ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2002Augustin Wilhelm Schnietz: Begabter Grenzgänger

KUNST + PSYCHE

Augustin Wilhelm Schnietz: Begabter Grenzgänger

Kraft, Hartmut

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„ohne Titel“, Pastellkreide auf Velourpapier, 38 x 46 cm: Foto: Eberhard Hahne
„ohne Titel“, Pastellkreide auf Velourpapier, 38 x 46 cm: Foto: Eberhard Hahne
Pastellkreidezeichnungen auf Velourpapier ermöglichen eine differenzierte Arbeitsweise mit sanften Farbschattierungen und Farbübergängen. Keine Technik, die üblicherweise in der Kunsttherapie einer psychiatrischen Klinik gepflegt wird – und doch entstammt dieses Bild einem der Klinikaufenthalte von Augustin Wilhelm Schnietz. Er erkrankte mit 17 Jahren erstmalig an einer paranoid-halluzinatorischen Form der Schizophrenie, die bis zu seinem Tode 1988 zu mehreren stationären Aufenthalten führte.
In seinem braun-gelben Grundton wirkt das Bild auf den ersten Blick freundlich, fast harmlos-verspielt. Der Rauchpilz über der zentralen blauen Figur, die aufgerissenen Augen und besonders die in Gewehrläufe mündenden Äste der Bäume weisen in eine andere, zweifellos aggressive Richtung. Es sind skurrile Gestalten, die sich hier versammelt haben. Bis auf einen Vogel, handelt es sich um Kopffüßler. Die Porträtähnlichkeit mancher Figuren spricht gegen eine krankheitsbedingte Regression auf eine kindliche Darstellungsweise. Die massiven sexuellen Skrupel, die sich in den Krankheitsschüben zu wahnhaften Ängsten steigerten, lassen eher daran denken, dass der Leib (als der „sündige Teil“) weggelassen worden ist. Das Blatt weist auf eine beachtliche künstlerische Begabung hin. Schnietz arbeitete in den Zeiten zwischen seinen Erkrankungsschüben als Redakteur und Layouter bei Tageszeitungen, veröffentlichte Karikaturen und schrieb ein Hörspiel. Generell erweisen sich gut trainierte (künstlerische) Fähigkeiten oft als erstaunlich lange widerstandsfähig gegenüber der Erkrankung.
Nach seiner frühzeitigen Berufsunfähigkeit konzentrierte er sich ganz auf das zeichnerische Werk. Es entstand ein eigenständiges Œuvre mit immer differenzierter Gestaltung. In seiner Identität als Künstler erwarb Augustin Wilhelm Schnietz gegen Ende seines Lebens so viel Selbstvertrauen, dass er in Publikationen nicht mehr wie ein Patient unter Pseudonym genannt werden wollte, sondern auf seinen vollen Namen Wert legte. Hartmut Kraft
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