ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Gutachterverfahren: Aus Untertanenschlaf aufwachen

BRIEFE

Gutachterverfahren: Aus Untertanenschlaf aufwachen

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 311

Altmann, Pitt M.

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LNSLNS Ich beglückwünsche Sie zu dem Kommentar. Dr. Bublitz spricht mir aus dem Herzen, und ich bin froh, dass endlich ein Kollege den Mut findet, diesen indiskutablen Zustand offen anzusprechen.
Als approbierte und von der KV zugelassene Therapeuten werden wir nach einer mehrjährigen Weiterbildung, einem Praktischen Jahr in einer Klinik und hunderten Stunden Supervision von den Gutachtern tatsächlich in der Mehrzahl wie unfähige Praktikanten behandelt (wobei die Obergutachter in ihrer Arroganz am schlimmsten sind). Dies gibt es tatsächlich in keinem anderen Beruf. Welcher Chirurg muss sich jede anstehende Operation von einem Berufskollegen erst genehmigen lassen (mit Fortsetzungsanträgen nach jeder erneuten Untersuchung)? Welcher Architekt muss sich das von ihm entworfene Haus erst von einem Kollegen genehmigen lassen, ehe er es baut (mit Fortsetzungsanträgen nach jedem fertiggestellten Bauabschnitt)? Welcher Anwalt muss sich sein Vorgehen in einem Prozess erst von einem Kollegen genehmigen lassen (mit Fortsetzungsanträgen nach jedem Gerichtstermin)? Und was daran mit am schlimmsten ist: Wir haben den Gutachtern gegenüber keinerlei Möglichkeit, uns gegen ihre Entscheidungen oder ihre oft an Beleidigung grenzenden Kommentare zu wehren (außer dem Obergutachterverfahren, womit wir dann jedoch vom Regen in die Traufe geraten). Ein Praktikant hat da noch mehr Möglichkeiten, sich zu wehren. Patienten gegenüber ist dieses „Unterwerfungsritual“ nicht zu erklären. Sie verstehen es nicht, wahrscheinlich weil dieser Zustand einfach nicht zu verstehen ist. Davon abgesehen, wenn die Patienten wüssten, dass in den Gutachten ihre intimsten Probleme dargelegt werden und der Datenschutz dabei mehr als dürftig ist, sie würden auf die Barrikaden gehen. Unsere Angst vor den Gutachtern ist inzwischen so groß, dass sich eine richtige „Gutachtenindustrie“ gebildet hat. Im Report Psychologie (Organ des BDP) finden sich in jeder Ausgabe zig Anzeigen, die das Schreiben von Gutachten anpreisen (zu Preisen, die hier lieber ungenannt bleiben). Dr. Bublitz legt in seinem Kommentar sehr schön dar, dass es bei den Gutachtern nur darauf ankommt, ob die richtigen Termini gewählt wurden und diese in die richtigen Sätze verpackt worden sind. Sie bewerten nur die Fähigkeit des Therapeuten, Gutachten zu verfassen, nichts anderes. Die Problematik der Patienten spielt dabei keine große Rolle.
Am schlimmsten erscheint mir jedoch, dass bisher von keinem der Psychologenverbände auf diesen Zustand hingewiesen worden ist. Im Gegenteil, es gibt sogar von einigen Verbänden die unterwürfige Auffassung, dass das Gutachterverfahren sinnvoll und ausbaufähig sei. Wir sind aus den vielen Jahren der Kostenerstattung (in denen das Gutachterverfahren ja noch eine gewisse Berechtigung hatte), als wir uns in einem quasi rechtsfreien Raum bewegen mussten und der Willkür der Krankenkassen ausgeliefert waren, so zermürbt, dass wir alles akzeptieren, nur weil wir endlich in die KV eingezogen sind. Nur nicht aufmucken, lieber eine Untertanenmentalität leben.
Sollten nicht gerade wir Psychologen in unserem Denken unabhängig und selbstbewusst sein? Wie wirkt sich diese Untertanenmentalität auf die Behandlung der Patienten aus?
Ich bin bereit, jede Maßnahme mitzutragen, die die Abschaffung dieses untragbaren und im Grunde skandalösen Zustandes zum Ziel hat und würde mir wünschen, dass viele Kollegen endlich aus ihrem Untertanenschlaf aufwachen und ihr Standesbewusstsein erkennen!
Pitt M. Altmann, Postfach 90 01 55, 60441 Frankfurt/Main
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