ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2002Psychotherapieforschung: Stiefkind Prozessforschung

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Psychotherapieforschung: Stiefkind Prozessforschung

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Es wird zu wenig über psychotherapeutische Prozesse geforscht. Verantwortlich dafür ist der Druck, nachzuweisen, dass Psychotherapie effizient ist.

Die derzeitige Erforschung der Psychotherapie ist sehr facettenreich. Mehrere Paradigmen und Methoden bestehen nebeneinander. Dies hat mit der Entwicklung der Psychotherapie-Forschung zu tun, denn im Lauf ihrer Geschichte standen immer wieder andere Aufgaben und Ziele im Vordergrund. Anfangs sollte bewiesen werden, dass Psychotherapie überhaupt wirkt (Erfolgs- oder Outcome-Forschung). Nachdem die Wirksamkeit von verschiedenen Psychotherapie-Formen nachgewiesen werden konnte, wurde erörtert, welche der Therapieformen bei welchen Patienten am besten wirken (differenzielle Indikation). Schließlich wurde die Aufmerksamkeit auf die Therapie gerichtet. Es wurde untersucht, welche Mechanismen im Rahmen des therapeutischen Prozesses zu Veränderungen führen (Psychotherapie-Prozessforschung). Darüber hinaus gibt es auch Kombinationen dieser Forschungsschwerpunkte, zum Beispiel die so genannte Prozess-Outcome-Forschung.
Kontroverse nicht beendet
Seit Beginn der 90er-Jahre ist die Erfolgsforschung wieder verstärkt in den Blickpunkt geraten. Der Psychotherapieforscher Prof. Dr. phil. Klaus Grawe, Bern, folgerte aus Wirksamkeitsstudien und Metaanalysen, dass nur bestimmte Therapien (insbesondere die Verhaltenstherapie) wirksam seien und allen Patienten in einem einheitlich festlegbaren Zeitraum ausreichend geholfen werden kann. Vor allem tiefenpsychologisch arbeitende Psychotherapeuten, aber auch Vertreter anderer Schulen, protestierten heftig gegen diese Behauptungen. Vor dem Hintergrund gesundheits- und berufspolitischer Interessen lösten Grawes Thesen einen Medienrummel aus. Die Kontroverse ist immer noch nicht beendet. Nach Ansicht des Psychoanalytikers Dr. phil. Markus Fäh, Zürich, und des Psychotherapeuten und Psychoanalytikers Prof. Dr. med. Gottfried Fischer, Köln, haben die Ergebnisse Grawes vor allem dazu geführt, dass Psychotherapie verstärkt unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt erörtert wird.
Forscher und Therapeuten, die nicht unabhängig vom Geld der Forschungsförderer und Krankenkassen sind, reagieren entsprechend darauf: „Die Wirksamkeit von Psychotherapien steht im Zentrum der deutschsprachigen Psychotherapie-Forschung“, sagt dazu die Psychotherapie-Prozessforscherin und Therapeutin Prof. Dr. phil. Eva Bänninger-Huber, die am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck einen Lehrstuhl für Klinische Psychologie innehat. Sie sichtete einen Großteil der aktuellen Publikationen zur Psychotherapie-Forschung und stellte fest, dass die Erfolgsforschung alle anderen Schwerpunkte in den Hintergrund gedrängt hat. Besonders der therapeutische Prozess wird von den Forschern fast schon wie ein „Stiefkind“ behandelt. Mehr denn je muss Psychotherapie heute gerechtfertigt und ihre Wirksamkeit bewiesen werden. Dabei würde es sich nach Bänninger-Huber lohnen, die Prozessforschung auszubauen und insbesondere die Beziehung zwischen Therapeut und Klient näher zu untersuchen. Eigene Studien der Forscherin, bei denen sie kurze Ausschnitte von videogestützten Therapiegesprächs-Aufzeichnungen analysierte, zeigten, dass sich zwischen Therapeut und Klient bestimmte interaktive Muster entwikkeln und wiederholen. Zum Beispiel: Eine Klientin lächelte ihre Therapeutin immer dann auf eine typische Weise an, wenn sie eine Bestätigung für ihre Aussagen suchte und ein nonverbales Beziehungsangebot machte. Die Therapeutin gab jedoch nicht die von der Klientin erwünschten verbalen Kommentare. Sie verstärkte die Beziehungsangebote nur dann durch ein Lächeln, wenn sie unabhängig vom besprochenen Konflikt gemacht wurden. Solche Muster laufen sehr schnell ab und werden von den Beteiligten manchmal gar nicht bewusst wahrgenommen. „Je genauer man solche Mikroprozesse kennt, desto besser kann man beschreiben, warum eine Psychotherapie wirkt“, sagt Bänninger-Huber.
Sie weist auch darauf hin, dass bei der Untersuchung der Klient-Therapeut-Dyade bisher vor allem die Beziehungsmuster des Klienten im Mittelpunkt standen. Die Anteile des Therapeuten an der Beziehung wurden hingegen nur wenig beachtet, ebenso wie das wechselseitige Zusammenspiel von Klient und Therapeut. Deshalb wünscht sich die Forscherin mehr Studien aus dyadischer Perspektive, die einen besseren Einblick in das reale Therapiegeschehen erlauben. Sie könnten dem Therapeuten ein genaueres Wissen darüber vermitteln, wie er die therapeutische Beziehung mitgestalten kann. Ergebnisse aus der Prozessforschung würden auch die Ergebnisse der Erfolgsforschung interpretierbar machen. Außerdem könnten nutzbare Resultate für Praktiker abgeleitet werden. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Bänninger-Huber E: Von der Erfolgsforschung zur Prozessforschung – und wieder zurück? Zum aktuellen Stand der Psychotherapieforschung im deutschsprachigen Raum. Psychotherapeut 2001; 46:348–352.
2. Fäh M, Fischer G: Sinn und Unsinn in der Psychotherapieforschung. Gießen: Psychosozial Verlag, 1998.
3. Grawe K: Wie kann Psychotherapie noch wirksamer werden? Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis 1999; 2:185–199.

Korrespondenz
Prof. Dr. phil. Eva Bänninger-Huber, Institut für Psychologie, Universität Innsbruck, Innrain 51, 6020 Innsbruck, Österreich, E-Mail: Eva.baenninger-huber@uibk.ac.at
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