ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2002Externalisierende Störungen bei Kindern und Jugendlichen: Kontrollverhalten, Ungeduld und Ablehnung der Eltern können psychische Probleme verstärken

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Externalisierende Störungen bei Kindern und Jugendlichen: Kontrollverhalten, Ungeduld und Ablehnung der Eltern können psychische Probleme verstärken

PP 1, Ausgabe April 2002, Seite 167

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Externalisierende Störungsbilder (hyperkinetische Störungen und Störungen des Sozialverhaltens) gehören zu den am häufigsten diagnostizierten Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Man geht davon aus, dass sowohl biologische als auch psychosoziale Faktoren eine wichtige Rolle bei ihrer Genese spielen. Insbesondere die Eltern-Kind-Interaktion kann dazu beitragen, dass externalisierende Auffälligkeiten entstehen, aufrechterhalten werden oder sogar zunehmen – sie können also Ursache und Wirkung sein.
Eltern müssen sich ihrer Rolle
bewusst sein
Was sich zwischen betroffenen Kindern und ihren Müttern abspielt, wollte ei-
ne Gruppe von Wissenschaftlern aus Mannheim genauer wissen. Sie beobachteten 31 Kinder mit hyperkinetischer Störung, 61 Kinder mit Störungen des Sozialverhaltens und 116 nicht-betroffene Kinder im Alter von acht Jahren und ihre Mütter per Video bei einer fünfminütigen, hausaufgabenähnlichen Interaktion. „Die Mehrzahl der betroffenen Kinder und Mütter hatte ein gespanntes Verhältnis zueinander“, fanden die Forscher heraus. Zum Beispiel versuchten die Mütter hyperkinetischer Kinder stark, deren Verhalten zu steuern. Die Kinder verhielten sich wiederum unaufmerksam und impulsiv. Sie leisteten häufiger Widerstand gegen die mütterliche Beeinflussung und äußerten sich abwertender als unauffällige Kinder. Es zeigte sich, dass hyperkinetische Symptome besonders dann begünstigt werden, wenn impulsives Kindverhalten und Ablehnung seitens der Mutter gleichzeitig vorhanden sind.
Auch die Kinder mit Störungen des Sozialverhaltens machten es ihren Müttern nicht leicht: Sie waren aggressiver, impulsiver und provokativer als unauffällige Kinder. Ihre Mütter waren deshalb ungeduldiger im Umgang mit ihnen als die unauffälliger Kinder. Zu vermehrten dissozialen Symptomen trug vor allem das Verhalten des Kindes bei. „Verärgerte Mütter versuchen mit strengen Maßnahmen, das aufsässige Verhalten ihrer Kinder zu unterbinden. Die überforderten Kinder wiederum zeigen mehr Widerstand und Impulsivität. Mutter und Kind geraten so in einen Teufelskreis“, erklären Trautmann-Villalba et al.
Auffälligkeiten bei der Interaktion zwischen Müttern und psychisch erkrankten Kindern stellten auch Jennifer Hudson und Ronald Rapee fest. Das amerikanisch-australische Forscherteam untersuchte 43 Kinder mit Angststörungen, 20 Kinder mit herausfordernden, oppositionellen Verhaltensauffälligkeiten und 32 unauffällige Kinder im Alter zwischen sieben und 15 Jahren. Zusammen mit ihren Müttern sollten die Kinder schwierige Scrabble-Aufgaben bewältigen. Die Mütter durften den Kindern dabei helfen. In der Situation wurde künstlicher Stress erzeugt, indem eine Stoppuhr aufgestellt wurde. Außerdem waren die Aufgaben nicht im vorgegebenen Zeitraum lösbar. Die fünfminütigen Interaktionssequenzen wurden per Video aufgezeichnet. Weitere Verfahren, die die Autoren einsetzten, waren Interviews, Bewertungen durch unabhängige Beobachter und Fragebögen.
Überbehütung kann Angststörungen verstärken
Dabei stellte sich heraus, dass sich die Mütter der betroffenen Kinder deutlich stärker in die Aufgabenbewältigung einmischten als die Mütter unauffälliger Kinder. Ihre Äußerungen den Kindern gegenüber waren negativer und weniger ermutigend. „Kritik oder Zurückweisung durch die Mutter stehen möglicherweise in einem Zusammenhang mit Angststörungen“, vermuten die Autoren. Ob es sich um einen ursächlichen Zusammenhang handelt, sei noch unklar. Jedoch trägt eine aufdringliche Überbehütung wahrscheinlich dazu bei, dass bestehende Angststörungen der Kinder verstärkt werden. Die Eltern betroffener Kinder sollten sich ihrer Rolle bewusst sein. Dabei ist es gerade für Eltern von Kindern mit psychischen Beeinträchtigungen nicht leicht, locker und gelassen zu bleiben, wenn die Kinder aggressiv, ängstlich oder trotzig sind.
Adäquaten Interaktionsstil erlernen
Beide Studien zeigen, dass elterliche Reaktionen wie übertriebene Einmischung, Zurückweisung, Kritik oder Ungeduld die psychischen Probleme der Kinder zusätzlich fördern. Die Forscher warnen jedoch davor, mit Interventionen nur bei den Eltern anzusetzen. Um den wechselseitigen, sich aufschaukelnden Austausch von negativen Gefühlen und Stress zu durchbrechen, müssen beide „Parteien“ zu einem adäquaten Interaktionsstil angeleitet werden. Die Autoren gehen davon aus, dass „noch im Grundschulalter die Chance wirksamer Interventionen besteht“ und raten dazu, rechtzeitig mit der Arbeit an der Eltern-Kind-Beziehung zu beginnen. Marion Sonnenmoser

Trautmann-Villalba P, Gerhold M, Polowczyk M, Dinter-Jörg M, Laucht M, Esser G, Schmidt MH: Mutter-Kind-Interaktion und externalisierende Störungen bei Kindern im Grundschulalter. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2001; 29: 263–273.

Hudson JL, Rapee RM: Parent-child interactions and anxiety disorders: an observational study. Behaviour Research and Therapy 2001; 39: 1411–1427.

Dr. med. Manfred Laucht,
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit,
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des
Kindes- und Jugendalters, Postfach 12 21 20,
68072 Mannheim
E-Mail: laucht@as200.zi-mannheim.de

Jennifer L. Hudson, Department of Psychology,
Temple University, Philadelphia, PA 19122, USA,
E-Mail: hudsonj@astro.temple.edu
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