ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2002Internet-Abhängigkeit: Krankheit oder Medienhype?

WISSENSCHAFT

Internet-Abhängigkeit: Krankheit oder Medienhype?

PP 1, Ausgabe Juni 2002, Seite 269

Pletter, Roman

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LNSLNS Bis zu 15 Prozent aller seiner Nutzer seien vom Internet abhängig, mutmaßten Wissenschaftler Ende der Neunzigerjahre. Zwei deutsche Studien wollten mehr wissen. Ergebnis: Ganz so schlimm ist es nicht.
Ein bis zwei Millionen Abhängige gibt es jedoch in Deutschland.

Nun bin ich wieder der, der ich mal war. Aber um welchen Preis? Ein überschuldetes Haus, eine zerbrochene Ehe, immense Telefonkosten, und alles, was noch folgen wird. Die körperlichen Probleme konnte ich schnell abfangen, die seelischen Wunden werden wohl noch lange da sein.“ Ein Klick auf den Button „Wir bekennen . . .“ unter www.onlinesucht.de öffnet ein Dossier solcher Geschichten: Menschen, die ihre Partner an virtuelle Gemeinschaften im Internet verloren haben, die Schule und Beruf vernachlässigen und soziale Bindungen in die reale Welt abbrechen wegen langer Nächte vor dem Monitor. Die Internetseite ist das Forum der „Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige“ (HSO). Der Verein versucht, Menschen zu helfen, für die das Internet ein Problem geworden ist.
„Sucht“ scheint übertrieben
Weil das Medium wenig erforscht ist, gibt es kaum wissenschaftliche Aussagen darüber, ob das Internet süchtig macht. Dennoch ist ein Begriff in der Welt, der nicht mehr verschwinden will: die Internetsucht. Die meisten Betroffenen sprechen in ihren Hilferufen davon – und die Medien haben das Wort aufgenommen. Doch „Sucht“ scheint übertrieben, wenngleich es viele Fälle von pathologischem Internetgebrauch gibt. Zu diesem Ergebnis kommen die bisher umfangreichsten deutschen Studien: Der Münchner Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. med. Oliver Seemann gibt in seinem Buch einen Überblick über den Forschungsstand und die Ergebnisse seiner Arbeit im Münchner Therapiezentrum für Internet-Abhängige (1). Am Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Humboldt-Universität Berlin studierten Prof. Dr. phil. Matthias Jerusalem und Diplom-Psychologe André Hahn drei Jahre lang das Verhalten von Internetnutzern (2). Die beiden Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen, allein in der Frage um die angemessene Therapie verfolgen der Psychoanalytiker Seemann und die Berliner Verhaltenswissenschaftler unterschiedliche Ansätze.
Seemann hatte das Münchner Therapiezentrum für Internetabhängige 1998 an der Psychiatrischen Universitätsklinik gegründet. Er war skeptisch über Berichte aus den USA zum Phänomen „Internet-Addiction“. Eine empirische Erhebung sollte Klarheit schaffen. Also holte man die Daten dort ab, wo man die meisten Nutzer antreffen konnte: im Netz. Unter www.psychiater.org startete Seemann eine Online-Umfrage zur Internetabhängigkeit. Er ging zwei Fragen nach: Wie hoch sind Qualität und Plausibilität von Daten, die im Internet gewonnen wurden? Wie viele Teilnehmer sind internetabhängig, und lassen sich ihnen bestimmte Charaktereigenschaften zuordnen?
2 341 Teilnehmer beantworteten die 49 Fragen zumindest teilweise – 45,6 Prozent der Daten boten nach Ansicht der Wissenschaftler die nötige Qualität. Sie fahndeten nach der Internetsucht, einem Begriff, von dem keiner wusste, was er beinhaltete. Die Frage war: Was ist Internetabhängigkeit? Seemann entwickelte analog zu Symptomen bekannter Suchterkrankungen Indikatoren für Internetabhängigkeit: Wenn die Nutzer die Zeit im Internet nicht mehr kontrollieren können, sie einen Zwang nach Surfen verspüren, Entzugserscheinungen wie starke Unruhe haben, deutliche soziale Probleme durch den Internet-Gebrauch bekommen, sich zurückziehen oder das schädliche Verhalten fortführen, obwohl sie um die negativen Folgen wissen. Internetabhängigkeit sollte vorliegen, wenn mindestens fünf der sechs Kriterien erfüllt waren. Das Ergebnis: 46 Personen (4,6 Prozent) waren abhängig.
Kein eigenständiges Krankheitsbild
Nun setzte Phase zwei ein: Seemann fragte, was die Abhängigen gemeinsam haben. Er startete eine klinische Studie mit acht internetabhängigen Probanden. Fazit: Alle Probanden hatten psychische Störungen. Vier davon hatten eine auf den Internetgebrauch isolierte Zwangsstörung, drei litten unter Depression, zwei an ängstlich-vermeidenden sowie schizoiden Persönlichkeitsstörungen und waren alkoholabhängig. Seemann folgert, Internetabhängigkeit sei kein selbstständiges Krankheitsbild, sondern ein Symptom anderer psychiatrischer Erkrankungen.
Die Studienergebnisse sind wegen der geringen Fallzahl vorläufig. Beobachtungen der Probanden weisen aber in eine Richtung: Die als abhängig diagnostizierten Personen zeigten eine positive und statistisch signifikante Korrelation zu Aspekten, wie sie bei Suchtkomplexen zu beobachten sind: Sie hatten Schuldgefühle, weil sie das Internet nutzten, wünschten sich, ihm entziehen zu können. Solche Versuche scheiterten, die Nutzung führte zu seelischen Problemen, Online-Erlebnisse zu rauschähnlichen Gefühlen und anamnestischen Suchterkrankungen. Die Abhängigen neigten auch stärker zu dem Gefühl, dass Online-Beziehungen mehr bedeuteten als persönliche Kontakte. Sie versuchten eher, einen Partner über das Internet zu finden als die übrigen Personen. Sie fahnden beispielsweise in Kontaktbörsen. Ein virtuelles Balztanz-Placebo hilft dabei: Karteikarten mit einem Foto und einem Lebensmotto. Die Nutzer bauen mit der Karteikarte eine virtuelle Identität auf.
Seemanns Mitarbeiterin Diplom-Psychologin Silvia Kratzer setzte sich mit dem Thema „Identität und Internet“ auseinander. Ihr Fazit: Kommunikation via E-Mail oder Chat hat bei stabilem „Selbstkern“ positive Auswirkungen, weil es dazu zwingt, zu kommunizieren und sich selbst zu reflektieren. Der Selbstkern entspricht einer Kern-
identität, die im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Wandel der persönlichen Entwicklung erhalten bleibt. Außerdem helfe das Internet, Freundschaften und intime Beziehungen für das reale Leben aufzubauen.
Kratzer ortet dort negative Auswirkungen von Internetkommunikation auf die Identität, wo der Selbstkern instabil ist: Die Nutzer verschieben ihre realen Probleme wie Kontaktstörungen, verschlimmern psychische Probleme wie zum Beispiel Depression oder Vereinsamung, ziehen sich zurück, weil sie virtuelle Beziehungen den realen vorziehen. Dies führe bis zur Bevorzugung des virtuellen Lebens als Gegenwelt, was eine vermehrte Identitätsdiffusion nach sich ziehen könne.
Eine Internetkontaktbörse, die besonders dazu verleitet, die eigene Identität verändert darzustellen, sind die Chatrooms. Dort schreiben die Nutzer in Echtzeit Nachrichten und sind unter Pseudonymen registriert. Eine vor einem Jahr erhobene Studie kam zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der befragten Chatter meinten, der virtuelle Kontakt mit anderen helfe ihnen bei Alltagsproblemen. Kratzer hat beobachtet, dass Personen, die sich in solchen virtuellen Gemeinschaften aufhalten, dort manchmal Selbstaspekte verändert darstellen. Sie generieren eine eigene virtuelle Identität, indem sie Alter, Aussehen, Gewicht oder Beruf verändern.
Kommunikation im Internet kann jedoch auch identitätsstützend sein. Von entsprechenden amerikanischen Studien berichtet André Hahn, Humboldt-Universität Berlin. Der Psychologe beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Internet. Grundsätzlich sei Kommunikation im Internet positiv zu bewerten. Probleme gebe es dann, wenn die von Seemann dargestellten Kriterien für Abhängigkeit auftreten. Dann sei auch der Streit um die Frage, ob es sich um eine Sucht handelt, nicht wichtig, sagt Hahn. Wer unter seinem eigenen Verhalten leidet und es nicht abstellen kann, brauche Hilfe. Mit seinen Kollegen vom Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie hat er die neben Seemanns Arbeit umfangreichste Studie zum Thema vorgelegt. Ergebnis: Rund 2,6 Prozent der Internet-Nutzer in Deutschland sind internetabhängig – zwei Prozent weniger als in Seemanns Untersuchungen. Das seien weit weniger als in einigen internationalen Studien vermutet – teilweise gingen die Forscher von bis zu 15 Prozent aus –, sagt Hahn. Bei 28 Millionen Internet-Nutzern in Deutschland handele es sich aber noch um eine Million Menschen.
Bei online erhobenen Daten sei jedoch Vorsicht geboten, warnt Hahn. Die erschreckenden internationalen Studien seien teilweise nicht valide. Auch die eigene Studie sei nicht repräsentativ, da man lediglich eine Quotenstichprobe genommen habe. Die Berliner Wissenschaftler glichen im Internet unter www.internetsucht.de gewonnene Daten mit repräsentativem Material zur Struktur der deutschen Internetnutzerschaft ab.
Frauen über 40 besonders betroffen
An den vier Teilstudien hatten insgesamt 14 000 Personen teilgenommen. Ergebnisse: Unter Jugendlichen bis 20 Jahre sind vor allem Männer internet-abhängig – bis zu zehn Prozent. Diese Tendenz kippt bei den 30- bis 40-Jährigen: Drei Prozent der Frauen über 40 sind betroffen – dreimal häufiger als Männer. Hahn geht davon aus, dass es keine Abhängigkeit vom Medium Internet gibt. Es gehe um eine Bedarfssituation, die befriedigt werde – zum Beispiel das Bedürfnis nach Kommunikation, das der Chat stillen könne. Therapien müssten hier ansetzen.
Seemann ist anderer Meinung: Er beschreibt in seinem Buch drei Modelle zur Bekämpfung der Abhängigkeit, welche Rückschlüsse auf die jeweiligen Erklärungsmuster für die Abhängigkeit zulassen: Psychiater versuchen, einem neurobiologischen Modell folgend, der Abhängigkeit mittels Medikamenten Herr zu werden. So zeichnet die Freisetzung von Dopamin „in den entsprechenden Gehirnbezirken“ bei Videospielen Parallelen zu anderen Suchterkrankungen – Rückschlüsse auf das Internet lägen nahe, meint Seemann. Der Einsatz von Medikamenten sei noch zu untersuchen. Verhaltenstherapeuten beschäftigten sich mit Lerntheorien. Diesem Ansatz erteilt Seemann eine Absage: „Zehn Sitzungen und dann ein Bonbon, das reicht nicht.“ Er favorisiert psychoanalytische Modelle: „Der virtuelle Raum kommt dem Bedürfnis der Menschheit nach Heimat entgegen. In manchen der virtuellen Rollenspiele sind bis zu 20 000 Personen gleichzeitig online. Und es ist eine Heimat, die man sogar eigenmächtig gestalten kann. (. . .) Das Gefühl, eine Heimat zu haben, ist wichtiger als deren Gehalt. (. . .) Der Süchtige möchte aber eigentlich die Droge nicht nehmen, wenn er nur eine andere Chance hätte, emotional zu überleben.“ Als therapeutischen Ansatz schlägt Seemann vor, sich mit frustrierenden Beziehungen in der frühen Kindheit der Abhängigen auseinander zu setzen.
Viele Internetabhängige fanden erste Hilfe im Internet unter www.onlinesucht.de. Dort, wo Betroffene unter „Wir bekennen . . .“ ihre Geschichten erzählen. Die Selbsthilfegruppe HSO bietet dieses Forum an. Deren Gründerin, Gabriele Farke, ist eine ehemalige Abhängige. Bis vor wenigen Monaten leitete sie den Verein und organisierte die Selbsthilfe, indem sie den Hilfe Suchenden Kontakte vermittelte. Das Projekt sei finanziell nicht ausreichend unterstützt und das Problem von offizieller Seite unterschätzt worden, klagt sie auf der Homepage. Sie musste die Arbeit einstellen. Die Selbsthilfegruppe könne keine Therapie ersetzen, urteilt Hahn, sei aber eine wichtige und seriöse Anlaufstelle für Betroffene. Roman Pletter

Literatur
1. Seemann O (Hrsg.): Die Internet-Süchtigen. München: Verlag Karl Maria Laufen 2001.
2. Hahn A, Jerusalem M: Internetsucht: Befunde aus vier Onlinestudien. In: Ott R, Eichenberg C (Hrsg.): Klinische Psychologie im Internet. Göttingen: Hogrefe.
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