ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Palästinensische Gebiete: Medizin unter Belagerung

POLITIK

Palästinensische Gebiete: Medizin unter Belagerung

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 309

Jochheim, Matthias

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An so genannten checkpoints kontrollieren schwer bewaffnete Posten auch Krankenfahrzeuge. Foto: ap
An so genannten checkpoints kontrollieren schwer bewaffnete Posten auch Krankenfahrzeuge. Foto: ap
Palästinas medizinische Versorgungsstrukturen leiden
unter der Besatzung durch das israelische Militär.

Es prallen in Israel und den Palästinensergebieten nicht nur zwei ethnisch und historisch-kulturell definierte Völker mit ihren Ansprüchen auf Legitimität und Macht aufeinander, sondern auch zwei Zivilisationen auf sehr unterschiedlicher wirtschaftlicher Entwicklungsstufe. Das wird uns, einer Besuchsgruppe von fünf deutschen Ärztinnen und Ärzten, auch anhand der wenigen statistischen Daten deutlich, die uns der Generalsekretär der Vereinigung Palästinensischer Medizinischer Hilfskomitees (UPMRC), Dr. Jihad Mashal, in seinem Büro in Ramallah zugänglich macht: Während in den palästinensischen Gebieten durchschnittlich 65,8 Ärzte auf 100 000 Bewohner kommen, sind es in Israel 385. Die Kindersterblichkeit in Israel liegt bei acht je eintausend Lebendgeburten, im besetzten Palästina bei 24,2 pro 1 000. Die Müttersterblichkeit wird auf 70 bis 80 je 1 000 geschätzt und liegt damit beim Zehnfachen der entsprechenden israelischen Zahlen. Einem Bericht der Vereinten Nationen vom Februar 2001 zufolge liegt der Anteil der in absoluter Armut lebenden Bevölkerung (weniger als zwei US-Dollar Einkommen pro Tag) bei 32 Prozent.
Gefährdetes Personal
Die ruhige Freundlichkeit, mit der Mashal an diesem 1. Mai über die Ereignisse der letzten Wochen berichtet, kontrastiert mit den Verwüstungen, die uns in den Büroräumen dieser medizinischen Hilfsorganisation gezeigt werden. Bei ihrem jüngsten Einmarsch haben die israelischen Truppen nicht nur Einrichtungen der palästinensischen Selbstverwaltungsbehörde wie Polizeistationen und das Erziehungsministerium zerstört, sondern eben auch Institutionen der Zivilgesellschaft, die der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung dienen. In Ramallah, der provisorischen „Hauptstadt“ der Autonomiebehörde, sehen wir bei den Kollegen der UPMRC die Reste der zerstörten Computer und des Büros, in dem der Präsident der Vereinigung, Dr. Mustafa Barghouti, sonst seine Pflichten wahrnimmt.
Auf der Fahrt nach Nablus, der größten Stadt der „West Bank“, lernen wir ein nun schon seit mehr als einem Jahr bestehendes schweres Hindernis für die Patientenversorgung kennen: Wir müssen drei „checkpoints“ der israelischen Armee passieren. Das besetzte Territorium der West Bank ist in mehr als 160 Gebiete separiert, deren Verbindungswege durch schwer bewaffnete Posten kontrolliert werden. Je nach Sicherheitslage, aber auch ohne erkennbare Gründe können die Aufenthalte an diesen Sperren Stunden dauern, auch für die Krankenfahrzeuge. Nicht nur Verletzte nach bewaffneten Konfrontationen, sondern auch chronisch Kranke wie zum Beispiel Dialysepatienten haben große Probleme, zur Behandlung in die Krankenhäuser zu kommen. Schwangere auf dem Weg zur Entbindung wurden an diesen Posten oft so lange aufgehalten, bis die Geburt an Ort und Stelle erfolgte. Es wurden uns mehrere Fälle genannt, bei denen die Neugeborenen dann aufgrund der mangelnden Versorgung starben.
Der Konflikt um die freie Passage der Krankenwagen eskalierte während der Zeit des erneuten Einmarsches der israelischen Armee in die West-Bank-Städte. Die israelischen Ärzte der Organisation „Ärzte für Menschenrechte“ (Physicians for Human Rights, PHR) haben in einem Interims-Report vom April* eine ganze Reihe von Vorkommnissen dokumentiert, bei denen es Fahrzeugen des palästinensischen Roten Halbmonds entgegen völkerrechtlichen Verpflichtungen der Genfer Konvention verwehrt wurde, Verletzte zur weiteren Versorgung abzuholen. Die Fahrzeuge wurden immer wieder auch direkt attackiert. Dabei wurden ein Arzt und drei Sanitäter getötet und weitere erheblich verletzt. Von den insgesamt rund 130 Krankenwagen, die in der West Bank eingesetzt werden können, wurden nach Angaben des stellvertretenden Direktors des Palästinensischen Roten Halbmonds, Fayeq Husein, acht durch das Militär völlig zerstört und 78 erheblich beschädigt. Begründet wurden die Attacken damit, die Fahrzeuge seien zum Sprengstofftransport missbraucht worden. Bis auf einen (zweifelhaften) Fall seien aber, so die palästinensischen Kollegen, für diese Behauptung nie Beweise vorgelegt worden.
Im besonders gravierenden Fall des Flüchtlingslagers Jenin wurde den Hilfsorganisationen elf Tage lang der Zugang zum Ort des Kampfgeschehens verweigert, eine schwere Verletzung der Vierten Genfer Konvention, deren Artikel 20 aussagt: „Personen, die regelmäßig und ausschließlich für den Betrieb und die Verwaltung ziviler Krankenhäuser eingesetzt sind, einschließlich des Personals, das für die Suche, die Bergung, den Transport und die Versorgung verwundeter und kranker Zivilisten, Gebrechlicher und Schwangerer zuständig ist, müssen respektiert und geschützt werden.“
Der israelisch-palästinensische Konflikt bedeutet für die betroffenen Menschen eine bittere Kette von Gewalt, Schmerz und Furcht. Bewunderung und Unterstützung verdienen solche Gruppen wie die von der israelischen Psychiaterin Dr. Ruchama Marton gegründete Gruppe „Ärzte für Menschenrechte“, deren Credo lautet: „PHR-Israel glaubt, dass die Angehörigen des ärztlichen Berufs eine moralische und praktische Verantwortung tragen, ihren Status und ihr berufliches Wissen zum Wohl aller einzusetzen: für die Menschenrechte allgemein einzutreten, und für das Recht auf Gesundheit im Besonderen.“ Bei unserem Besuch haben wir eine ganze Reihe palästinensische und israelische Kollegen kennen gelernt, deren Handeln stärker von diesem humanen Gehalt ihres Berufs geprägt ist als von der Frontstellung im nationalen Konflikt. Es ist unser Bestreben, die Haltung dieser Kollegen auch praktisch noch stärker zu unterstützen.
Matthias Jochheim
Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW)
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