ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2002Mecklenburg-Vorpommern: Besorgte Krankenhausärzte

POLITIK

Mecklenburg-Vorpommern: Besorgte Krankenhausärzte

Dtsch Arztebl 2002; 99(40): A-2590 / B-2211 / C-2075

Flintrop, Jens

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LNSLNS Viele Ärzte in dem ostdeutschen Bundesland sehen die
medizinische Versorgung in den Krankenhäusern
wegen schlechter Arbeitsbedingungen beeinträchtigt.

Die Behandlung eines Patienten sollte dem Bild des verständigen besonnenen Arztes folgen, der dabei die Sorgfalt, die im Allgemeinen von einem umsichtigen pflichtbewussten Arzt in der konkreten Situation erwartet werden darf, anzuwenden hat. 81,3 Prozent der Krankenhausärzte in Mecklenburg-Vorpommern sehen sich dazu nicht mehr in der Lage – wegen Übermüdung, Überstunden, Zunahme nichtärztlicher Leistungen und der Leistungsverdichtung infolge kürzerer Liegezeiten. Die Einhaltung des Behandlungsstandards sei durch die tatsächlichen Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern stark gefährdet, meinen sie. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage in Mecklenburg-Vorpommern. Die Ärztekammer hatte alle gemeldeten 2 713 Krankenhausärzte und 222 Ärzte im Praktikum angeschrieben. Für die Auswertung konnte auf 1 616 Fragebögen zurückgegriffen werden, was einer Rücklaufquote von beachtlichen 55,1 Prozent entspricht.
Obwohl die vertraglich festgelegte Arbeitszeit bei den Vollzeitbeschäftigten der Krankenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern in der Regel bei 40 Stunden pro Woche liegt, haben nur wenige Ärzte eine 40-Stunden-Woche. Durchschnittlich werden – ohne Ruf- und Bereitschaftsdienste – 8,7 Überstunden wöchentlich geleistet (ohne Chefärzte). Ärzte im Praktikum arbeiten durchschnittlich 48,6 Stunden, Assistenzärzte 48,0 Stunden, Fachärzte 46,8 Stunden, Oberärzte 48,5 Stunden, leitende Oberärzte 49,8 Stunden und Chefärzte 52,8 Stunden. Während in der Inneren Medizin zehn Prozent der Ärzte nahezu 60 Stunden in der Woche arbeiten, sind es in der Anästhesiologie nur 4,1 Prozent der Ärzte. Nur bei 5,1 Prozent der Ärzte erfolgt bislang
eine elektronische Registrierung der tatsächlichen Arbeitszeit. Handschriftlich halten 29,1 Prozent ihre Arbeitszeit fest, wobei in den seltensten Fällen eine Gegenzeichnung durch den Vorgesetzten erfolgt.
Ein besonderes Übel ist auch den Ärzten in Mecklenburg-Vorpommern der immer weiter zunehmende Verwaltungsaufwand. Die Dokumentationspflichten und der Schriftwechsel mit Krankenkassen sowie dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen zählen für die Mehrheit der Ärzte nicht zu den eigentlichen ärztlichen Aufgaben. Zahlreichen unaufgefordert notierten Kommentaren der Ärzte ist zu entnehmen, dass die meisten von ihnen durch den zeitlichen Aufwand für bürokratische Tätigkeiten das Arzt-Patient-Verhältnis beeinträchtigt sehen. Ein Drittel der Ärzte gab zu Protokoll, dass sie mehr als acht Stunden die Woche für Verwaltungsaufgaben aufwenden – Zeit, die am Krankenbett der Patienten fehlt. 24 Prozent gaben an, immerhin mehr als fünf Stunden die Woche mit Schreibarbeiten beschäftigt zu sein. Als nicht leistungsgerecht empfinden 76,9 Prozent der Krankenhausärzte ihre Vergütung. Diese stehe in keinem angemessenen Verhältnis zum Arbeitsumfang und zu der zu tragenden Verantwortung. Zudem sei es ungerecht und nicht mehr zu rechtfertigen, dass es zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch einen Bundesangestelltentarifvertrag-Ost (BAT-Ost) gebe, insbesondere, wenn dieser sich nach dem Stand von 1999 richte. Nur 11,2 Prozent der Ärzte erhalten eine vollständige Vergütung beziehungsweise einen vollständigen Freizeitausgleich für Überstunden. 58,7 Prozent der antwortenden Ärzte gaben an, gar keinen Ausgleich für ihre Mehrarbeit zu bekommen.
Angesichts des drohenden Ärztemangels, besonders in den neuen Bundesländern, lohnt ein Blick auf die Aussagen zum Umfragethema „Berufliche Zukunft hinsichtlich des Arbeitsortes“: Neben dem sehr hohen Anteil von Unentschlossenen überwiegt zumindest bei den jungen Ärzten jene Gruppe, die ihren Beruf künftig in einem anderen Bundesland ausüben will. Nur jeder fünfte Arzt im Praktikum beziehungsweise in der Weiterbildung sieht seine berufliche Zukunft demnach in Mecklenburg-Vorpommern. Ärztekammerpräsident Dr. med. Andreas Crusius sprach von einem „dramatischen“ Umfrageergebnis, an dem auch die Krankenkassen „nicht vorbeikommen“. Die Techniker Krankenkasse in Mecklenburg-Vorpommern hatte zuletzt einen Ärztemangel in dem Bundesland verneint – sehr zum Unmut des Kammerpräsidenten. Jens Flintrop
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