ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2002DMP: Weniger emotionsgeladen diskutieren
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LNSLNS Lautstarker und zum Teil erbitterter Streit beherrscht die Debatten über das jüngst von der Bundesregierung eingeführte Programm für die Behandlung von Zuckerkranken (Disease-Management-Programm für Diabetiker). Das eine Lager, das der gesetzlichen Krankenkassen und der mit diesen kooperierenden Wissenschaftler, steht auf dem folgenden Standpunkt: Disease-Management-Programme sind ein Angebot der Kassen, die selbstverständlich den Leistungsumfang definieren und den Ablauf kontrollieren müssen. Als von wissenschaftlicher Evidenz gestützte Grenze für die Absenkung des HbA1c werden 8,0 % für erforderlich gehalten, da mit einer weiteren Absenkung kein zusätzlicher Gewinn für die Lebenserwartung der Diabetiker mit schlechter Stoffwechseleinstellung zu erwarten sei.
Das andere Lager, also z. B. die Deutsche Diabetes Gesellschaft und der nationale Konsens zur Diabeteseinstellung (Bundes­ärzte­kammer), hat einen ganz anderen Ansatz. Es geht von der ebenfalls durch wissenschaftliche Evidenz belegten Tatsache aus, dass die obere Grenze des Normalbereiches für das HbA1c des Gesunden bei
6,0 % liegt und dass oberhalb dieser Grenze der noch weniger kranke Diabetiker ein erhöhtes Risiko für das Auftreten typischer diabetischer Komplikationen hat: also des diabetischen Fußes, der diabetischen Schädigung von Augen, Niere und Nervensystem u. a. Diesem Lager geht es also um die Sekundärprävention, das heißt die zusätzlicheVerminderung der diabetischen Komplikationen durch ein Disease-Management-Programm.
Fazit: Jeder Betroffene muss entscheiden, welche Strategie er für angemessen hält: den Kampf um Lebensverlängerung beim schwer erkrankten Diabetiker oder zusätzlich die darüber hinausgehende Vermeidung von Komplikationen bei noch nicht so schwer kranken Diabetikern.
Anmerkung: In der Umwelttoxikologie wird bekanntlich jede kleinste Überschreitung der Risikoschwelle gegeißelt; warum sollte dieses vorsichtige Präventivdenken beim Diabetes mellitus falsch sein? Und: Durch sachlichere Betrachtung des ganz unterschiedlichen strategischen Ansatzes könnten die beiden Lager vielleicht dazu gebracht werden, weniger emotionsgeladen zu diskutieren.
Prof. Dr. Dr. h. c. Peter C. Scriba, Klinikum der Universität München, Medizinische Klinik Innenstadt, Ziemssenstraße 1, 80336 München
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