ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Pflegepraxis mit Migranten: Lehrpläne für interkulturelle Kompetenz

POLITIK

Pflegepraxis mit Migranten: Lehrpläne für interkulturelle Kompetenz

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 302

Lenze, Susanne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Für Migranten sollte eine Spezialsprechstunde eingerichtet werden. Das forderte ein Arbeitskreis in Berlin. Foto: dpa
Für Migranten sollte eine Spezialsprechstunde eingerichtet werden. Das forderte ein Arbeitskreis in Berlin. Foto: dpa
Aus- und Weiterbildungsprogramme zur kulturkompetenten Pflege sind notwendig.

Mit dem Thema „Interkulturelle Kompetenz in der Pflege“ befassen sich Arbeitsgruppen bundesweit seit etwa zwölf Jahren. Gerade in Berlin wurden verstärkt Projekte und Weiterbildungsmöglichkeiten entwickelt, Erfahrungen gesammelt, welche exemplarisch für das gesamte Bundesgebiet sind. Der Arbeitskreis „Migration und Gesundheit des Vereins Gesundheit Berlin e.V. – Landesarbeitsgemeinschaft für Gesund­heits­förder­ung“ wies bei seinem jüngsten Treffen darauf hin, dass in der Pflegepraxis kaum auf die Bedürfnisse älterer Migranten und Migrantinnen eingegangen werde, obwohl deren Zahl ständig steige. Während Mitte der Neunzigerjahre 360 000 Ausländer dieser Altersgruppe in Deutschland lebten, waren es 2000 bereits 624 000 Menschen. „Etwa 20 000 allein stehende Türken über 60 Jahre lebten 1999 in Berlin“, sagte Dr. Jan Basche, Geschäftsführer vom gemeinnützigen Verein „Gemeinsam in Berlin-Brandenburg“.
Pfleger mit Migrationshintergrund sowie Träger der psychosozialen Arbeiten sprachen über Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung für Pflegekräfte und stellten verschiedene Forschungsprojekte vor. Die Arbeitsgruppe Migration und Gesundheit fordert die Vernetzung existierender Angebote, die Erhöhung des Bekanntheitsgrades auch der Altenhilfeeinrichtungen sowie die Förderung der interkulturellen Kompetenz der Mitarbeiter. Dr. med. Ernestine Wohlfart leitet die Arbeitsgruppe Transkulturelle Psychiatrie an der Poliklinik für Psychiatrie der Charité. Die Arbeitsgruppe sieht es als dringende Aufgabe an, die Gesundheitsversorgung von Migranten, im Hinblick auf psychische Erkrankungen, qualitativ zu verbesssern und sicherzustellen. Ab 1. September soll in der Poliklinik ein Zentrum für interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie (ZIPP) etabliert werden. Das Zentrum will forschend, heilend und lehrend tätig sein. Eine psychiatrische Spezialsprechstunde für Migranten soll eingerichtet und Fortbildung für Ärzte, Pflegepersonal und Sozialarbeiter angeboten werden. Es sei notwendig, Leitlinien für eine kulturell sensible Herangehensweise in der psychiatrisch und psychotherapeutischen Behandlung weiterzuentwickeln, erklärte Wohlfart. Der Forschungs- und Konzeptansatz basiert inhaltlich auf interkulturellen und ethnopsychoanalytischen Theorien und orientiert sich nach Angaben von Wohlfart an den Praxisansätzen des Ethnopsychiatrischen Zentrums in Paris, Centre Devereux. Für Flüchtlinge mit einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung kann durch ein integriertes, ambulant-stationäres Behandlungsangebot eine neue Versorgungsform angeboten werden.
Das Forschungsprojekt „Kulturelle Kompetenz in der psychosozialen und psychiatrischen Versorgung von Migrantinnen und schwarzen Deutschen in Berliner Einrichtungen“ will Probleme und Bedürfnisse in der psychiatrischen Versorgung von Migranten aufzeigen. „Bei der Entwicklung psychischer Störungen können Sozialisationsbedingungen im Herkunfts- oder Aufnahmeland, Ursachen zur Entscheidung zur Migration sowie Erlebnisse während des Migrationsprozesses eine Rolle spielen“, sagte Projektleiterin Prof. Dr. Dagmar Schultz von der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ASFH). Das Projekt wird durch die ASFH gefördert.
Immer wieder werde in der Literatur darauf hingewiesen, dass Migrantinnen psychisch und sozial verursachte Leidenszustände somatisieren und entsprechende Fachdienste erst spät oder im Notfall in Anspruch nehmen, berichtete Schultz.
Mit diesem Thema beschäftigten sich auch Dr. med. Theda Borde vom Universitätsklinikum Charité, Klinik für Frauenheilkunde, und Prof. Dr. Clara Rosendahl von der Evangelischen Fachhochschule Hannover. Sie erstellten das Curriculum „Interkulturelle Kompetenz im Gesundheits- und Sozialwesen“ für eine berufsbegleitende Weiterbildung.
Gefragt sind Methoden, mit deren Hilfe sich eine professionelle, an den Belangen der Migranten orientierte Pflege umsetzen lässt. „In diesem Bereich gibt es nur wenig konkrete Erfahrungen, auf die man zurückgreifen könnte“, berichtete Hamindokht Klein, Dozentin beim Verein „Treff- und Informationsort für türkische Frauen in Berlin“. Die Vereinigung verfügt über eine 20-jährige Erfahrung im Bereich der Beratung und Qualifizierung von Migrantinnen. Für sie gilt: Kulturelle Orientierung ist Voraussetzung für eine adäquate Orientierung an der Individualität des Patienten. Susanne Lenze
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema