ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2002Bewertungsausschuss: Systemzwänge

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Bewertungsausschuss: Systemzwänge

PP 1, Ausgabe Mai 2002, Seite 193

Bühring, Petra

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LNSLNS Der Bedarf an Psychotherapie, genauer: an der Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS), ist seit den Terroranschlägen vom 11. September stark gestiegen. Prof. Dr. med. Manfred Cierp-ka, Heidelberg, einer der drei wissenschaftlichen Leiter des weltweit größten Forums für schulenübergreifende Psychotherapie, der Lindauer Psychotherapiewochen (siehe Artikel auf Seite 206), berichtete von völlig überlasteten Psychotherapie-Praxen in New York. Doch in den USA geht die Therapie über die Verarbeitung der traumatischen Situation hinaus: Die Familientherapeuten seien von der American Family Therapy Academy in Washington aufgefordert worden, Konzepte auszuarbeiten, wie man mit dem Terror leben kann – man richtet sich auf ein andauerndes Problem ein. Die deutsche Bevölkerung hingegen wäre nach einem Terroranschlag schlecht versorgt: Thomas W. Heinz untersuchte die psychotherapeutische Versorgung von Traumaopfern, mit dem Ergebnis, sie sei „unzureichend und wenig koordiniert“ (Seite 215). Hier bedarf es dringend der Verbesserung.
Nur schätzungsweise 150 Teilnehmer (von rund 3 000 Ärzten und Psychologen) kamen in Lindau zum „berufspolitischen Abend“. „Die Diskussionen sind in den vergangenen Jahren viel emotionaler geführt worden“, stellte Cierpka fest – und interpretierte dies als „Anpassungsprozess“. Viele, die hoffnungsvoll dem Psychotherapeutengesetz entgegengesehen hatten, scheinen nun in resignierter Starre zu verharren.
Einen Grund für die Resignation sehen viele in dem geänderten Beschluss des Bewertungsausschusses der Ärzte und Krankenkassen zur Vergütung psychotherapeutischer Leistungen mit Wirkung zum 1. Juli (Bekanntgaben in PP, Heft 4). Nach harscher Kritik der Psychotherapeutenverbände, gerichtlichen Auseinandersetzungen und einem Beanstandungsschreiben aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) musste der Beschluss vom 16. Februar 2000 nachgebessert werden. Ergebnis: Es ändert sich nicht viel. Die Punktwerte werden sich in einigen Kassenärztlichen Vereinigungen erhöhen, in anderen sinken. Folglich stößt auch dieser Beschluss auf Kritik: Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten e.V. zum Beispiel spricht von einer „skandalösen zielorientierten Berechnung“, die Summe der angesetzten Betriebskosten sei zu niedrig, ebenso das als Vergleichsgröße herangezogene Einkommen anderer Facharztgruppen. Horst Schmidbauer, MdB und Gesundheitsexperte der SPD, kündigte eine weitere Beanstandung aus dem BMG an.
KBV-Honorardezernent Dr. med. Andreas Köhler verteidigt den Beschluss gegen den Verdacht der Manipulation. Man habe versucht, der besonderen Situation der Psychotherapeuten, der begrenzten Mengenausweitung, mit einem festen Punktwert Rechnung zu tragen. Doch letztlich müssten sich die Psychotherapeuten dem gleichen budgetierten Rahmen unterwerfen wie die Ärzte.
Das Geld im System ist begrenzt, die KVen haben die Aufgabe, diesen Mangel zu verwalten und gerecht zu verteilen. Teilen sie den Psychotherapeuten einen höheren Punktwert zu, geht dies zulasten der Facharzthonorare. Die Lösung wäre zusätzliches Geld der Krankenkassen oder eine Finanzierung der Psychotherapie außerhalb des Budgets.
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