ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2002Frankreich: Unzufriedene Ärzte

POLITIK

Frankreich: Unzufriedene Ärzte

Dtsch Arztebl 2002; 99(40): A-2587 / B-2209 / C-2073

Bousingen, Denis Durand de

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Foto: afp
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Die Regierung in Paris sieht sich einem wachsenden Defizit der Kran­ken­ver­siche­rung und streikenden Ärzten gegenüber.

Drei Monate nach ihrem Regierungsantritt müssen Premierminister Jean-Pierre Raffarin und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jean-François Mattéi Mittel und Wege finden, um das wachsende Defizit der Kran­ken­ver­siche­rung zu beseitigen. In den vergangenen drei Jahren hatte die Sozialversicherung noch schwarze Zahlen geschrieben. Ende dieses Jahres wird das Defizit der Kran­ken­ver­siche­rung Schätzungen zufolge bei rund sechs Milliarden Euro liegen. Die jüngsten Zahlen belegen eine Ausgabensteigerung im ersten Halbjahr 2002 um mehr als sechs Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Nach monatelangem Konfrontationskurs mit der früheren Regierung haben sich die meisten Ärzteorganisationen bereit erklärt, mit der neuen Regierung zu kooperieren. Ziele sind die Kostendämpfung und eine Verbesserung der Qualität medizinischer Leistungen. Für die Verbände ein schwieriger Spagat: Einerseits dürfen sie die Ärzte nicht enttäuschen, andererseits müssen sie Finanzmittel mobilisieren, um das Gesundheitssystem auszubauen, ohne eine Erhöhung der Kran­ken­ver­siche­rungsbeiträge zu riskieren.
Hohe Zusatzkosten
Auf die Kran­ken­ver­siche­rung kommen hohe Zusatzkosten zu. Allein die Erhöhung der Konsultationshonorare der Praktischen Ärzte von 17,50 auf 20 Euro sowie die Anhebung der Gebühren für Hausbesuche, die die Ärzte Mitte Juni nach acht Monaten Streik (DÄ, Heft 24/2002) mit der Regierung ausgehandelt haben, kosten die Kran­ken­ver­siche­rung jährlich 260 Millionen Euro. Als „Gegenleistung“ wollen die Ärzte den Anteil der Generikaverordnungen erhöhen und auf unwirtschaftliche Arzneimittel verzichten.
Mittlerweile haben weitere Ärztegruppen Honoraransprüche geltend gemacht. Seit Anfang September tritt jede Woche eine andere Facharztgruppe für einen Tag in den Streik. Für den 16. Oktober haben alle Arztgruppen zu einem gemeinsamen Aktionstag aufgerufen. Obwohl die einzelnen Gruppen jeweils eigene Forderungen vortragen, sind doch alle von vergleichbaren Honorar- und Praxiskostenproblemen betroffen. Dies hat zur Folge, dass immer weniger junge Ärzte bereit sind, künftig als niedergelassene Fachärzte zu arbeiten.
Die größte Herausforderung für die Regierung stellen jedoch die Krankenhäuser dar. Dort müssen Tausende neue Stellen, darunter mindestens 3 500 Arztstellen, geschaffen werden, um den chronischen Personalmangel und die Folgen des Arbeitszeitverkürzungsgesetzes auszugleichen. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Mattéi schätzt, dass für zusätzliches Personal sowie die Instandsetzung und Modernisierung der Krankenhäuser bis 2007 mindestens 6,5 Milliarden Euro benötigt werden. Wie die Regierung diese Summe aufbringen will, ist noch völlig unklar. Dennoch muss sie mit der Ungeduld der Krankenhausärzte rechnen. Sie erwarten die Einlösung eines Versprechens des Kandidaten Jacques Chirac, der sich für eine Modernisierung und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Krankenhaus ausgesprochen hatte.
Ärzte und Pflegekräfte arbeiten derzeit deutlich länger als die 2001 eingeführte 35-Stunden-Woche. Sie mahnen, diese Situation könne nicht ewig dauern. Unbezahlte Überstunden gefährdeten immer häufiger die Behandlungsqualität. Denis Durand de Bousingen
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