ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2002Arbeitsplatz Krankenhaus: Stimme aus dem Exil

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Arbeitsplatz Krankenhaus: Stimme aus dem Exil

Dtsch Arztebl 2002; 99(40): A-2659 / B-2267 / C-2131

Schielke, Astrid Anita

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Foto: Peter Wirtz
Foto: Peter Wirtz
Auf 15 Monate AiP-Zeit in Deutschland kann ich zurückblicken. Was hatte ich nicht alles an guten Vorsätzen, an Motivation, gutem Willen und Überzeugung für meinen Beruf! Es wurde zum Desaster. Wie hatte ich mich auf diese Stelle an einer großen Klinik an meinem Studienort in den neuen Bundesländern gefreut, eine Abteilung mit an die 100 Betten und breitem Spektrum, die unter uns Studenten einen guten Ruf genossen hatte. Die Zeit bis zum
Stellenantritt blieb ich nicht untätig, besuchte Fortbildungsveranstaltungen, beendete meine Doktorarbeit und hospitierte an einer Pariser Klinik von internationalem Renommee – alles, um gut vorbereitet zu sein! Aber es kam anders.
Am ersten Tag wurde ich der Chefstation zugeteilt. Nun, wie erste Tage so sind, versuchte ich, mich zurechtzufinden, Organisationsstrukturen zu erkennen, mich einzuarbeiten. Zur Seite gestellt wurde mir eine Assistenzärztin, die selbst erst seit vier Wochen dort angestellt war. Standort der Röntgenzettel, der Aufklärungsbögen und des hausinternen Telefonbuches waren schnell gezeigt, und nach wenigen Tagen fand ich mich allein auf der 30-Betten-Station. Ich tat, was ich konnte. Aber immer wieder verfing ich mich in Stolperfallen – da gab es Tumormeldungen und Qualitätssicherungsbögen, ICD und ICPM und ungeschriebene Epikrisen von Patienten, die ich nicht kannte, da sie noch von meinen Vorgängern liegen geblieben waren. „Frau Schielke, das müssten Sie mal machen!“ meinte mein Stationsarzt. Aha.
Nach vier Wochen eine neue Überraschung: Ich sollte mich auf der Wachstation melden. Die Stationsärztin informierte mich, dass ich dort ab der nächsten Woche eingearbeitet werden sollte. Niemand hatte mich davon in Kenntnis gesetzt. Sechs Wochen lang schwitzte ich Blut und Wasser in Erwartung meines ersten Dienstes. Zum ersten Mal nahm sich jemand Zeit, etwas zu erklären: Infusionstherapie, parenterale Ernährung, Dosierung der Katecholamine. Ich überstand den ersten Dienst ohne Magengeschwür.
Hatte ich erwähnt, dass ich in der Chirurgie arbeitete? Nach fünf Monaten beschlichen mich erste Zweifel. Erst 16-mal hatte ich den OP überhaupt betreten. Als wieder eine Woche ohne OP verstrichen war, fragte ich nach. Der Stationsarzt schien nachdenklich: „Mh, schwierig, nächste Woche operieren wir gar keine Hernien!“ Dass ich zu anderen Eingriffen kaum herangezogen wurde, hatte ich schon gemerkt, und dann auch nur als x-ter Assistent. Zu den großen Eingriffen wurden bevorzugt PJ-Studenten eingeteilt – „die müssen ja auch was lernen“. Selbst wenn sich mein Name auf den OP-Plan verirrt
hatte, gab man ihnen häufig den Vorzug. Als ich einmal darauf hinwies, dass eigentlich ich auf dem Plan stehe, erhielt ich zur Antwort: „Frau Schielke, einer muss auf Station bleiben, wir haben da so eine Arbeitsteilung.“
Trotzdem blieb ich zuversichtlich, stürzte mich mit Eifer in die Stationsarbeit, füllte Röntgenzettel im Akkord aus, konnte gleichzeitig Blut abnehmen, Aufklärungsgespräche führen und internistische Konsile anmelden. Mein Erfolgserlebnis wurde ein leerer Zettelkasten zum Feierabend. Es reichte nicht. Glaubte ich, mein Tageswerk geschafft zu haben, kam der Knüppel: „Und haben Sie auch die Entlassungen oder Ähnliches von morgen vorgeschrieben?“ Als wäre das alles noch nicht genug, wurde mir noch die Betreuung der PJ-Studenten übertragen, wöchentlich hielt ich nun die für sie vorgesehene Fortbildung, da die anderen Ärzte ja wegen der Tätigkeit im OP nicht abkömmlich waren.
Dann kam der Tag der Wahrheit. Überraschenderweise fand sich mein Name auf dem OP-Plan, auch noch für eine Whipple-OP. Hoffnung keimte in mir auf. Doch nach nicht einmal 30 Minuten OP-Zeit verabschiedete sich mein Kreislauf, und mir blieb nichts anderes übrig als abzutreten. Wie peinlich! Noch am selben Tag bat mich der Chefarzt
zu einem „AiP-Zwischengespräch“. Ich war verblüfft! Was denn eigentlich meine Zukunftspläne seien und ob es mir denn hier gefallen würde. Fachärztin für Chirurgie, war meine Antwort, und ich sei ganz zufrieden – das war eine Lüge, klar –, aber, da wäre eine Sache: Ich würde gerne etwas öfter in den OP. Wie hatte ich dieses Fettnäpfchen übersehen können! Zunächst einmal, er hatte sich insgesamt mehr von mir erwartet, nach dem, was mein bisheriger Werdegang erwarten ließ, und außerdem würde ich mich seiner Meinung nach sowieso nicht für die Chirurgie eignen, dafür bräuchte es besondere körperliche Voraussetzungen, es ginge nicht, dass man wegen einer Unpässlichkeit vom Tisch abtritt und so weiter. Für mich brach eine Welt zusammen. Wieso hatte man mich eigentlich eingestellt?
Trotzdem: Ich gab nicht auf! Von wegen. Jetzt erst gerade recht! Noch mehr Röntgenzettel ausfüllen, noch schneller ICD und ICPM codieren, noch mehr Infusionen legen, wurde meine Devise. Ich arbeitete wie am Fließband. Hatte ich mein Tagespensum bis 16 Uhr zur Dienstübergabe nicht geschafft, wurde ich streng oberärztlicherseits darauf hingewiesen, ich hätte mich an die reguläre Arbeitszeit zu halten, und wenn ich nicht fertig werde, läge es eben einfach daran, dass ich nicht in der Lage sei, die Stationsarbeit richtig zu organisieren. Als ich einmal darum bat, man möge mir doch um 16 Uhr behilflich sein, die noch anstehenden Arbeiten auf Station zu beenden, wurde dies abgelehnt mit der Begründung, man habe den ganzen Tag im OP gestanden und auch noch einen Dienst hinter sich, ich müsse allein zurechtkommen.
Foto:Archiv
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Die anfallende Mehrarbeit habe ich jedes Mal weisungsgemäß dokumentiert. Eines Tages wurde ich erneut zu einem Gespräch zum Chefarzt gebeten, der mich mit den Worten empfing, ich sei die fleißigste Mitarbeiterin im Hause mit 70 Überstunden, das wären mehr als die Oberärzte. Wie es denn dazu käme, ob ich denn gar mehr Stunden aufschreiben würde als geleistet, und wieso ich eigentlich so selten an den hausinternen AiP-Weiterbildungsveranstaltungen teilnehmen würde. Die Krankenhausleitung habe den schlechten Besuch moniert, und man werde künftig in den Arbeitszeugnissen darauf hinweisen nach der Art „zeigte kein Interesse an hausinterner Fortbildung“. Die Weiterbildungsveranstaltungen gingen künftig vor, auch vor Stationsarbeit und Chefvisite, aber ich könne nach 16 Uhr noch bleiben und die Arbeit erledigen, das wäre dann „verlagerte Arbeitszeit“ und keine eigentlichen Überstunden...
Nach 15 Monaten habe ich gekündigt, physisch und psychisch angeschlagen, und bin zurück nach Frankreich gegangen, wo ich zwei Jahre meines Studiums verbracht hatte.
Immer wieder habe ich es ungläubig überprüft – aber ich hatte zu Beginn meines AiP tatsächlich einen „Ausbildungsvertrag“ mit der chirurgischen Abteilung der Klinik abgeschlossen. Die Bilanz meiner chirurgischen Ausbildung sieht wie folgt aus: An 68 Tagen habe ich den OP betreten, zieht man davon die Diensteinsätze ab, verbleiben 45 Tage, an denen ich regulär auf dem OP-Plan stand und auch zur Assistenz herangezogen wurde. In der überwiegenden Zahl Hernien und Strumen, von sechs Eingriffen am Kolon, davon zwei Anus-praeter-Anlagen, habe ich keinen einzigen wirklich von Anfang bis Ende gesehen, entweder wurde ich erst später dazu gerufen oder musste früher abtreten, damit die Stationsarbeit nicht zu kurz kam. Ich habe keinen einzigen Blinddarm operiert, keine einzige Naht-, Knoten- oder Anastomosentechnik gelernt, war aber unschlagbar im Ausfüllen von Röntgenzetteln und auf dem besten Weg, ein guter Internist zu werden.
Seit acht Monaten lebe und arbeite ich nun in Paris und habe zum ersten Mal seit Beginn meiner ärztlichen Tätigkeit das Gefühl, ich tue das Richtige. Die Arbeitszeiten muten zwar geradezu anarchisch an, elf halbe Tage pro Woche, also inklusive des Samstag vormittags, und aufgrund der Personalsituation (auch hier herrscht Ärztemangel) ist es nicht möglich, nach dem Dienst nach Hause zu gehen, auch wenn die Richtlinien des Europäischen Gerichtshofes gesetzlich verankert sind.
Seltsamerweise trifft die neue Regelung des Freizeitausgleichs nach dem Dienst bei den französischen Kollegen nicht unbedingt auf Gegenliebe. Das Argument: Je mehr Anwesenheit im Krankenhaus, desto mehr Ausbildung. Und das System funktioniert! Denn hier ist wirklich jede Minute mit Lernen ausgefüllt, den einsamen Wolf auf Station gibt es nicht. Fragen und Diskussionen sind selbstverständlicher und hauptsächlicher Bestandteil des Ausbildungsprozesses. Diagnostik und Therapie werden immer wieder aufs Neue hinterfragt. Trifft man an die Grenzen
seines eigenen diagnostischen und therapeutischen Handlungsvermögens, ist es ausdrücklich erwünscht, um Rat nachzufragen, und alle Türen stehen dazu offen, auch gerade die des Chefarztes. Mit Geduld werden OP-Techniken erklärt, und schrittweise wird man an das selbstständige Operieren herangeführt – denn niemand wird allwissend geboren. Hier fällt niemandem ein Zacken aus der Krone, der sagt: „Ich weiß es nicht.“ Wie selbstverständlich wird Wissen weitergegeben, es wird nicht wie ein Geheimnis gehütet.
Hier erhalte ich nun endlich eine Ausbildung, die ihren Namen verdient. Mit Genugtuung betrachte ich den Ärztemangel in Deutschland und den anschwellenden Anzeigenteil des DÄ und hoffe, dass noch viel mehr jüngere Kollegen ihre Konsequenzen aus der gegenwärtigen Situation ziehen und sich Alternativen zur klinischen Tätigkeit in Deutschland suchen – die Welt ist groß, und die Möglichkeiten sind beinahe unbegrenzt.
Dr. med. Astrid Anita Schielke
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