ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2002Johannes Grützke und die Magersüchtige: Faszination des Morbiden?

VARIA: Feuilleton

Johannes Grützke und die Magersüchtige: Faszination des Morbiden?

Jaeschke, Helmut

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LNSLNS Seit fast 20 Jahren ist eine Frau mit dem Krankheitsbild Anorexia nervosa das bevorzugte Modell des Malers.

Lediglich die Zahl der Selbstbildnisse des Berliner Malers Johannes Grützke übersteigt die zahlreichen Buntstiftzeichnungen und Pastelle der Magersüchtigen. Was mag der Grund für dieses Interesse sein? Ist es die Faszination des Morbiden, des Verfalls, die Grützke reizt? Wird ihm die Krankheit gar zur allgemeinen Metapher pathologischer Zustände unserer Gesellschaft?
Grützke würde derartige Deutungen sicherlich von sich weisen. Gefragt nach der Bedeutung von großen Werkgruppen bestimmter Modelle, äußert er sich ausweichend: „Die Entstehung dieser bedeutenden Anzahl verdankt sich natürlich nicht dem jeweiligen Modell, sondern meiner Lust zu zeichnen. Das Modell ist meinem Zeichnen die Gelegenheit und setzt sich zusammen aus Verfügbarkeit, Gewohnheit, Treue, Sympathie, Offenheit, Geheimnis, Apathie, Asympathie, Bildung, Unbildung, Exhibitionismus, Scham, Demut, Risiko, Vertrauen, Poesie, Anmut, Vergangenheit, Trägheit, Dämonie, Krankheit, Gesundheit, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit . . .“
Zustand dekadenter Schönheit
„Grützke 13. 6. 1992“, Farbstifte auf farbigem Papier, 70,5 cm x 50 cm
„Grützke 13. 6. 1992“, Farbstifte auf farbigem Papier, 70,5 cm x 50 cm
Als erstes Motiv für die Wahl des Modells nennt Grützke also die Lust am Zeichnen, und diese wird vor allem angeregt durch die ausgeprägten Gesichts- und Körperlandschaften Erwachsener. Kinder mit ihren noch unentschiedenen weichen Formen tauchen in seinem Œuvre nur vereinzelt auf. Auf den Selbstbildnissen greift er häufig zusätzlich zum Hilfsmittel der Verzerrung und der Grimassierung, um sich neue formale Herausforderungen zu schaffen. Der ausgemergelte Körper der Magersüchtigen mit seinen harten Konturen und dem abrupten Wechsel von konvexen und konkaven Formen bietet dem Künstler dagegen einen Zustand dekadenter Schönheit. Einem Bildhauer nicht unähnlich modelliert Grützke auf seinen Zeichnungen die zerbrechliche Figur der Magersüchtigen und kommt dabei zu plastischen Formulierungen, die beispielsweise in der Schlüsselbein-Schulterregion an die abstrakten Körper eines Henry Moore erinnern. Weit entfernt von rein naturalistischer Abbildung gelingt es ihm so, ein eigenes Formenvokabular zu entwickeln, das Zeichnungen von höchster Qualität entstehen lässt. Mit ihnen knüpft Grützke an eine lange Tradition an, denn die Fähigkeit, im Krankhaften und nicht der Norm Entsprechenden eine geheime Schönheit zu erkennen, haben vor Grützke schon Hodler, Schiele, Kokoschka und in jüngster Zeit Lucian Freud bewiesen.
Farbstiftzeichnung ohne Titel, 28. 12. 1998, 64 cm x 45 cm
Farbstiftzeichnung ohne Titel, 28. 12. 1998, 64 cm x 45 cm
Die Zeichnungen der Magersüchtigen reduzieren sich jedoch nicht auf das rein Formal-Ästhetische. In den Äußerungen Grützkes zu der Bedeutung der Modelle findet man nicht von ungefähr Begriffe wie Gewohnheit, Treue, Sympathie oder Vertrauen. Es entsteht ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen Maler und Modell. Einerseits profitiert der Künstler davon, dass die Magersüchtige ihren Körper als Ausdrucksmittel benutzt, indem Intrapsychisches nach außen gekehrt wird und der eigene Körper im Sinne eines „asketischen Ideals“ geformt wird – was für den Künstler ungemein faszinierend ist. Andererseits bedeuten die regelmäßigen Porträtsitzungen für die Dargestellte, dass ihre Krankheit angenommen wird. Möglicherweise jedoch auch eine Bestätigung ihres „So-Seins“ und damit eine Verstärkung ihres Leidens im Sinne einer pathologischen Konstituierung.
Vorwurf der menschen-verachtenden Haltung
Einzelne Kritiker haben Grützke eine menschenverachtende Haltung vorgeworfen. Doch scheint die Magersüchtige die öffentliche Ausstellung der Zeichnungen und Bilder keineswegs als indiskrete Zurschaustellung zu empfinden. Grützke hat dem Vorwurf der Kritiker mit dem Bild „Anna Katharina Emmerick“ widersprochen. Auf diesem Gemälde ist die Magersüchtige in der historischen Figur der stigmatisierten Anna Katharina Emmerick dargestellt, die für ihre Fähigkeit berühmt wurde, ohne Nahrung zu überleben, und die noch zu Lebzeiten als Heilige verehrt wurde. Damit hat der Künstler seiner Magersüchtigen einen Vorschlag machen wollen: wenn schon nicht eine Heilige zu werden, so doch einen möglichen Sinn in ihrer Krankheit zu erkennen und sie dadurch zu überhöhen. Helmut Jaeschke
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