ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2002Psychologische Notfallhilfe: Fehlende Standards

EDITORIAL

Psychologische Notfallhilfe: Fehlende Standards

PP 1, Ausgabe Juni 2002, Seite 241

Bühring, Petra

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LNSLNS Nach dem Amoklauf am Gymnasium Gutenberg erreichte Erfurt eine spontane Welle der Solidarität. Kriseninterventionsteams, Ärzte, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und Seelsorger reisten aus ganz Deutschland an, um die psychische Last der Betroffenen zu lindern. Die Koordination der Krisenintervention habe gut funktioniert, sagt Polizeioberrat René Treunert, Leiter des Einsatzkommandos psychologische Betreuung. Rund 70 Psychotherapeuten aller Fachrichtungen wurden von der Polizei in den Tagen nach der Tat registriert, die die Betroffenen nach der medizinischen Versorgung betreuten.
Dass die Koordination der Helfer funktionierte, ist jedoch mehr dem Zufall zu verdanken als ausgereiften Konzepten. Das Land Thüringen hatte bis zu dem Amoklauf nur Unfertiges zur psychologischen Notfallhilfe in den Schubladen der Ministerien. Treunert, eigentlich Polizeichef in Jena, griff auf ein Konzept einer Arbeitsgruppe zurück, die der Frage nachgegangen war, wie Polizeibeamte nach „schwerwiegenden Ereignissen“ betreut werden sollten. Treunert appelliert an die Landesministerien, das Konzept generell zu übernehmen.
Dass es sich für die notfallpsychologische Betreuung bewährt hat, „angesichts der Schwere des Vorfalls“, davon ist auch Traumatherapeut Georg Pieper überzeugt. Allerdings seien Psychotherapeuten dabei gewesen, die wenig Kenntnisse in
der Krisenintervention mitbrachten. Auch wenn das Engagement zu begrüßen ist, ist es notwendig, eindeutige therapeutische Standards zu formulieren. Bisher gebe es nur grobe Standards, erklärte Pieper, für eine „evidenced based psychotherapy“ müsse mehr geforscht werden.
Wissenschaftlich umstritten, jedoch auch in Erfurt meist angewandt, ist zum Beispiel die Methode des so genannten Debriefings, bei der Betroffene unmittelbar nach dem Ereignis mit ihren Gefühlen konfrontiert werden. Pieper, der seit 14 Jahren nach Katastrophen im Einsatz ist, wendet Debriefing selbst an. Er hält es jedoch bei Hochbelasteten für schädigend. Auch von einer Einzelmaßnahme sei abzuraten. Die Betroffenen fühlten sich dann allein gelassen, in dem Sinne therapiert worden zu sein und keine Problem mehr haben zu dürfen. Auch sollte der Therapeut die Intervention nicht zu emotional werden lassen. Vor allem den schwer Betroffenen empfiehlt er zum Schutz vor Traumatisierung weitere therapeutische Maßnahmen. Die langfristige psychotherapeutische Betreuung der rund 500 bis 700 Hilfebedürftigen in Erfurt muss gewährleistet sein.
Für die psychologische Notfallhilfe nach solchen Katastrophen müssen die Ministerien, erfahrene Traumatherapeuten, Rettungskräfte und wissenschaftliche Vertreter der Traumatologie gemeinsam Standards entwickeln. Zurzeit ist die Bereitschaft dazu groß – auch bei den Ministerien. Hoffentlich ebbt sie nicht ab. Petra Bühring
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