ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2002Eva Hesse: Die Ordnung des Absurden

VARIA: Feuilleton

Eva Hesse: Die Ordnung des Absurden

Bartholomäus, Elke

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Museum Wiesbaden und Tate London zeigen die bisher umfassendste Retrospektive der deutsch-amerikanischen Malerin und Bildhauerin.

Eva Hesse (1936–1970) gilt als zentrale Figur in der Entwicklung der internationalen Kunst der 60er-Jahre. Ihr früher Tod infolge eines Gehirntumors mit nur 34 Jahren machte sie zu einem Mythos in der Kunstwelt. Mit ihren plastischen Arbeiten aus damals so ungewöhnlichen Materialien wie Latex und Fiberglas war ihr gerade der internationale Durchbruch gelungen, als sie die tödliche Diagnose erhielt. Ihre Ausstellung „Eva Hesse: Chain Polymers“ im November 1968 in der Fischbach Gallery in New York wurde von der Kunstkritik euphorisch aufgenommen und als zeitgemäßer Ausdruck von Konzept- und Prozesskunst gefeiert. Eva Hesse galt als eine der hoffnungsvollsten Künstlerinnen ihrer Zeit.
Wenn auch die Frage bleibt, was sie wohl hätte schaffen können, wäre ihr mehr Zeit geblieben, so hinterlässt Hesse doch ein umfangreiches Werk, gemessen an nur zehn Jahren Schaffenszeit. Ein aktuelles Werkverzeichnis, das im kommenden Jahr vom Museum Wiesbaden veröffentlicht wird, dokumentiert 117 Gemälde, mindestens 850 Arbeiten auf Papier, rund 110 Skulpturen und Reliefs sowie etwa 50 „Teststücke“ für größere Arbeiten. Hesse arbeitete obsessiv und erarbeitete auf diese intensive Weise konsequent, was als ihr reifer, originärer Ausdruck der späten Jahre in die Kunstgeschichte einging.
Noch bis zum 13. Oktober zeigt das Museum Wiesbaden in Zusammenarbeit mit dem San Francisco Museum of Modern Art eine Zusammenstellung von rund 125 Exponaten aus Museums- und Privatsammlungen in den USA und Europa, die ab November auch in der Tate Modern in London gezeigt werden. Alle drei Schaffensphasen der Künstlerin sind in dieser größten Retrospektive vertreten, die jemals zu sehen war: Selbstporträts, Gouachen und Collagen der frühen New Yorker Zeit (1960–1964), in den Raum ausgreifende Gemälde und Reliefs aus Kettwig/Ruhr (1964/1965), wo sie zusammen mit ihrem Mann, dem Bildhauer Tom Doyle, vorübergehend lebte und arbeitete, sowie die Skulpturen und gemäldeartigen Zeichnungen der letzten Jahre in New York (1966– 1970).
Im Katalog zur Wiesbadener Ausstellung kann man erstmals in deutscher Übersetzung das Interview nachlesen, das die Kunstkritikerin Cindy Nemser kurz vor Hesses Tod mit ihr führte. Nemser gegenüber äußerte sich Hesse zu ihrem tragischen Leben, das sie stetig in Extreme geführt hatte: In Hamburg als Tochter eines jüdischen Strafverteidigers geboren, gelangte sie im Alter von zwei Jahren zusammen mit ihrer älteren Schwester Helen auf der Flucht vor dem Naziregime mit einem Kindertransport nach Amsterdam und dort in ein Kinderheim. Drei Monate später kamen die Eltern nach. Über London gelang der Familie die Flucht nach New York, wo Eva Hesse aufwuchs. Von den Verwandten in Deutschland überlebte außer ihnen niemand. In der neuen Heimat litt die Mutter unter schweren Depressionen, und nachdem die Ehe der Eltern geschieden war, sprang sie aus dem Fenster in den Tod. Eva Hesse war zehn Jahre alt.
Bild oben: „Eighter from Decatur“ (1965). Email, Tempera, Baumwollschlauch, baumwollummantelte Metallteile einer Webmaschine auf Spanplatte. 68,9 x 54 x 19 cm Abbildungen: Katalog „Accession II“ (1967/1969). Galvanisierter Stahl, Kunststoffschläuche. 78,1 x 78,1 x 78,1cm
Bild oben: „Eighter from Decatur“ (1965). Email, Tempera, Baumwollschlauch, baumwollummantelte Metallteile einer Webmaschine auf Spanplatte. 68,9 x 54 x 19 cm Abbildungen: Katalog „Accession II“ (1967/1969). Galvanisierter Stahl, Kunststoffschläuche. 78,1 x 78,1 x 78,1cm
Auch in ihrem Werk suchte Hesse die Extreme. Gegen jede Regel malen wollte sie und „die absurdesten Gegensätze und die extremsten Kontraste finden“. Dabei rückte der ästhetische Eigenwert der Materialien immer mehr in den Mittelpunkt ihres Interesses. Ein Zulassen dieses „Materialwillens“ steht zum Formwillen der Künstlerin in Kontrast. Hesses Arbeiten räumen Widersprüche nicht aus, ganz im Gegenteil. Trotz der Fülle der Assoziationen, die sich bei der Begegnung mit den Skulpturen unweigerlich einstellen, wohnt den Arbeiten doch eine seltsam würdevolle Distanz inne, eine Aura von abstrakter Unbestimmbarkeit. Sie bitten die Fantasie zum Tanz und lassen sich doch nicht deutend vereinnahmen. Organische und erotische Konnotationen klingen ebenso an wie surreale Aspekte und minimalistische Formenstrenge. Es ist vielleicht eben diese Offenheit, die Hesses Werk so zeitlos relevant macht. Doch auch hier liegt ein Widerspruch, denn die offenen Formen sind zum Teil in Materialien gegeben, deren Konservierung sehr problematisch ist. Einzelne besonders fragile Arbeiten aus Latex sind so brüchig geworden, dass sie schon heute nicht mehr gezeigt werden können. Die Gelegenheit, Eva Hesses künstlerische Entwicklung von Malerei und Zeichnung zur raumgreifenden Plastik dank einer solch umfassenden Retrospektive nachvollziehen zu können, ist in Europa bisher einmalig.
Elke Bartholomäus
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