ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2002NS-Verbrechen und Versöhnung: Begegnung im Land der Peiniger

POLITIK

NS-Verbrechen und Versöhnung: Begegnung im Land der Peiniger

PP 1, Ausgabe Juni 2002, Seite 261

Otto, Andreas

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LNSLNS Das Maximilian-Kolbe-Werk vermittelt Kontakte zwischen Schülern in Deutschland und den Opfern des Nationalsozialismus.

Eine selten gespannte Stimmung herrscht im Klassenraum. Die Schüler der Jahrgangsstufe zwölf warten auf einen besonderen Gast. Der ist mehr als viermal so alt wie die Jugendlichen. Aber die Hochachtung, die dem 82-Jährigen entgegengebracht wird, lässt sich nicht allein mit seinem Alter erklären. Vielmehr verschafft die ungewöhnliche Lebensgeschichte Michal Ziolkowski ganz natürlichen Respekt. Der Pole hat fünf Jahre lang im Konzentrationslager Auschwitz gelebt, den Nazi-Terror überstanden – und berichtet jetzt den deutschen Schülern über diese schwere Zeit.
Ziolkowski spricht von „Mut“, den er und einige andere KZ-Überlebende gefunden haben, um in die Ingelheimer Sebastian-Münzer-Schule zu kommen. Es ist eben alles andere als selbstverständlich, in das Land der einstigen Peiniger zu reisen. Aber der studierte Ingenieur und jetzige Rentner weiß genau, warum er trotz mancher Krankheiten und Altersbeschwerden diese Strapazen auf sich nimmt: Er will dazu beitragen, „den Weg zur Versöhnung zwischen den Völkern zu bahnen“. Als einer der letzten Zeitzeugen möchte er den jungen Menschen „die Wahrheit vor Augen führen“.
Die Hochachtung, die die Jugendlichen dem 82-jährigen Ziolkowski entgegenbringen, rührt nicht nur von seinem Alter her. Foto: Harald Oppitz, KNA
Die Hochachtung, die die Jugendlichen dem 82-jährigen Ziolkowski entgegenbringen, rührt nicht nur von seinem Alter her.
Foto: Harald Oppitz, KNA
Die wollen es genau wissen: Wie waren die Verhältnisse damals im Lager? Was haben Sie dort den ganzen Tag gemacht? Warum haben gerade Sie überlebt? Ziolkowski beginnt zu erzählen: Er war einer der ersten Häftlinge in Auschwitz, Nummer 1055. Auf der Flucht aus dem von der Wehrmacht besetzten Polen war er schon 1939 „hinter der ungarischen Grenze einkassiert“ worden. Zunächst war er in verschiedenen Gefängnissen, bis er schließlich 1940 nach Auschwitz verbracht wurde. Nicht vergessen hat er den „Willkommensgruß“ des damaligen Lagerführers: „Das ist kein Sanatorium. Ein anständiger Häftling darf hier drei Monate leben, ein Geistlicher zwei Monate und ein Jude einen Monat.“ Für den damals 20-Jährigen eine „schreckliche Vorhersage“, die glücklicherweise nicht eintraf.
Kein Geschichtsbuch, kein Film, auch nicht der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar reichen an diese Art Begegnung heran. Deshalb fädeln Organisationen wie das Maximilian-Kolbe-Werk, das seit fast 30 Jahren KZ- und Getto-Überlebenden hilft, solche direkten Kontakte zwischen den Nachfahren der Täter und den Nazi-Opfern ein. Für die inzwischen hochbetagten ehemaligen Häftlinge ein Wettlauf mit der Zeit. Noch verspürt Ziolkowski genug Kraft, um auf authentische Weise aufzuklären. „Sie müssen alles tun, dass sich dieses Unglück nicht wiederholt“, appelliert er eindringlich an seine jungen Zuhörer.
Dass Ziolkowski überlebt hat, kann er selbst nicht begreifen. Er spricht von „Wunder“ und seinen vielen „Kollegen“, die ihm in Auschwitz zur Seite standen – etwa als er an Fleckfieber erkrankte und sie ihm beim Morgenappell unter die Arme griffen. Details über das Alltagsleben in Auschwitz saugen die Jugendlichen begierig auf. Ziolkowski kann den Fragen kaum nachkommen. Ausführlich schildert er den Ablauf des Morgenappells, wie sich Häftlinge vor dem Block sammeln mussten und „der Bestand“ gezählt wurde. „Der Blockälteste, ein Häftling, hat dem Blockführer, einem SS-Mann, eine Meldung gegeben – ungefähr so: Block Nummer 3 a, belegt mit 800 Häftlingen, an Ort und Stelle 755 Lebende, 15 Kommandierte und 30 Tote.“
Es sind diese Berichte, die bei den Schülern Betroffenheit auslösen. Daniel: „Im Geschichtsunterricht haben wir das Dritte Reich von außen kennen gelernt: die Feldzüge, den Krieg, die Politik. Aber hier geht es um ein konkretes Schicksal.“ Solche Reaktionen erlebt der Geschäftsführer des Kolbe-Werkes, Wolfgang Gerstner, immer wieder: „Die Treffen schaffen einen direkten Zugang zum Herzen.“ Solange dies noch möglich ist, bemüht sich seine Organisation um diese Form der Friedensarbeit. Das Kolbe-Werk und die von ihm betreuten Nazi-Opfer setzten auf Überzeugungsarbeit – und noch mehr auf das Verantwortungsbewusstsein der jungen Generation. Ziolkowski zu den Schülern: „Ich habe nur noch ein paar Tage vor mir, aber Sie haben ein ganzes Leben.“ Andreas Otto

Informationen:
Maximilian-Kolbe-Werk, Karlstraße 40, 79104 Freiburg, Telefon: 07 61/20 03 48, Fax: 20 05 96, Internet: www.maximi lian-kolbe-werk.de. Dort ist auch die 70-seitige Broschüre „Fragt uns, wir sind die Letzten . . .“ mit Lebenserinnerungen von KZ-Opfern zu beziehen.
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