ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2002Ärztliche Hilfseinsätze: Großes Engagement trotz schlechter Rahmenbedingungen

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Ärztliche Hilfseinsätze: Großes Engagement trotz schlechter Rahmenbedingungen

Klinkhammer, Gisela

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Israelische Soldaten lassen im April dieses Jahres einen Konvoi mit Lebensmitteln und Hilfsgütern für die Palästinenser im belagerten Bethlehem passieren. Humänitäre Helfer arbeiten häufig unter schwierigen Bedingungen. Foto: dpa
Israelische Soldaten lassen im April dieses Jahres einen Konvoi mit Lebensmitteln und Hilfsgütern für die Palästinenser im belagerten Bethlehem passieren. Humänitäre Helfer arbeiten häufig unter schwierigen Bedingungen. Foto: dpa
Auf einer „Börse der humanitären Hilfe“ informierte die Ärztekammer Niedersachsen unter anderem über die medizinischen Anforderungen
an solche Einsätze.

Humanitäre Hilfseinsätze sind eine persönliche Bereicherung und nicht ein halbes Jahr verlorene Lebenszeit.“ Dieses Fazit zog Prof. Dr. med. Benno Ure, Leiter der Abteilung für Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover und langjähriger Vorsitzender der Hilfsorganisation Cap Anamur, aus seinen Erfahrungen bei zahlreichen Hilfseinsätzen. Andere Ärztinnen und Ärzte stimmten ihm zu. Auf einer „Börse der humanitären Hilfe“ am 13. September in der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) in Hannover berichteten sie über ihre Arbeit in unterschiedlichsten Kriegs- und Krisengebieten.
So zum Beispiel Dr. med. Elisabeth Niemann aus Oldenburg: Nachdem sie mit 68 Jahren ihre Kassenzulassung habe abgeben müssen, sei sie unter anderem im Kosovo tätig gewesen. Sie habe in einer Poliklinik rund 40 bis 80 Patienten täglich behandelt, die häufig an posttraumatischen Störungen und an schweren Hautaffektionen litten. Problematisch sei dort vor allem die völlig unzulängliche Wasser- und Stromversorgung gewesen. Doch trotz aller Schwierigkeiten sagte Niemann: „Die Arbeit hat mir viel Freude gemacht.“
Auch in regionalen Organisationen engagieren sich zahlreiche Ärzte. Dr. med. Dagmar Roßner begleitete eine Delegation der niedersächsischen Landesstiftung „Kinder von Tschernobyl“ und besuchte in der Ukraine Krankenhäuser, unter anderem um dort den Bedarf an Ultraschallgeräten festzustellen sowie deren Vergabe zu organisieren. Außer den Menschen, die unmittelbar an den Folgen litten, werden Roßner zufolge immer mehr Kinder zu Opfern. Die Zahl der Leukämien und Schilddrüsenkrankheiten steige, und eine hohe Missbildungsrate bei Neugeborenen sei eine traurige Realität. Hilfe werde also auch 16 Jahre nach dem Reaktorunglück dringend benötigt.
Und dass zu dieser Hilfe durchaus Ärzte bereit sind, verdeutlichte eine von Dr. med. dent. Dr. med. Hans-Walter Krannich, ärztlicher Geschäftsführer der ÄKN, vorgestellte Statistik: Bisher waren 149 Ärzte aus Niedersachsen in Krisenregionen tätig – 98 Ärzte und 51 Ärztinnen. Mehr als 60 Prozent waren der Studie der Kammer zufolge mehrfach an humanitären Einsätzen beteiligt, vor allem in Afrika, aber auch in Asien und Europa. Doch trotz der vorhandenen Bereitschaft zur Hilfe würden viele Initiativen immer noch durch ungünstige Rahmenbedingungen behindert, bedauerte ÄKN-Präsident Prof. Dr. med. Heyo Eckel. So seien einige Krankenhausträger nicht bereit, die Teilnahme an bisweilen mehrmonatigen Einsätzen durch Freistellung vom Dienst und eine Weiterbeschäftigungsgarantie zu erleichtern.
Die Vizepräsidentin der Kammer, Dr. med. Cornelia Goesmann, forderte deshalb dazu auf,
- die Möglichkeiten für regulär in Deutschland im Rahmen eines festen Arbeitsverhältnisses tätige oder in einer Praxis niedergelassene Ärztinnen und Ärzte zu verbessern, um auch mehrmonatige Einsätze im internationalen Bereich übernehmen zu können,
- eine gesetzliche Grundlage zu schaffen, die Ärztinnen und Ärzte ihren Arbeitsplatz während eines Hilfseinsatzes und danach ebenso garantiert wie die Freistellung vom Dienst für die Dauer des Hilfseinsatzes. Für Mediziner, die an Hilfseinsätzen teilnehmen wollen, müsse ein qualitativ fundierter Ausbildungsstand entwickelt werden. Die Ausbildung müsse den besonderen medizinischen Gegebenheiten gerecht werden.
Diese Forderung wurde auch von Ure unterstützt. Er bedauerte die im Allgemeinen zu knappen Vorbereitungszeiten, die für die spezifischen Aufgaben am Einsatzort bleiben. Schließlich müssten dort oft Diagnosen mit einfachsten Mitteln gestellt werden. Außerdem würden von den Ärzten über ihre Fachkenntnisse hinaus auch unter anderem „ein gewisses Politikverständnis, Zivilcourage und eine interkulturelle Sensibilität“ gefordert. Doch dürfe man nicht vergessen, dass wertvolle in den Einsatzgebieten gewonnene Erfahrungen auch den deutschen Patienten zugute kommen würden. Gisela Klinkhammer
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