ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2002Giorgio de Chirico/Alberto Savinio: Die andere Moderne

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Giorgio de Chirico/Alberto Savinio: Die andere Moderne

PP 1, Ausgabe März 2002, Seite 137

Podoll, Klaus; Robinson, Derek; Nicola, Ubaldo

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Alberto Savinio: Dädalus, 1929
Alberto Savinio: Dädalus, 1929
Die Geburt der metaphysischen Malerei aus dem Geist der Migräne


André Breton (4), der Wortführer des Surrealismus, schrieb 1940 in seiner „Anthologie des Schwarzen Humors“: „Der ganze noch im Entstehen begriffene moderne Mythos stützt sich an seinem Anfang auf die beiden, ihrem Geist nach fast nicht zu unterscheidenden Werke von Alberto Savinio und seinem Bruder Giorgio de Chirico, Werke, die ihren Kulminationspunkt am Vorabend des Krieges von 1914 erreichen.“ Die Ausstellung „Die andere Moderne – de Chirico/Savinio“ (1), die erste Retrospektive dieser Größenordnung seit fast zwanzig Jahren, bietet den Besuchern die Gelegenheit, den einzigartigen Beitrag der Brüder zur Moderne kennen zu lernen. Zum ersten Mal wird der Werdegang von de Chirico gezielt anhand von Schlüsselwerken und im Dialog mit dem malerischen Werk von Savinio zur Diskussion gestellt. Die Werkschau zeigt neben etwa 100 Gemälden de Chiricos – mit Schwerpunkt auf der metaphysischen Periode zwischen 1909 und 1919 – eine konzentrierte Auswahl von ungefähr 30 Werken Savinios.
Durch die Konzeption der metaphysischen Kunst leiteten Giorgio de Chirico (1888–1978) und sein Bruder Andrea, besser bekannt unter seinem Pseudonym Alberto Savinio (1891–1952), eine der größten künstlerischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts ein. Die gesamte europäische Moderne, von Dadaismus, Surrealismus und Neuer Sachlichkeit bis hin zu Pop-Art, Arte Povera und der italienischen Transavanguardia der 80er-Jahre, wurde von den Ideen und Werken der Brüder inspiriert. Seit 1909 begann de Chirico, seine poetischen Bildwelten aus leeren, arkadengesäumten Plätzen mit langen Schlagschatten, Statuen, Schornsteinen und Gliederpuppen sowie aus bizarren metaphysischen Interieurs zu entwickeln. Savinio, Musiker von Haus aus und später Schriftsteller, veröffentlichte als erster das kunsttheoretische System, das für eine neue Sichtweise der Dinge und somit für die Konzeption einer „anderen“ Moderne grundlegend wurde. Erst gegen Ende der 20er-Jahre begann auch er, seine künstlerischen Visionen in Malerei umzusetzen.
Die Beurteilungen der metaphysischen Malerei, der Pittura metafisica, gehen bis heute weit auseinander. Als irrationales Phänomen einer visionären Fantasie wird sie im Rahmen der Avantgarde gesehen. Als früher Ausdruck einer antimodernen Strömung hingegen soll sie die so genannte Rückkehr zur Ordnung Anfang der 20er-Jahre vorweg-genommen haben. Beides verfehlt in seiner Einseitigkeit die tiefere Bedeutung der Pittura metafisica.
Nach einem Zeugnis von André Billy (2) soll der französische Dichter Guillaume Apollinaire, der zu den frühesten Förderern von de Chirico und Savinio gehörte, beim Anblick der als „Werke eines hypochondrischen Umzugskandidaten“ titulierten metaphysischen Bilder von de Chirico schallend gelacht haben. Derselbe Apollinaire hatte André Breton (3) gegenüber bezeugt, dass de Chirico in diesen Jahren an gewissen „koenästhetischen Störungen“ gelitten habe, welche als „Bauchschmerzen“ und „Migräne“ bezeichnet wurden. De Chirico verwahrte sich später in seinen Memoiren (8) vehement gegen die von den Surrealisten lancierte Interpretation, derzufolge seine metaphysische Malerei einer „verrückten Inspiration“ durch „Halluzinationen“ verpflichtet gewesen sei. Dennoch werden die in medizinischer Terminologie notierten Beobachtungen seiner Zeitgenossen unweigerlich die Neugierde und das Interesse des Arztes erwecken, de Chiricos Leben und Werk einer Prüfung durch seinen klinischen Blick zu unterziehen.
Eine klinische Lektüre von de Chiricos autobiografischen Schriften ergibt zahlreiche Beschreibungen von Kopfschmerzattacken und vielfältigen Migräneaurasymptomen, die die von Breton überlieferte Diagnose einer Migräne zweifellos belegen (11), wie erstmals in einem von Fuller und Gale 1988 im British Medical Journal (9) veröffentlichten Artikel nachgewiesen wurde, der allerdings bisher in der Kunstwissenschaft nicht rezipiert wurde. Ohne sich einem kruden Reduktionismus verschreiben zu wollen, ist doch festzustellen, dass die Migräne nicht bloß eine biografische Kuriosität, sondern das Herz von de Chiricos künstlerischem Schaffen während seiner ersten metaphysischen Periode darstellt. Diese Diagnose präzisiert eine Formulierung von Maurizio Calvesi (5), wonach de Chiricos metaphysische Malerei im Zeichen einer
schweren körperlichen Krankheit entstanden sei. Die Migräneaura als eine Quelle künstlerischer Inspiration anzutreffen ist keineswegs so ungewöhnlich, wie es den Anschein haben mag, denkt man an vergleichbare Fälle aus der Kulturgeschichte (10) wie Hildegard von Bingen, Hieronymus Cardano, Blaise Pascal, Lewis Carroll.
Wesentliche Aspekte der von de Chirico als Offenbarung, als Rätsel benannten Erfahrung seines künstlerischen Genius enthüllen sich dem klinischen Blick als Schibbolet der Migräneaura. Die Entstehung seines ersten metaphysischen Bildes „Geheimnis eines Herbstnachmittags“ aus dem Jahr 1909 beschrieb de Chirico (7) mit der Präzision eines klinischen Berichts, der nur der Hinzufügung einiger medizinischer Termini bedarf, um dem Leser als detaillierte Schilderung einer klassischen Migräneattacke nachvollziehbar zu werden. „An einem klaren Herbstnachmittag“, schrieb de Chirico 1912, „saß ich mitten auf der Piazza Sante Croce in Florenz auf einer Bank. Selbstverständlich sah ich den Stadtplatz nicht zum ersten Male. Ich war gerade von einer langwierigen und schmerzhaften Erkrankung des Darms genesen [abdominelle Migräne] und daher gleichsam im Stand einer morbiden Sensualität [Hypersensitivität für Licht, Lärm und Gerüche; sensorische Migräneaura] . . . In der Mitte des Platzes erhebt sich das Denkmal Dantes . . . Das Standbild wurde in weißem Marmor ausgeführt. Die Zeit hat ihm dann eine graue Patina verliehen, die dem Auge wohl tut [Hypersensitivität für Licht]. Die Herbstsonne, noch heiß und hell [Triggerfaktoren der Migräneattacke], fiel auf das Denkmal und auf die Schauseite der Kirche. Da hatte ich den befremdlichen Eindruck, diese Dinge zum ersten Mal zu sehen [Jamais-vu- Empfindung]. Die Komposition des Bildes stand mir auf einmal im Geiste vor Augen. Jedesmal wenn ich das Bild heute betrachte, sehe ich auch jenen Augenblick wieder. Was damals geschah, kann ich nicht erklären; es bleibt Geheimnis. Ich möchte daher auch das aus ihm kommende Bild Geheimnis nennen.“ Bei den oftmals nachts auftretenden Attakken seiner Migräne mit Aura verwandelten sich die Räume mit ihren Wänden, Zimmerecken und niedrigen Decken, die de Chirico so sehr liebte, in metaphysische Interieurs. De Chirico beschrieb diese wiederkehrenden nächtlichen Migräneattacken in seinem Roman „Hebdomeros“ (6): „An diesem Abend kam Hebdomeros aufgewühlt nach Hause . . . Mein Gott, wie war das alles dunkel! Faszinierende Bänder, kalte, gierig züngeln-
de Flammen, beängstigende Blasen, Linien, die mit einer maestria gezogen waren, die er seit langem selbst der Erinnerung entschwunden glaubte, sanfte Wellen, hartnäckig, gleichförmig, stiegen, stiegen unaufhörlich zur Zimmerdecke. All dies verflüchtigte sich spiralförmig, in einer gleichmäßigen Zickzacklinie oder auch langsam und geradlinig oder gar vollkommen senkrecht wie die Spieße einer disziplinierten Truppe . . . Aufgrund vieler Erfahrungen stellte sich Hebdomeros vor, das geistige Fieber, das ihn im Augenblick niederstreckte, würde nicht länger dauern als so viele vorhergehende Fieber auch. Da er annahm, dass dies alles für ihn wiederkehre, hielt er an diesem Abend inne, in Gedanken jenseits der erlaubten Grenzen.“
Und Savinio? Sein Fall (um auch hier die klinische Perspektive beizubehalten) ist bisher von medizinischer Seite nicht untersucht worden. Allerdings, der Leser seiner stark autobiografisch geprägten Romane und Erzählungen wird sich an Schilderungen von Kopfschmerzen, Visionen, Depersonalisationsphänomenen, gehäuften Tippfehlern sowie einer fantastisch gesteigerten Geruchsempfindlichkeit erinnern: Zufall? Savinios Bilder zeigen obsessiv wiederkehrende Zickzackformationen, die den typischen Fortifikationsspektren der visuellen Migräneaura aufs Haar gleichen: Neuromythologie? Oder Belege für die Zwillingsgeburt der Kunst der Brüder de Chirico und Savinio aus dem Geist der Migräne? Gerade für den Arzt gibt es viel zu entdecken auf der Ausstellung, deren Besuch allemal lohnt.


Literatur bei den Verfassern
Dr. med. Klaus Podoll
Derek Robinson
Ubaldo Nicola
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Aachen
Pauwelsstraße 30, 52074 Aachen
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