ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2002Mund-Kiefer-Gesichts-Tumoren: Therapieansätze auf molekularer Ebene

POLITIK: Medizinreport

Mund-Kiefer-Gesichts-Tumoren: Therapieansätze auf molekularer Ebene

Dtsch Arztebl 2002; 99(40): A-2598 / B-2217 / C-2081

Pohlmann, Birgit-Kristin

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Chromosomen in der Metaphase: Genetische Veränderungen begünstigen die Tumorentwicklung. Foto: Edition Roche
Chromosomen in der Metaphase: Genetische Veränderungen begünstigen die Tumorentwicklung.
Foto: Edition Roche
Der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Mund-
Kiefer-Gesichts-Chirurgie in Münster beschäftigte sich
auch mit der hohen lokalen Rezidivrate dieser Tumoren.

Tumoren im Kopf-Hals-Bereich sind schwierig zu behandeln, da die lokale Rezidivrate trotz vollständiger Tumorentfernung relativ hoch ist. Molekularbiologische Untersuchungen geben jetzt Hinweise auf die Ursachen. Die Wissenschaftler vermuten, dass die lokalen Rezidive entweder auf kleine, morphologisch derzeit noch nicht nachweisbare Tumorreste zurückgehen oder ihren Ursprung in präkanzerösen Zellen haben, die innerhalb kurzer Zeit maligne werden und mittels der derzeit verfügbaren morphologischen Methoden ebenfalls nicht entdeckt werden. Hierbei könnte es sich um hyper- oder dysplastische Zellverbände handeln.
Es gilt als weitgehend anerkannt, dass maligne Zellen multiple genetische Veränderungen erfahren haben. Einige dieser Veränderungen manifestieren sich bereits in prämalignen Läsionen und können Auswirkungen auf Onko- und Tumorsuppressorgene haben. Innovative therapeutische Überlegungen basieren darauf, diese (prä-)kanzerösen Zellen als molekulare Marker zu nutzen, um genetische Zellveränderungen zu erkennen, die auf spezifische maligne Veränderungen hinweisen. Ein Beispiel hierfür scheint die p53-Mutation beim Plattenepithelkarzinom im Kopf-Hals-Bereich zu sein.
Die Frage ist, ob sich durch eine molekulare Untersuchung der histopathologisch tumorfreien Schnittränder auf tumorspezifische Marker die Prognose der Patienten verbessern lässt. Hierzu wurde eine prospektive Studie bei 118 Patienten mit T1-3-Tumoren der Mundhöhle und des Mund-Rachen-Raums durchgeführt. Alle Patienten hatten postoperativ tumorfreie Schnittränder. Bei 69 der 118 Patienten wies der Primärtumor eine p53-Mutation auf, die wiederum bei 47 Patienten auch in den – tumorfreien – Schnitträndern nachgewiesen wurde.
Nach einem medianen Follow-up von 21 Monaten hatten acht Patienten aus der Gruppe mit p53-Mutation und keiner der Patienten ohne p53-Mutation in den Schnitträndern ein Lokalrezidiv. Dies deutet darauf hin, dass p53-Mutationen in den Schnitträndern entweder auf minimale Tumorreste oder auf präkanzeröse (dysplastische) Veränderungen hinweisen.
Nach Aussage von Prof. G. Snow (Amsterdam) werden zukünftig genetische Veränderungen, die der Tumorentwicklung vorausgehen, die Basis für eine rationale Therapie darstellen. Die molekularen Untersuchungen von Plattenepithelkarzinomen im Kopf-Hals-Bereich haben dazu beigetragen, die Kanzerogenese besser zu verstehen, und sind die Basis dafür, operative Schnittränder und präkanzeröse Läsionen zuverlässiger beurteilen beziehungsweise erkennen zu können.
Noch befinden sich die molekularen Untersuchungsmethoden im experimentellen Stadium. Inwieweit sie den Schritt in die tägliche Praxis finden, wird auch davon abhängen, ob sie die Prognose der Patienten tatsächlich verbessern können. Auf jeden Fall bieten sie schon heute eine Erklärung dafür, warum bestimmte Patienten trotz ausgedehnter operativer Maßnahmen ein Lokalrezidiv bekommen. Laut Snow werden sie den Weg weisen zu neuen, nichtoperativen Behandlungsansätzen bei diesen Patienten.
Erste klinische Studien mit einer kombinierten Behandlung aus Immun- und Chemo-/Strahlentherapie zeigten hoffnungsvolle Ergebnisse bei Patienten mit fortgeschrittenem Plattenepithelkarzinom im Kopf-Hals-Bereich, berichtete Dr. Burkhard Brandt (Münster). In diesen Studien erhalten die Patienten zusätzlich zur Chemo- und/oder Strahlentherapie eine Behandlung mit dem monoklonalen Antikörper C 225, der gegen den epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor (Epidermal Growth Factor Receptor = EGFR) gerichtet ist. Die Untersuchungen zeigen, dass der Anti-EGFR-Antikörper bei Patienten mit Plattenepithelkarzinom im Kopf-Hals-Bereich in der Lage ist, Tumorwachstum und Zelldifferenzierung zu hemmen. Speziell bei Platin-refraktären Patienten liegen viel versprechende Ergebnisse vor. Außerdem scheint der Antikörper eine radiosensibilisierende Wirkung zu haben.
Einen ebenfalls interessanten Therapieansatz sieht Brandt in dem Einsatz von spezifischen rekombinanten Antikörper-Toxinen, die gegen c-erbB-2- und EGF-Rezeptoren gerichtet sind. In-vitro- und In-vivo-Untersuchungen beim Plattenepithelkarzinom deuten darauf hin, dass sie das Tumorwachstum aufhalten können. Die Expression von EGFR und
c-erbB-2 wurde bei einem hohen Prozentsatz dieser Tumoren (40 bis 80 Prozent) nachgewiesen und ist die Rationale dafür, auf dem Gebiet der Antikörper-Toxine weiterzuforschen. Birgit-Kristin Pohlmann

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