einen Erfahrungsaustausch effektive Strategien im Sinne der „best practices“ identifiziert und allgemein nutzbar gemacht werden. Dazu legte die Bundesregierung ebenso wie die anderen EU-Mitgliedsstaaten einen „Nationalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung 2001 bis 2003“ vor. Dieser ist im Gegensatz zum Armuts- und Reichtumsbericht prospektiv und maßnahmenorientiert. Entsprechend der vom Europäischen Rat im Dezember 2001 in Nizza vereinbarten Ziele konzentriert sich der Aktionsplan auf die Integration in den Arbeitsmarkt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und eine verbesserte Effektivität und Zielgenauigkeit der Hilfe.
Dr. med. Eva A. Richter
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