ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2002Drogenabhängigkeit: Eine Erkrankung wie jede andere

POLITIK

Drogenabhängigkeit: Eine Erkrankung wie jede andere

PP 1, Ausgabe Juni 2002, Seite 258

Richter, Eva A.

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LNSLNS Die Ärzteschaft hat neue Substitutions-Richtlinien formuliert.
Gleichzeitig gelten jedoch die BUB-Richtlinien des Bundesauschusses der Ärzte und Krankenkassen. Die Konsequenz: Es herrscht Rechtsunsicherheit.

Früher galt sie als persönliches Versagen, jetzt wird sie als Krankheit anerkannt. Die Drogenabhängigkeit bezeichnet die Bundes­ärzte­kammer bereits in der Präambel zu ihren neuen Substitutions-Richtlinien* als eine behandlungsbedürftige chronische Krankheit. „Damit wollen wir verdeutlichen, dass Sucht eine Erkrankung wie jede andere ist und auch so behandelt werden muss“, erläutert Dr. med. Ingo Flenker, Vorsitzender des Ausschusses Sucht und Drogen der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Die Abstinenz bleibe weiterhin das primäre Ziel der Behandlung. Einen höheren Stellenwert bekämen aber Methoden, die das Überleben des Patienten sichern, ihn gesundheitlich und sozial stabilisieren und seine soziale Reintegration fördern. „Der suchtmedizinisch qualifizierte Arzt muss anhand der Indikation entscheiden, ob sein Patient für eine Abstinenztherapie geeignet ist oder ob eine Substitutionstherapie die größeren Chancen bietet“, erklärt Flenker.
So begrüßenswert die neuen Richtlinien sind, sie haben einen Haken: Sie können noch nicht in die Praxis umgesetzt werden. Dem stehen die BUB-Richtlinien (Bewertung ärztlicher Untersuchungs- und Behandlungsmethoden) des Bundesauschusses der Ärzte und Krankenkassen entgegen. Obwohl die BÄK-Richtlinien Bestandteil der betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften sind und der Gesetzgeber die Ärzteschaft aufgefordert hatte, den allgemein anerkannten Stand der Wissenschaft für die Behandlung der Opiatabhängigkeit festzustellen, herrscht jetzt Rechtsunsicherheit. „Bislang müssen Patient und Arzt einen bürokratischen Marathon absolvieren, bevor sie eine Kostenzusage für eine Substitutionstherapie erhalten“, berichtet Flenker.
Tatsächlich müssen die Abhängigen nach den Richtlinien des Bundes­aus­schusses gravierende medizinische Begleiterkrankungen aufweisen, um substituiert zu werden. Psychosoziale Gründe oder allgemeine Probleme von Suchtkranken sind selbst nach dem § 3a der BUB-Richtlinien, der eine „weitergehende Zulässigkeit der Substitutionsbehandlung“ regelt, keine Indikation. „Die Krankenkassen müssen endlich ihre ideologischen Scheuklappen ablegen und die Behandlung ihrer chronisch kranken Versicherten ohne Einschränkung übernehmen“, fordert Flenker. „Heroinsucht ist eine Krankheit, deren Therapie von der Krankenkasse finanziert werden muss.“
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, vertritt ebenfalls diese Ansicht. Doch: „Mir sind bislang die Hände gebunden“, bedauert sie. „Die Änderung der BUB-Richtlinien ist eine Aufgabe der Selbstverwaltung.“ Bereits im August 2001 hätte sie in einem Schreiben den Bundes­aus­schuss darum gebeten, nunmehr jedoch eine Frist gesetzt. Befasst sich der Bundes­aus­schuss bei seiner nächsten Sitzung am 13. Mai nicht mit den Substitutionsrichtlinien, behält sich das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium eine Ersatzvornahme vor. Sämtliche Richtlinien sollen überarbeitet und weiter gefasst werden: Die Opiatabhängigkeit soll als alleiniger Grund für eine frühzeitige Substitution ausreichen, das komplizierte Antragsverfahren soll in ein Anzeigeverfahren geändert werden, und auch die psychosoziale Begleitung soll von den Kassen unterstützt werden.
„Die Krankenkassen sind aufgefordert, die neuen Richtlinien auch für die ambulante Substitution von Kassenpatienten anzuerkennen und ihren Widerstand gegen eine Aufhebung der fachlich überholten Richtlinien des Bundes­aus­schusses aufzugeben“, betont Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die gemeinsam mit der Bundes­ärzte­kammer die Richtlinien formuliert hat. „Ziel muss es sein, die Hilfe für solche chronisch kranken Menschen nicht bürokratisch zu erschweren, sondern die Qualität der Behandlung zu verbessern“, appelliert der KBV-Vorsitzende an die Krankenkassen.
Suchtmedizinische Qualifikation ab Juli gefordert
Auf die substituierenden Ärzte kommen in den nächsten Wochen weitere Veränderungen zu. Ab 1. Juli ist die neue Qualifikation „Suchtmedizinische Grundversorgung“ vorgeschrieben. Damit soll die Qualität der Substitutionsbehandlungen gesichert und verbessert werden. Die Lan­des­ärz­te­kam­mern bieten Kurse nach dem Curriculum der Bundes­ärzte­kammer an und haben meist auch Übergangsbestimmungen geschaffen. Damit wird ein Teil der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung vom Juli 2001 umgesetzt. Gleichzeitig startet die Arbeit des bundesweiten Substitutionsregisters. Ab 1. Juli müssen alle Ärzte, die Substitutionsmittel verschreiben, dies anonymisiert an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) melden. Mehrfachsubstitutionen sollen dadurch ausgeschlossen und eine bundesweite Substitutionsstatistik erstellt werden. Die Ärztekammern informieren das BfArM über die Ärzte, die die Qualifikationsanforderungen erfüllen. Die Berechtigung zur Substitution kann somit durch das Institut kontrolliert werden.
Dr. med. Eva A. Richter
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