ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Aggressiv-dissoziale Störungen: Hilfe durch Eltern- und Problemlösetrainings

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Aggressiv-dissoziale Störungen: Hilfe durch Eltern- und Problemlösetrainings

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LNSLNS Aggressiv-dissoziale Störungen bei Kindern und Jugendlichen kommen häufig vor. Sie treten in Familien oft über Generationen hinweg auf. Kennzeichnend ist ein sich wiederholendes, durchgängiges Verhaltensmuster, bei dem die Rechte anderer sowie soziale Normen und Regeln verletzt werden. „Typisch für diese Störung sind aggressives Verhalten gegenüber Menschen und Tieren, Betrug, Diebstahl, Zündeln, Vandalismus, Schuleschwänzen und Weglaufen von zu Hause“, berichtet der Autor. Kinder mit aggressiven Verhaltensauffälligkeiten haben oft Probleme in der Schule und mit ihren Mitmenschen. In komplexen Situationen verlieren sie schnell den Überblick, übersehen Informationen und interpretieren die Absichten der anderen falsch. Sie neigen dazu, ihre Umwelt als feindselig wahrzunehmen und reagieren darauf mit erhöhter Aggressivität. Dennoch fehlt den meisten Kindern und ihren Eltern das Problembewusstsein. Nur selten wird professionelle Hilfe gesucht.
In vielen betroffenen Familien ist die Atmosphäre spannungsgeladen. Ungünstige Wohnverhältnisse, viele häusliche Konflikte, Alkoholismus, Kriminalität, eine restriktive, inkonsequente Erziehung, Eheprobleme und wenig emotionale Unterstützung tragen dazu bei, dass aggressiv-dissoziale Störungen aufgebaut und beibehalten werden. Besonders anfällig sind Kinder, die körperlich und sexuell missbraucht wurden und deren Mütter in der Schwangerschaft Medikamente, Alkohol und Drogen konsumiert haben. Die Prognosen für die betroffenen Kinder sind schlecht: Aggressiv-dissoziale Störungen gelten nicht nur als stabil, chronisch und schwierig zu behandeln, sie erfordern auch eine lebenslange Betreuung. Die Kinder haben ein erhöhtes Risiko, später delinquent zu werden und an psychiatrischen Störungen zu erkranken. Verhaltenstherapie gilt seit Jahren als die effektivste Behandlung. Bei jüngeren Kindern werden vor allem Elterntrainings, bei älteren zusätzlich auch sozial-kognitive Problemlösetrainings eingesetzt. Elterntrainings sollen das Interaktionsmuster zwischen Eltern und Kindern verändern. Die Eltern lernen, Regeln konsequent zu verwenden und wirkungsvolle Kontrolle auszuüben. Dazu werden sie in Techniken wie positive Verstärkung, Erstellen eines Belohnungsprogramms, Verträge abschließen, Privilegienentzug als Strafe und Time-out bei unerwünschtem Verhalten des Kindes eingewiesen. Allerdings stellt das Elterntraining hohe Anforderungen an die Eltern, zum Beispiel Literatur lesen, regelmäßig Sitzungen besuchen und erlernte Fähigkeiten in die Praxis umsetzen. Besonders Familien mit mehreren Risikofaktoren (Eheprobleme, wenig soziale Einbindung, geringerer Bildungsgrad) brechen das Training häufig ab. Dennoch gilt das Elterntraining als sehr effektiv. Durch sozial-kognitives Problemlösetraining wird versucht, auf die Wahrnehmung, Attributionen und Problemlösefähigkeiten der Kinder einzuwirken. Die Kinder lernen schrittweise eine Methode, um soziale Probleme zu erkennen und zu lösen. Sozial erwünschtes Verhalten wird durch Modelllernen und direkte Verstärkungen seitens des Therapeuten gefördert. Ältere Kinder profitieren von dem Training mehr als jüngere. Obwohl sich die Probleme bessern, bleiben viele Kinder weiterhin im klinischen Bereich für aggressives Verhalten. „Die Effektivität kann durch Kombination der beiden Interventionen erhöht werden“, berichtet der Autor und moniert: Obwohl die Störung folgenschwer ist und die Zahl der behandelten Kinder weit unter der Prävalenz liegt, wird sie in der kinderpsychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung immer noch zu wenig beachtet.“ ms

Brezinka V: Verhaltenstherapie bei Kindern mit aggressiv-dissozialen Störungen. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2002; 30: 41–50.

Dr. phil. Dr. (PhD) Veronika Brezinka, Poliklinik Kinder- en Jeugdpsychiatrie, Sophia Kinderziehenhuis Rotterdam, Dr. Molewaterplein 60, NL-3000 CB Rotterdam, Niederlande, E-Mail: brezinka@psys.azr.nl
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