ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2002Irrfahrten. Autobiografie eines Psychiaters

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Irrfahrten. Autobiografie eines Psychiaters

Wulff, Erich Adalbert

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Psychiatrie
Seltsam unreflektiert
Erich Adalbert Wulff: Irrfahrten. Autobiografie eines Psychiaters. Edition Das Narrenschiff im Psychiatrie-Verlag, Bonn, 2001, 630 Seiten, 29,90 A
Prof. Dr. med. Erich Adalbert Wulff, zuletzt Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover, legt im Alter von 75 Jahren eine Autobiografie vor. Wulff öffnete als einer der Ersten eine geschlossene psychiatrische Abteilung und betrieb bereits Ende der 60-Jahre die Aufhebung der Geschlechtertrennung. Gemeinsam mit Franco Basaglia und anderen engagierten Psychiatern setzte er sich für eine Demokratisierung der Psychiatrie ein. 1961 geht Wulff als Arzt und Hochschullehrer ins damalige Südvietnam, kommt in Kontakt mit dem Vietcong und anderen oppositionellen Gruppen. Seine 1968 veröffentlichten „Vietnamesischen Lehrjahre“ liefern Anstöße für die internationale Bewegung gegen den Vietnamkrieg.
Im Wulffs Leben sind Politik, Berufliches und Privates unmittelbar miteinander verknüpft, und so lässt er den Leser in seiner Biografie teilhaben an brillant erinnerten Details aus seinem Privatleben – vornehmlich an zahlreichen Affären und Beziehungen, die ihm sehr wichtig sind mitzuteilen. Seine Erlebnisse als Zeitzeuge und die bedeutender zeitgenössischer Intellektueller sorgen für den nötigen geschichtlichen Zusammenhang. So lernt der Leser den Assistenzarzt in Vietnam kennen und erlebt die Hinwendung zum Kommunismus. Die szenische Darstellung des Buches lädt zur leichten Lektüre ein, denn der Stil ist gefällig und flüssig. Doch die Schilderungen „Adalberts“ (des eigentlichen Ich-Erzählers „schamhaft verschwiegener zweiter Vorname“) bleiben an der Oberfläche. Seine psychiatrische Arbeit bleibt seltsam am Rande, genauso wie die Reflexion seines Handelns. Wulffs persönliche Entwicklung wird nicht deutlich: Die Beschreibungen des reifen Mannes erscheinen ebenso ungeläutert wie die Jugenderlebnisse. Sein Leben ist ein einzig (be)rauschender Fluss. Zumindest scheint er diesen Eindruck hinterlassen zu wollen. Mehr Struktur und ein kritischerer Lektor hätten dem Buch nicht geschadet. Ralf Dannert
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