ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2002Skelettierung der internistischen Onkologie

POLITIK: Kommentar

Skelettierung der internistischen Onkologie

Dtsch Arztebl 2002; 99(40): A-2592 / B-2213 / C-2077

Heyden, Hans-Wulfard von

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der internistischen Onkologie stehen eingreifende Strukturveränderungen bevor. Krankenhausträger und -verwaltung versuchen aus Kostengründen, die onkologische Therapie aus dem stationären Bereich in die Ambulanzen und Praxen zu verlagern. Für die Krankenkassen stellt dies jedoch keine betriebswirtschaftliche Entlastung dar, da die Kosten für ambulant zu applizierende Zytostatika wesentlich höher sind, als wenn diese von den Krankenhäusern für den stationären Bereich eingekauft werden (Ausnahme: Monopolzytostatika).
Dies wird – begünstigt durch die Einführung des DRG-Systems – zur Folge haben, dass hämatologische/onkologische Abteilungen verkleinert beziehungsweise geschlossen werden. Es bestehen weitere Gründe für eine unsichere Zukunft. Jede hämatologisch-onkologische Abteilung ist komplementär auf eine entsprechende Krankenhausambulanz angewiesen. Hierzu gehört eine entsprechende Ermächtigung des Chefarztes, die nur dann erteilt werden kann, wenn sich kein niedergelassener Arzt im Einzugsgebiet des Krankenhauses befindet. Frei werdende Chefarztpositionen mit entsprechenden Praxen in der Nachbarschaft sind unattraktiv und werden schwierig zu besetzen sein.
Darüber hinaus wird die Reduktion der internistischen Onkologie begünstigt durch die Tatsache, dass andere Fachgebiete ihre Tumorpatienten in zunehmendem Maße nicht nur selbst diagnostizieren, sondern – aus verständlichen Gründen – auch selbst behandeln.Vorreiter und beispielgebend sind hierbei die Gynäkologen, zumal das Mammakarzinom endemischen Charakter hat. Weitere Beispiele sind die Dermatologen, Urologen und HNO-Ärzte. Selbst die internistischen Kollegen (Pneumologen und Gastroenterologen) bemühen sich mit Erfolg um eine eigenständige Therapie von Tumoren ihrer Teilgebiete. Somit findet im Krankenhaus eine Skelettierung der internistischen Onkologie statt bis auf das Rückgrat der Hämatologie – mit Diagnostik und Therapie von Leukämien, Lymphomen, myeloproliferativen Erkrankungen, Gerinnungsstörungen und ihren speziellen Transplantationsmethoden. Es gibt Anzeichen, dass zwar die internistische Onkologie aussterben könnte, nicht aber die Hämatologie.
Im Gegensatz zum stationären Bereich ist die onkologische Partikularisierung in den Praxen noch nicht zu erkennen. Etwa die Hälfte der Patienten niedergelassener Onkologen leidet an soliden Tumoren, hiervon überwiegend am Mammakarzinom. Dies stellt nicht nur für internistische Onkologen einen wirtschaftlichen Faktor dar. Es wird sicher nicht lange dauern, bis Gynäkologen aus wirtschaftlichen Gründen nicht nur die Vor- und Nachsorge für sich ausschließlich beanspruchen wollen. Chemotherapien und eventuelle Komplikationen werden auch von niedergelassenen Gynäkologen bei entsprechender Qualifikation durchgeführt und behandelt werden können. Ob es in Zukunft so weit kommen wird, hängt von der Bedarfs- und Interessenlage ab. Bei zu großer Arztdichte werden zusätzliche Kompetenzen nur zu gern erworben. Wenn Praxen allerdings eventuell in Zukunft nicht mehr besetzt werden können, bleibt die Chemotherapie eine gern gesehene delegierbare Möglichkeit. Es ist allerdings auch verständlich – sowohl aus Sicht der Ärzte als auch der Patienten, dass onkologische Diagnostik und Therapie in einer Hand verbleiben. Während die Chemotherapie fachärztlich gebunden sein sollte, scheint dies nicht unbedingt für die Vorsorge und Nachsorge zu gelten.
Möglicherweise liegt die Zukunft der internistischen Onkologie in einer Praxis, die an ein Krankenhaus mit und ohne Belegoption assoziiert ist. Gut funktionierende Beispiele gibt es seit Jahren. Sollte der Facharzt für internistische Onkologie beispielsweise ergänzt werden durch einen Facharzt für gynäkologische Onkologie? Diese onkologische Anerkennung müsste dann auch allen anderen in der Onkologie involvierten Fachrichtungen zugesprochen werden. Entsprechend ausgebildeten Gynäkologen, Urologen ebenso wie Gastroenterologen und Pulmologen, insbesondere wenn sie über ein ESMO-Zertifikat verfügen, kann auch eine medikamentöse Behandlung onkologischer Erkrankungen nicht vorenthalten werden. Allerdings sind strenge Qualifikationskriterien unabdingbar.
Zusätzlich könnte eine Facharztweiterbildung für medizinisch-onkologische Therapie überlegt werden. Dieser Facharzt setzt keine konventionelle Facharztweiterbildung voraus. Er kann durch Rotation durch die Fachgebiete, deren Schwerpunkte auch Onkologie beinhalten, zum Beispiel Innere Medizin, Gynäkologie, Urologie, HNO, Dermatologie, erworben werden. Im Gegensatz zum Facharzt herkömmlicher Art würde es sich hierbei nicht um einen an ein Organsystem gebundenen Spezialisten, sondern um einen organübergreifenden, vorwiegend therapeutisch ausgerichteten Funktionsfacharzt handeln, analog zum Facharzt für Strahlentherapie.
Dem Facharzt für Hämatologie wird eine sichere Zukunft beschieden bleiben. Die Brücke zur Onkologie wird die Stammzelltransplantation für solide Tumoren sein. Aber auch hierbei, in diesem ureigensten Gebiet der Hämatologie, werden sich andere Disziplinen dieser Technik bedienen wollen.

Prof. Dr. med. Hans-Wulfard von Heyden
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema