ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2002Minderwertigkeitsgefühle beim Einzelnen und in der Gemeinschaft /

BÜCHER

Minderwertigkeitsgefühle beim Einzelnen und in der Gemeinschaft /

Brachfeld, Oliver

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LNSLNS Psychoanalyse
Aktueller denn je
Oliver Brachfeld: Minderwertigkeitsgefühle beim Einzelnen und in der Gemeinschaft. Einführung von Gert Janssen, unveränderte Neuauflage, Quercus Verlag Berlin, 2002, 368 Seiten, Broschur, 19,90 €.
„An den Gründern der Tiefenpsychologie Freud, Adler und Jung bewundern wir die Weite des geistigen Horizontes. Sie haben sich nicht auf die rein psychologische Forschung beschränkt, sondern ihr Interesse auch auf verwandte Gebiete der Kunst, Literatur, Geschichte, Ethnologie, Philosophie und Religion gerichtet. Ein Schüler von Alfred Adler, den diese Breite des Interesses und kulturellen Engagements ebenso auszeichnet wie die Gründerväter, ist Oliver Brachfeld.“ Mit diesen Worten führt Gert Janssen in die Studie ein. Dieses Werk erlebt fünfzig Jahre nach der deutschen Erstveröffentlichung eine Neuauflage. Das Erstaunliche ist: Die Gedanken sind aktueller denn je.
Das Wort Minderwertigkeitsgefühl ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Solche Begriffe werden in der Regel von Fachleuten gemieden. Das ist ein Fehler, denn wer kennt schon alle Spielarten dieser quälenden Regungen und weiß, dass mit einem Minderwertigkeitsgefühl ein Streben nach Kompensation verbunden ist. Die seelischen Regungen sind Angst- und depressive Störungen, psychosomatische Symptome, Suchtverhalten, Charakterneurosen, Psychosen, sexuelle Störungen, Kriminalität und Extremismus. An vielen Beispielen verdeutlicht Brachfeld diese Zusammenhänge. Dabei bettet er das seelische Ausdrucksvermögen in den kulturellen Kontext ein.
Besondere Aufmerksamkeit zog – und zieht auch heute noch – das Buch wegen der Erörterung der kollektiven Minderwertigkeitsgefühle in den Kapiteln „Rassen-Minderwertigkeitsgefühle“, „Der jüdische Minderwertigkeitskomplex“ und „Nationale Minderwertigkeitsgefühle oder die Ethnopsychologie der Komplexe“ auf sich. Brachfelds These lautet: „Anderssein erzeugt Minderwertigkeitsgefühle“. Die betroffenen Gruppen reagieren wie die Individuen mit Kompensation oder Überkompensation. Bei produktiver Bewältigung kommen besondere Kulturleistungen zustande. So spielen die Juden eine viel größere Rolle in Kunst und Wissenschaft, als es ihrem zahlenmäßigen Anteil entpricht. Bei unproduktivem Streben nach Überlegenheit entstehen Ressentiment, Vorurteil, Hass auf die gegnerische Gruppe. Auch bei diesem Thema ist man erstaunt über die bleibende Aktualität des Werkes. Die umfassende Darstellung aller Aspekte des Minderwertigkeitsgefühls entspricht der Bedeutung dieses grundlegenden Begriffs nicht nur für die Psychologie, sondern auch für Kultur und Gesellschaft. Günter Weier
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