ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2002Gutachterverfahren: Unterwerfungsritual

POLITIK: Kommentar

Gutachterverfahren: Unterwerfungsritual

PP 1, Ausgabe Mai 2002, Seite 205

Bublitz, Peter-Michael

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LNSLNS Der Autor kritisiert, dass das Genehmigungsverfahren nicht die Qualität der Psychotherapie sichert, sondern dem Therapeuten die Kompetenz abspricht.
Das Gutachterverfahren in der Psychotherapie dient weniger der Qualitätssicherung, als dass es einem Unterwerfungsritual gleichkommt. Die Gutachter für Verhaltenstherapie vertreten die Auffassung, das Gutachterverfahren sei „sinnvoll und verbesserungsfähig“ (Artikel im Deutschen Ärzteblatt, Heft 40/2001). Die Psychotherapeuten, die die Antragsgutachten erstellen müssen, sind anderer Ansicht.
Das wichtigste Kriterium bei der Berichterstellung ist, die Zustimmung des Gutachters zu erlangen, denn davon hängt ab, ob er die Behandlung übernehmen darf. Der Psychotherapeut muss den Patienten informieren, dass er für die Behandlung eine Genehmigung braucht – eine Ablehnung ist eine Blamage vor dem Patienten. Auch stellt sich die Frage, was dann aus dem Patienten wird, der beispielsweise eine Krisenintervention benötigt.
Gemessen wird nicht die Qualität der Behandlung, sondern die Fähigkeit des Behandlers, den Fall in der entsprechenden Terminologie akzeptabel darzustellen. Der antragstellende Psychotherapeut darf nicht das Risiko eingehen, andere Behandlungsmethoden als die eigene als möglich oder notwendig erscheinen zu lassen. Die Folge ist Zwang zu systemimmanentem Denken, das Unvoreingenommenheit bei der Wahrnehmung eines Falles verhindert und Innovationen blokkiert. Die Gefahr, nicht die gleiche schulische Ausrichtung zu haben wie der Gutachter, ist groß. Stellt man zum Beispiel bei einer Psychodynamik Konzepte der Objektbeziehungstheorie oder des Narzissmus in den Vordergrund, kann es passieren, dass der Gutachter das „Fehlen der Entwicklung der Triebkonfiguration“ kritisiert. Unter solchen Bedingungen sind objektive Berichte nicht möglich.
Gutachten zu schreiben erfordert einen besonderen Zeit- und Konzentrationsaufwand, der neben den Therapien oft nicht vorhanden ist. Besonders Therapeuten, die mehr als 25 Sitzungen in der Woche absolvieren, geraten unter Zeitdruck. Dies hat zur Folge, dass ein Tätigkeitsfeld entstanden ist, das diverse Hilfen für die Erstellung der Gutachten anbietet: Literatur, Wochenendseminare, Einzelberatung, Software-Programme mit Textbausteinen, bis hin zu „Gutachtenentwürfen“ durch Personen, die sich darauf spezialisiert haben.
In anderen medizinischen Disziplinen werden Behandlungen vorher nicht von Kollegen nach den gleichen Kriterien überprüft. Den Psychotherapeuten wird mit diesem Procedere die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Ausübung der Therapie abgesprochen. Sie werden behandelt wie Praktikanten. Dass allein der Gutachter zu einer adäquaten „Synopsis“ in der Lage sein soll, erscheint anmaßend, da er über keine zusätzlichen Patientendaten verfügt. Auch die Beurteilung darüber, ob andere Behandlungen neben oder statt Psychotherapie angewandt werden sollten, erfordert Kenntnis der regionalen Versorgungsstrukturen, die der auswärtige Gutachter meist nicht hat.
Dass die Gutachter von der Sinnhaftigkeit des Verfahrens überzeugt sind, ist nachvollziehbar. Die Position bietet Einkommen, Status und Macht. Die Auseinandersetzung mit einem Gutachter kostet Zeit und Energie – letztendlich sitzt der Antragsteller am kürzeren Hebel. Zudem sind auch die Gutachter systemimmanenten Zwängen ausgesetzt, weil sie ihr Dasein mit einem bestimmten Anteil an Ablehnungen und Einschränkungen berechtigen müssen. Diese Zwänge scheinen zugenommen zu haben, denn seit etwa einem Jahr ist eine deutlich restriktivere Tendenz erkennbar.
Bei der Durchführung des Verfahrens treten viele juristische Regelverstöße auf: Das Dilemma des Therapeuten, zu wissen, dass er gegen die Bestimmungen des Datenschutzes verstößt, andererseits aber die Patientendaten weiterleiten muss, beschreibt Argeo Bämayr ausführlich (1). Zudem geht das Verfahren zulasten des antragstellenden Therapeuten: die Mindestbearbeitungszeit liegt bei circa drei Stunden, das Honorar bei circa 55 Euro.
Die Notwendigkeit einer präzisen Therapieplanung und eines Qualitätssicherungssystems wird von allen akzeptiert. Solange jedoch das Gutachterverfahren mit einer Einzelfall-Arbeitserlaubnis verbunden ist, werden die „Nebenwirkungen“ bestehen bleiben. Im Qualitätsausschuss der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen wird die Problematik zurzeit diskutiert. Es bleibt zu hoffen, dass neben einer Modifikation des Gutachterverfahrens auch andere Alternativen wie die Bildung von regionalen Qualitätszirkeln oder die Evaluation durch Patienten nach Behandlungsabschluss mehr Gewicht bekommen.


Literatur
1. Bämayr A: Unzulässigkeit des „Gutachterverfahrens vor Psychotherapien“ aus strafrechtlichen Gründen. Psychotherapeutenforum 2001; 8: 32–38 [Heft 6].

Dipl.-Psych. Dr. phil. Peter-Michael Bublitz
Psychologischer Psychotherapeut mit Zulassung für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
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