ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2002Jugend und Gewalt: Opfer werden zu Tätern

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Jugend und Gewalt: Opfer werden zu Tätern

Dlubis-Mertens, Karin

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LNSLNS Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie stellte in Berlin Studien zu Gewalterfahrungen und -prävention vor.
Zu ihren Gewalterfahrungen als Opfer und als Täter wurden 1998 und 2000 jeweils 10 000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren in Hannover, Hamburg, München und Leipzig befragt. Diese „Dunkelfeldstudien“ des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) ergaben, dass etwa ein Viertel der Neuntklässler in den vorausgegangenen zwölf Monaten Opfer von Raub, Körperverletzung mit oder ohne Waffen, sexueller Gewalt oder räuberischer Erpressung geworden war. Gewalt wurde in der Regel unter Gleichaltrigen ausgeübt, wobei „weit mehr als 80 Prozent der Vorfälle nicht zur Kenntnis der Polizei gelangten“, so Dr. Peter Wetzels, Direktor des KFN, beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugend-
psychiatrie und -psychotherapie in Berlin. Schülerinnen wurden – mit Ausnahme von sexueller Gewalt – deutlich seltener Opfer von kriminellen Gewaltdelikten als junge Männer.
Häufiger Opfer als Täter
Junge Menschen sind häufiger Opfer als Täter. Sie erleben nicht nur Gewalt durch Altersgenossen, sondern auch durch ihre Eltern: Nur die Hälfte der Befragten gab keinerlei Gewalterfahrung in der Kindheit an, 27 Prozent hatten bis zu ihrem 12. Lebensjahr leichte und 13 Prozent schwere Züchtigungen durch die Eltern erlebt. Neun Prozent berichteten von Misshandlungen. Das bedeutet, zusammengeschlagen, geprügelt oder getreten worden zu sein. Besonders jugendliche Migranten wachsen mit Gewalt in der Familie auf.
„Hauptopfer-Raum ist das Zuhause“, betonte der Jurist und Diplom-Psychologe Wetzels. Bei innerfamiliärer Gewalt sei die Dunkelfeldrate besonders hoch. Sowohl internationale als auch nationale Studien legen den Schluss nahe: „Je intensiver und häufiger Kinder Opfer von Gewalt werden, desto höher ist ihre Gewaltbereitschaft.“ So steigen die Täterraten bei eigenen Gewalterfahrungen an, ebenso bei weiteren ungünstigen Faktoren der „sozialen Lage“: geringe Bildung, niedriger sozioökonomischer Status, Arbeitslosigkeit.
Vor dem Hintergrund der Gewalt zwischen deutschen und ausländischen Jugendgruppen betonte Prof. Dr. Ri-
chard Münchmeier, Jugend- und Sozialpädagoge an der Freien Universität Berlin, zwei Aspekte der Prävention: Man müsse Jugendliche in ihrer Persönlichkeit stärken und ihnen Kontakte zu jungen Ausländern ermöglichen.
Eine gute Vorbereitung auf das Leben gewährleiste ein Erziehungsstil, bei welchem „elterliches Zutrauen in das Kind“ gepaart ist mit „elterlichen Leistungsanforderungen“. „Leistungsanforderung“ meint hier die Haltung von Mutter oder Vater: „Ich muss dir nicht alle Schwierigkeiten abnehmen. Ich weiß, du kannst es.“ Mit diesem Vertrauen im Rücken lerne ein Kind, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Deutlich ist nach Angaben Münchmeiers der allgemeine Wandel der Erziehungsvorstellungen, mit dem die Erziehungspraktiken allerdings nicht unbedingt Schritt halten: Mehr denn je würden Selbstständigkeit und freier Wille in den Vordergrund gestellt. Gehorsam und Unterordnung spielten eine immer geringere Rolle.
Die Dunkelfeldstudien ergaben außerdem, dass im Zweijahresvergleich
in allen Deliktbereichen ein leichter Rückgang der Gewalttaten im Hinblick auf Häufigkeit und Intensität zu verzeichnen ist. Auch elterliche Gewalt gegen Jugendliche ist rückläufig. Diese Ergebnisse entsprechen nach Angaben Wetzels anderen Dunkelfeldstudien. Inwieweit sich hier ein Trend ablesen lässt, könne nur ein Vergleich mit aktuellen Daten zeigen. Zur Vorsicht mahnt Wetzels allerdings bei der Interpretation von polizeistatistischen Angaben, die allein auf der Grundlage der registrierten Straftaten von einem Anstieg der Jugendkriminalität ausgehen. Erhöht hat sich vielmehr die Bereitschaft, Gewalttaten anzuzeigen: Im Vergleich zu 1998 gingen im Jahr 2000 Jugendliche häufiger zur Polizei. Gewaltanwendung wird von den Jugendlichen in einem geringeren Maße befürwortet. Zu diesem Wandel trägt auch die Gewalt ablehnende Haltung von Gleichaltrigen und Eltern bei. Karin Dlubis-Mertens

Literatur
1. Bundesministerium des Innern, Bundesministerium der Justiz: Erster Periodischer Sicherheitsbericht, Kap.5, Berlin: 2001.
2. Jugendwerk der Deutschen Shell (Hrsg.): Jugend 2000. Die 13. Shell Jugendstudie. Opladen: Lese & Budrich 2000.
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