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Manchmal bin ich voller Neid, wenn ich an Mathematiker oder Biochemiker denke. Bei denen tauchen Gleichheitszeichen auf, die ein Gleichgewicht markieren, oder Striche, die für kovalente Bindungen stehen. Die Variablen haben dann ihren festen Bezugspunkt und werden kalkulierbar. Man kann sie messen, wiegen, ihre Streuung im Licht aufzeichnen, und wenn, wie das bei guter Wissenschaft der Brauch ist, diese Experimente wiederholt werden, so zeigen die Variablen stets das gleiche Verhalten. Und genau hier fängt mein Neid an.
Ich habe als niedergelassener Arzt nämlich nicht mit Variablen zu tun, sondern mit Patienten. Und die verhalten sich weitaus undisziplinierter als jegliche Chaostheorie. Nehmen wir zum Beispiel die allgemein empfohlene, offene Standardfrage bei noch unbekannten Patienten: „Was kann ich für Sie tun?“ Wenn sich das Spektrum der Antworten zwischen „Das müssen Sie doch wissen“ und „Ach, mir ist heute so elend“ bewegt, sind Sie noch im 2s-Bereich der Standardabweichungen. Einfacher ist es, wenn der Patient Sie nur anguckt und Ihnen gar keine Antwort gibt. Dann kommen psychiatrische Krankheitsbilder, motorische Aphasien und solide Sprachunkenntnis infrage, also relativ übersichtliche Differenzialdiagnosen.
Ein Mathematiker würde mir den mitleidig-wohlwollenden Rat geben, meine Fragen doch zu präzisieren. Nun, auf eine konkrete Frage wie: „Haben Sie Schmerzen?“ bewegt sich das Kaleidoskop der Antworten zwischen „Meine Tochter sagt mir, dass ich ganz schlecht aussehe“ und „Als ich die kleinen gelben Pillen nahm, ist mir ganz schummerig geworden“. Dazwischen fixiert mich immer noch der Patient mit der vermeintlichen motorischen Aphasie.
Und nur Mathematiker würden davon ausgehen, dass eine Frage wie „Seit wann genau haben Sie Schmerzen?“ tatsächlich auch die Angabe einer Zeitdauer zur Folge hat. Kaum ausgesprochen, springt der unbändige Mitteilungsdrang der Schutzbefohlenen auf den Kopf oder die Gelenke über: „Mir ist so schwindelig, und die Knie haben mir so weh getan, und außerdem sticht’s links und drückt’s rechts!“ Am Ende macht der, der bisher aphasisch vor mir hockt und mich anstiert, doch noch den Mund auf, und es sprudelt aus ihm heraus: „SchmerzeninBeinenKneifenimBauchSchwindelimKopfBrenneninFüßen . . .“ Was mich dann richtig fertig macht. Denn ich muss, gelobt sei die Sorgfaltspflicht, allem nachgehen und erst einmal das Schlimmste annehmen; und daher das Gesagte übersetzen in zum Beispiel „ArterielleVerschlusskrankheitPerforiertesMagengeschwürHirntumorPolyneuropathie . . .“. Würde zur Folge haben: Angiographie-
GastroskopieComputertomographieNeurologie . . .
Daraus resultiert: SofortigeAnmeldungRöntgenInternistNeurologeStationäreEinweisung.
Kommt die Anwort: „Morgen fahr’ ich aber erst mal in den Urlaub!“ Und ich bleibe auf meinen Diagnosen und Befürchtungen hocken. Und wehe, es passiert etwas im Urlaub.
Deswegen habe ich mitunter Angst vor den Antworten.
Dr. med. Thomas Böhmeke
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