ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/200227. Westdeutsches Psychotherapieseminar Aachen: Es geht abwärts

WISSENSCHAFT

27. Westdeutsches Psychotherapieseminar Aachen: Es geht abwärts

PP 1, Ausgabe März 2002, Seite 125

Schneider, Andrea

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LNSLNS Die „Mitte des Lebens“ ist eine Zeit der Bilanz, der Ängste und Trauer über die Endlichkeit – die Krise kann jedoch auch als Chance begriffen werden.
Das Leben währet 70 Jahre lang, und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre“ ist in der Bibel (Psalm 70) nachzulesen. Befinden wir uns also im Alter von 35 bis 40 Jahren in der Mitte des Lebens? Oder, rechnet man die größer werdende Lebenserwartung hinzu – im Alter zwischen 35 und 45 Jahren? Auf die einfache mathematische Grundrechnung will niemand die eigene Lebensmitte reduziert wissen. Konsens gibt es eigentlich nur darin, dass die Mitte des Lebens ein Abschnitt voller Gefahren, aber auch von Chancen ist: eine Zeit der Bilanz, der Ängste und der Trauer über die immer bewusster werdende eigene Endlichkeit. Umso mehr verwundert es, dass dieser Lebensabschnitt in der wissenschaftlichen Forschung bislang kaum beachtet wurde. Kindheit, Jugend, Adoleszenz und auch das hohe Alter – eine Vielzahl von Studien setzt sich mit Aspekten jener Lebensabschnitte auseinander.
Einen Beitrag zur Diskussion lieferte das 27. Westdeutsche Psychotherapieseminar vom 22. bis 24. Februar in Aachen. „Mitte des Lebens – Entwicklungsperspektiven in Partnerschaft, Familie und Beruf“ – diesen Leitgedanken haben die Veranstalter* ihrem Kongress vorangestellt. Schnell wurde deutlich, dass wissenschaftliche Berührungsängste in Vergangenheit und Gegenwart womöglich eng mit dem Alter der Forscher verwoben sind. „Je älter die Forscher, desto später die Mitte des Lebens“, fasst die Schweizer Psychologin und Philosophin Dr. phil. Verena Kast zusammen.
Klimakterium – bereits der Ursprung des Begriffs, die griechische Klimax, macht Berührungsängste bewusst. Es geht abwärts. Was dürfen Frauen oder Männer noch erwarten, wenn der Lebenshöhepunkt erst einmal überschritten ist? Verena Kast hatte sich in ihrem Vortrag „Die dritte Chance – Mitte des Lebens aus weiblicher Sicht“ der rhetorisch-philosophischen Übersetzung der Klimax genähert: Die Lebensmitte, so ihr Appell, sollte als Übergang vom weniger Wichtigen zum Wichtigen verstanden werden.
Diese Korrektur ist allerdings nicht leicht. Denn zu den persönlichen Lebensübergängen, die sich in hormonellen Veränderungen, Stimmungsschwankungen, dem Loslösen der Kinder, einer möglichen neuen Definition der eigenen Partnerschaft und der Ablösung von den eigenen Eltern festmachen, kommen noch die gesellschaftlichen Werte und Normen hinzu: eine Idealisierung der Jugendlichkeit, die mit einer gleichzeitigen Entwertung des Alters einhergeht. Nach Geburt und Adoleszenz könne nun, zu einem Zeitpunkt, an dem viele wirtschaftliche Ziele erreicht und soziale Kontakte gefestigt seien, die Chance wahrgenommen werden, „noch einmal neue Freiräume zu besetzen und eine Kurskorrektur vorzunehmen“.
Dass die gesellschaftlich verordnete Sehnsucht nach Jugendlichkeit auch vor Männern nicht Halt macht, musste Prof. Dr. med. Wolfgang Senf, Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Essen, bei den Recherchen zu seinem Beitrag „Mitte des Lebens – aus der Sicht des Mannes“ feststellen. Es gebe kaum spezifische Literatur über das Älterwerden des Mannes, stattdessen „Urologisches und Informationen über Potenzprobleme“, die allerdings nur eines zum Ziel hätten: Körperkraft und physische Ausdauer von einst wieder herzustellen. Leicht sei es, „dem Jugendlichkeitswahn zu verfallen“ und alle Anstrengungen darauf zu richten, in immer höherem Alter mit immer jüngeren Menschen zu konkurrieren. „Die Midlife-Crisis des Mannes ist von der Angst besetzt, Wahrnehmungen über persönliche körperliche Veränderungen zuzulassen“, sagt Senf. Warum sonst sei Viagra zur Erfolgsdroge geworden?
Jugend ist „in“. Der Wunsch, sie selbst noch im mittleren Alter zu bewahren, kann bei beiden Geschlechtern für Verunsicherung sorgen und depressive Verstimmungen oder Störungen auslösen. Dennoch gibt es den kleinen Unterschied: Männer erlebten Krankheiten, die sich erstmals oder verstärkt in der Lebensmitte einstellten, als Kränkung, behauptet Senf. Körperliche Veränderungen sind schambesetzt. Verringerung von Körperkraft und physischer Ausdauer setzt der Wissenschaftler gleich mit dem Verlust, für Familie, Einkommen und Leben so sorgen zu können wie einst.
Die Entwicklung der Frau verläuft hingegen häufig anders. Verena Kast beschäftigt sich mit der Adoleszenz des Mädchens. Denn ganz gleich, ob das Mädchen sehr früh eine Paarbeziehung wählt oder sich dem intellektuellen Leben verschreibt: „Eine Ablösung vom Vaterkomplex wird von der traditionellen Gesellschaft nicht gefordert.“ Dies könne dazu führen, dass Mädchen oder Frauen eine soziale Rolle erfüllen. „Ob sie dabei eine eigene Identität entwikkeln, scheint sekundär zu sein.“ Kast spricht vom Weiblichkeitsdruck, von der Anpassung an das Bild der „normalen Frau“. Wer jedoch keine originäre Identität entwickeln konnte, reagiert in Übergangssituationen, wie sie die Lebensmitte mit dem Loslassen von Kindern, einer Neudefinition der Partnerschaft und der Trennung von jugendlichen Idealen darstellt, leichter mit depressiven Episoden. „In Trennungssituationen muss man sich von einem Beziehungsselbst auf das originäre Selbst zurückorganisieren“, sagt Kast. „Das ist aber nur möglich, wenn ein eigenes Selbst in Ansätzen vorhanden ist.“
Die dritte Chance, von der die Schweizer Psychologin spricht, ist auch die Suche nach dem Zugang zum „inneren Mädchen“, nach den Träumen und Hoffnungen von einst, die nun selbstbewusst, kompetent und altersgemäß umgesetzt werden können. Die hormonellen Veränderungen könnten eigenes Handeln sogar noch unterstützen. Denn frau werde nun radikaler, lebe Wut, aber auch Freude mehr aus. Die „neue Freiheit im Denken, Handeln und der Mut, unbequem zu sein“, sei vielleicht auch der Grund, weshalb das Klimakterium in einer von Männern dominierten Gesellschaft immer als Defekt gesehen wurde.
Die Lebensmitte bietet eine Chance, Bilanz zu ziehen und neue Wege zu beschreiten. Das gilt für Frauen wie Männer gleichermaßen. Doch jede Chance beinhaltet auch ein Straucheln. Senf warnt davor, sämtliche Erscheinungsformen der Krise im mittleren Alter zu psychopathologisieren. Eine Psychotherapie könne unter Umständen sogar die Verleugnung des Älterwerdens unterstützen. Vielmehr seien Beratung und Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen gefragt – die Männergruppe. Warum sollen Männer nicht von der Frauenbewegung lernen?
Nicht immer war die Krise zur Lebensmitte überwiegend mit Ängsten und Verlust verbunden. Dr. Margot Käßmann, Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, erinnert an die biblischen Vorbilder wie Moses oder Abraham, deren Berufung erst zur Mitte des Lebens erfolgte. Das Alter, einst sichtbarer Ausdruck von Weisheit und Erfahrung, ist nun zu einem Abschnitt nach den besten Jahren geworden. Allein die Tatsache, dass kaum noch eine Partnerschaft halte, „bis dass der Tod sie scheidet“, sei Ausdruck einer Gesellschaft, die sich von den klassischen Familienstrukturen löse und sich einer größeren Individualität zuwende. Selbst die Sinnfrage werde bereits in der Werbung mit Konsumartikeln beantwortet. „Die Gesellschaft macht des Menschen Wert von seiner Leistungsfähigkeit abhängig“, sagt Käßmann. Nicht Lebenserfahrung, die sich auch in grauen Haaren ausdrücken kann, sondern vielmehr „mein Haus, mein Auto, meine Yacht“ seien immer mehr in den Mittelpunkt des Strebens gerückt.
Eine Bischöfin bei einem Psychotherapieseminar ist ungewöhnlich. Auch dies dürfte als Beleg für den Wandel der Gesellschaft herhalten, waren es doch die Gründerväter der Psychoanalyse, die einst Religiosität und damit häufig einhergehend das Vertrauen auf eine höhere und lenkende Macht skeptisch beurteilt haben. Wer ausschließlich im Vertrauen auf eine schützende Hand lebe, entziehe sich der Verantwortung für eigenes Tun, lautete die Devise. Psychoanalyse als Ausdruck von Aufklärung und Individualität, verbunden mit der Erkenntnis eigener Geschichte, Lebenserfahrung und damit Verantwortung. Die Suche nach einem Sinn in der Mitte des Lebens sei die Suche nach neuer Orientierung und neuem Halt, glaubt Margot Käßmann. Nur an die Seite der Religion seien viele andere Götter getreten: Selbst die Verehrung von permanent präsenten Aktienindizes sei dazu angetan, persönliches Scheitern und Straucheln in den Schoß der verantwortlichen Wirtschaftspolitik zu delegieren.
Wenn Käßmann über Krisen in der Mitte des Lebens spricht, wirft sie den Blick weniger auf individuelle Probleme, sondern auf die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, „den Tod nicht in Heime und Kliniken abzuschieben“ und so mit einem Tabu zu belegen. Die emotionale Diskussion über menschliches Klonen sei ein solcher Ausdruck der Angst vor der eigenen Endlichkeit. In ihrer Aufforderung, Antworten zu finden, liegt ein Appell, sich mit der vielleicht auch schmerzlichen Frage nach dem eigenen Alter auseinander zu setzen – was allerdings für kirchliche Würdenträger ebenso gilt wie für die Wissenschaft. Denn letztendlich muss sich die Forschung daran messen lassen, ob die Suche nach Literatur zur Lebenswende auch künftig bei pseudo-psychologischen Muntermachern und der Hoffnung auf eine ewig konservierte Jugend endet. Andrea Schneider

* Westdeutsche Arbeitsgruppe für Psychotherapie und Psychosomatik in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Fakultät der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und der Ärztekammer Nordrhein.
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