ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Psychisch Kranke im Internet: Zwiespältige Reaktionen

POLITIK

Psychisch Kranke im Internet: Zwiespältige Reaktionen

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 310

Böttger, Sabine

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LNSLNS Das Internet bietet in Online-Foren psychisch Kranken Hilfe und Information. So genannte Suizidforen dagegen werden mit wachsender Besorgnis betrachtet.
Nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) leiden mindestens acht Millionen Menschen in Deutschland unter einer psychischen Erkrankung. Viele von ihnen benutzen das Internet als Informationsmedium. Experten stehen dieser Entwicklung zwiespältig gegenüber. Das wurde beim „Second International Symposium on Psychiatry and Internet“ (ISPI) in München deutlich. Denn der anonyme Austausch über das Internet birgt durch so genannte Suizidforen auch Gefahren. Das Kompetenznetz Depression dagegen kann hilfreich sein. Dieses vom Bun­des­for­schungs­minis­terium geförderte Online-Diskussionsforum für psychisch Kranke wird von Fachärzten für Psychiatrie moderiert.
„Im Bereich der Psychiatrie ist das Internet besonders wichtig geworden“, betonte Prof. Dr. med. Ulrich Hegerl von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), München, bei der Pressekonferenz des Symposiums. In unserer Gesellschaft werde über psychische Erkrankungen nicht offen gesprochen. Im Internet hingegen sei es psychisch kranken Menschen möglich, sich anonym zu informieren und Kontakt zu anderen Betroffenen aufzunehmen. Dass die Homepage des Großforschungsprojektes täglich von mehr als l 000 Personen besucht wird, beweist, dass das Medium genutzt wird. Einer Befragung der LMU zufolge, benutzen 42 Prozent der psychisch Kranken das Internet, die meisten nutzen das Forum als Online-Selbsthilfe.
Die Ratschläge von anderen Betroffenen werden offenbar akzeptiert und veranlassen viele psychisch Kranke sich erstmals an einen Arzt zu wenden und die von ihm verordneten Medikamente auch einzunehmen. Hegerl hofft, dass die Homepage bei immer mehr Betrof-fenen Ängste und Vorurteile gegenüber einer Therapie abbaut. So könnten zukünftig mehr Patienten mit Depressionen frühzeitig erkannt und rechtzeitig behandelt werden. Das Selbsthilfe-Forum ist über die Internet-Adresse www.kompetenznetz-depression.de zugänglich.
Heranwachsende anfällig für suizidale Äußerungen
Die Kehrseite des Internets ist allerdings, dass dort auch immer mehr Suizidforen entstehen, in denen sich Teilnehmer offen über Todeswünsche und Suizidpläne austauschen können. Diese Entwicklung sehen die Psychiater mit wachsender Besorgnis. Denn Schätzungen zufolge hätten bereits 30 Menschen in Deutschland über diesen Weg Selbstmord begangen, hieß es bei der Pressekonferenz. Besonders die in der Phase der Adoleszenz in eine Krise geratenden Menschen seien gefährdet. Der Psychologe David Althaus befürchtet, dass gerade in den beliebten Chatrooms suizidale Äußerungen eines Teilnehmers andere zum Suizid anstiften können.
Richtig genutzt reichen im Internet die Möglichkeiten des Internets von der reinen Informationsvermittlung bis zu therapeutischen Aspekten. Dies zeige das Beispiel des 11. Septembers, erklärte Robert S. Kennedy, New York. Überlebende konnten sich in Online-Foren austauschen und unterstützen. Viele Angehörige stellten die Fotos ihrer Toten online, sodass für die Bevölkerung die Opfer der Terroranschläge nicht nur Zahlen bedeuteten, sondern sie auch als Individuen gesehen wurden. Sabine Böttger
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