ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2002Psychotherapie: Psychologie ist in der Psychotherapie und der Medizin zu Hause

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Psychotherapie: Psychologie ist in der Psychotherapie und der Medizin zu Hause

PP 1, Ausgabe März 2002, Seite 120

Kohrs, Christof

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LNSLNS Psychotherapie ist und bleibt Psychotherapie. Methoden müssen gelernt und gekonnt werden, wie ärgerlich eine Richtlinieneinengung auch immer sein mag. Die unzureichenden Entfaltungsmöglichkeiten für das niederschwellige psychosomatische Versorgungspotenzial sind sicherlich kritikwürdig, unter dem Aspekt des ärztlichen Konsils jedoch keineswegs auf die ärztlichen Psychotherapeuten beschränkbar, ein Blick in die Psychosomatikinhalte der wissenschaftlichen Psychologieausbildung und der institutionalisierten Psychotherapieausbildung beweist das. Psychotherapeuten müssen generell fordern, dass präventive und Versorgungsleistungen von uns erbracht werden können.
Damit sind die ärztlichen nicht weniger gemeint als die psychologischen. Dem steht auch nicht entgegen, dass jeder Psychotherapeut selektiv methodenorientiert arbeitet. Im Gegenteil : Wie will ich denn versorgungsorientiert arbeiten, wenn die Methodenbezogenheit fehlt? Aber auch die ärztliche Kompetenz ist eindeutig methodenorientiert, sonst hätten wir es mit Scharlatanerie zu tun. Zum Glück konnte Herr Kettler in seiner Argumentation diesen Punkt umschiffen, denn Psychotherapie ist nicht gleichbedeutend mit „Psychologisierung der Medizin“. Oder doch, wenn es um die so genannte „sprechende Medizin“ geht? Psychologie liefert Menschenbilder, Medizin ethisch zunehmend bedürftigere Funktionsbilder. Von daher ist der Aspekt der „Medizinalisierung der Psychotherapie“ umso fragwürdiger. Scheint es doch vielmehr, dass sich die Medizin im Bereich der wahrnehmenden, sprechenden, kommunikativen und emphatischen Aspekte dringend um eine Weiterung ihres Selbstverständnisses bedarf, entsprechend einer methodischen „Entmedizinalisierung“! Dies als Widerstand zu interpretieren, reicht nicht. Vielmehr leitet sich daraus eine Bedeutungszuschreibung für den Facharzt für psychosomatische Medizin ab: ihm obliegt die Integration der psychotherapeutischen Methoden in seinen Versorgungsauftrag. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Welchen hat er denn expressis verbis? Wer formuliert ihn und bezahlt den Psychotherapeuten dafür – denn ein solcher ist er doch trotz allem?
Irreführend und polemisch wäre die Sichtweise, dass „die Repräsentanz der Psychotherapie in der Medizin durch die Psychologie unerwünscht“ sei. Wer Balint kennt und weiß, dass die Heilung in der Beziehung liegt (stark verkürzt) und dass
wir unterschiedliche Psychologien terminologisch kennen und benennen, der dürfte einsehen, dass die Psychologie sowohl in der Psychotherapie zu Hause ist, als auch in der Medizin und vom mehr schlecht als recht psychologisch ausgebildeten Arzt in der Praxis oftmals händeringend gebraucht wird. Und an der Praxis muss sich der psychosomatisch versorgende Arzt messen lassen. Wer meint, hier ohne Methodenorientierung auszukommen, schadet der Zunft, sowohl der ärztlichen als auch der psychotherapeutischen.
Christof Kohrs, Dipl.-Psych.,
In der Runken 9, 28203 Bremen
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