ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Salutogenese: Bisher nur Schattendasein

POLITIK

Salutogenese: Bisher nur Schattendasein

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 296

Braun, Lisa

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Die gesundheitsfördernden Potenziale und die
Eigenaktivität der Patienten werden zu wenig gefördert.

Ein bisschen ergeht es dem Modell der Salutogenese wie ihrer Schwester, der Prävention. Die Grundprinzipien des medizinischen Ansatzes werden geschätzt, wenn es aber um einen festen Platz im Gesundheitswesen geht, fallen beide immer wieder hinten runter. Kein Wunder also, dass auch die Krankenkassenvertreter die als Forderung formulierte Veranstaltung des Hauptstadtkongresses „Salutogenese – ein notwendiger Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen!“ beinahe als glühende Verfechter bestritten.
Widerspricht Salutogenese dem Trend der Zeit?
Dr. Norbert Schmacke vom AOK-Bundesverband spricht vom „Schattendasein des salutogenetischen Ansatzes“ und sieht die Notwendigkeit, „die gesundheitsfördernden Potenziale bei Kranken zu fördern“. Mit einer großen massenmedialen Aufklärung, ähnlich der Aids-Kampagne, müsse das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Bevölkerung verändert werden. Die Medizin müsse die Rolle des Patienten anders begreifen. Solange man Non-Compliance ausschließ-
lich als fehlendes Einhalten ärztlichen Rates betrachte, existiere auch das Bild vom Patienten, der im doppelten Sinne Rezepte in Empfang nehme.
Ist denn ein salutogenetischer Ansatz in Zeiten von schematisierter Medizin, in Systemen wie Diagnosis Related Groups oder Disease-Management-Programmen überhaupt noch kompatibel? Das Gespenst der Checklistenmedizin scheint allgegenwärtig. Doch eine individuelle Therapie kann es nach Meinung der Anthroposophen nur geben, wenn das Krankheitsbild auch multiperspektivisch betrachtet werden kann. Der Arzt sollte in der Lage sein, die Eigenverantwortung des Patienten zu aktivieren.
Dr. Matthias Girke vom Berliner Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, erläutert am Beispiel des Diabetikers, dass es nicht nur darum gehen könne, ihn nach dem Befund gut einzustellen. „Bei Zucker gibt es immer auch eine sehr starke seelische, psychodynamische Seite. Diese Krankheit hat etwas mit motivationalen Elementen zu tun.“ Ob im Krankenhaus der „Prozeduren und Interventionen“ diese Perspektive eingenommen wird, dürfte fraglich sein. Hier setzt ein, was Prof. Dr. Peter F. Matthiesen von der Hochschule Witten/Herdecke fordert: „Jede Krankheit muss aus möglichst vielen Perspektiven betrachtet werden.“ Matthiesen will das Modell der Salutogenese keineswegs als Alternative verstehen, sondern als Perspektivenergänzung zu demjenigen der Pathogenese.
Die an einer raschen Krankheits-symptom-Beseitigung orientierte therapeutische Praxis stehe in der Gefahr, zwar die akute Symptomatik zu „normalisieren“, dadurch aber zugleich eine Ausheilung zu erschweren oder zu verhindern, meint Matthiesen. Dadurch würde einer Chronifizierung des Krankheitsverlaufs Vorschub geleistet. Matthiesen verteufelt jedoch keineswegs die pathogenetische Perspektive. „Das Prinzip der therapeutischen Ermöglichung eigenaktiver Selbstordnung und Selbstheilung ist freilich nur dort möglich, wo solche autonomen Leistungen ansprechbar oder stimulierbar sind“, so Matthiesen. Der anthroposophische Mediziner will die Fähigkeit des Einzelnen dahingehend stärken, dass er so weit wie möglich sein eigener Arzt sein kann. Das Handeln aller zu verändern, setze ein völlig neues Anreizsystem voraus, kommentiert der Vorsitzende des Ersatzkassen-Verbandes, Herbert Rebscher. Ein Paradigmenwechsel sei nicht in Sicht. Lisa Braun
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