ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Gutachterverfahren: Andere Sichtweise

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Gutachterverfahren: Andere Sichtweise

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 311

Berns, Inge

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LNSLNS Ich teile nicht die Auffassung von Herrn Bublitz, dass das Gutachterverfahren in der Psychotherapie ein „Genehmigungsverfahren“ im berufsrechtlichen Sinn, ein „Unterwerfungsritual“ und eine „Einzelfall-Arbeitserlaubnis“ darstellt. Meine Funktion als Psychotherapeutin in diesem Verfahren ist nicht korrekt beschrieben mit Formulierungen wie „Die Psychotherapeuten, die die Antragsgutachten erstellen“ oder „der antragstellende Psychotherapeut“.
Ich bin in diesem Verfahren weder Antragstellerin noch Gutachtenschreiberin, sondern Verfasserin eines Berichts zu einem Antrag meines Patienten an seinen Kostenträger. Er beantragt damit Kostenübernahme für eine beabsichtigte Psychotherapie, ich gebe dazu einen fachlich begründeten Bericht.
Ich teile Herrn Bublitzs Auffassung, dass präzise Planung notwendig ist. Der Bericht ist eine schriftliche Fassung meiner fundierten Überlegungen dazu. Ich würde den Text möglicherweise anders gliedern, alle im Formular abgefragten Punkte erscheinen mir aber prinzipiell zur präzisen Therapieplanung zugehörig. Anders als Herr Bublitz sehe ich meine Kompetenz hier nicht in-frage gestellt, sondern gefragt. Ich sehe es prinzipiell als berufsethische Pflicht in unseren Berufen an, sorgfältig die eigene Arbeit zu dokumentieren.
Meine Berufserlaubnis verstehe ich prinzipiell als Berechtigung, meine spezifische Arbeitskraft jemandem anzubieten, der dieses Angebot annehmen oder zurückweisen kann. Wünscht er eine Finanzierung meiner Arbeit durch einen Dritten, der unter bestimmten Bedingungen verpflichtet ist zur Zahlung, so empfinde ich eine Überprüfung nach den für alle Beteiligten verpflichtenden Kriterien – und das ist das Gutachterverfahren in erster Linie – als angemessen.
Mit dieser Einstellung nehme ich seit 25 Jahren als Psychotherapeutin am Gutachterverfahren teil, ohne dabei empfunden zu haben, dass ich mich einem Ritual unterwerfe oder mir die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Ausübung von Psychotherapie abgesprochen wird.
Eine kritische Betrachtung des Überprüfungsverfahrens und die Entwicklung von Alternativen sehe ich auch als sinnvoll an. Dabei wünsche ich mir die Verwirklichung von Prinzipien wie Transparenz des Verfahrens, größtmögliche Anonymität, Wirtschaftlichkeit und Qualitätssicherung. Ein Verfahren, das ohne externe Kontrolle funktioniert, wäre ideal. Ich habe den Optimismus verloren, dass dies realisierbar ist, würde ihn aber gern wieder gewinnen.
Inge Berns, Rumannstraße 2, 30161 Hannover
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