ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Geschlechtsspezifische Unterschiede: Vernachlässigte Gender-Perspektive

WISSENSCHAFT

Geschlechtsspezifische Unterschiede: Vernachlässigte Gender-Perspektive

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 317

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Das biologische beziehungsweise psychosoziale Geschlecht von Psychotherapie-Patienten wird zu wenig beachtet.

Das biologische und psychosoziale Geschlecht von Psychotherapie-Patienten ist nach wie vor ein „blinder Fleck“ in der Diagnostik, Therapieplanung und Behandlung. „Der kleine Unterschied – geschlechtssensible Beratung, Therapie und Rehabilitation“ war das Thema der Tagung für Psychotherapeuten und Suchtberater in der Suchtfachklinik Eußerthal (Südpfalz).
„Die Mehrzahl der Patienten im ambulanten und stationären Bereich sind Frauen“, berichtete die Psychologische Psychotherapeutin Dr. Martina Belz-Merk vom Psychologischen Institut, Abteilung Rehabilitationspsychologie, an der Universität Freiburg. Nach Belz-Merk werden 75 Prozent aller Psychopharmaka an Frauen verordnet. Frauen entwickeln psychische Störungen früher und sind häufiger von Depressionen, psychosomatischen Erkrankungen, Ängsten, Agoraphobie, Essstörungen und Borderline-Störungen betroffen als Männer. Dagegen ist die Alkoholsucht ein typisch „männliches“ Problem. Für diese geschlechtsspezifischen Unterschiede gibt es mehrere Erklärungen: Zum Beispiel haben Männer und Frauen ein unterschiedliches Gesundheitsverhalten. Männer neigen dazu, ihre Gesundheit zu vernachlässigen, Krankheitssymptome zu ignorieren und Arztbesuche zu vermeiden. Außerdem tendieren sie zu risikoreicherem Verhalten: Sie spielen den „Helden“. Männer erkranken aber auch eher an Krankheiten, die zum Tode führen und sterben im Schnitt sechs bis acht Jahre früher als Frauen. Im Gegensatz dazu sind Frauen gesundheitsbewusster und vorsichtiger. Sie suchen früher und häufiger den Arzt auf und holen sich Hilfe. Männer und Frauen gehen also unterschiedlich mit ihrer Gesundheit um und haben verschiedene Bewältigungsstrategien. Damit wird die höhere Krankheitsanfälligkeit von Frauen erklärt: Da sie mehr klagen, werden sie weniger ernst genommen, erhalten aber mehr Medikamente und schneller eine Diagnose.
Die Ergebnisse der wenigen Studien, die sich bisher mit dem Geschlecht als Wirkfaktor in der Psychotherapie befasst haben, zeigen: Je nachdem, ob der Therapeut männlich oder weiblich ist, offenbaren Patienten unterschiedliche Persönlichkeitsanteile in der Therapie. Patienten drücken gegenüber Psychotherapeutinnen mehr Gefühle aus und sind offener als zu Psychotherapeuten.
Beeinflusst das Geschlecht die Diagnose?
Noch weitgehend ungeklärt ist hingegen, welches Geschlecht des Therapeuten von den Patienten bevorzugt wird, welche Kompetenzen die Patienten männlichen und weiblichen Therapeuten zuschreiben und wie sich das Geschlecht in der Interaktion zwischen Therapeuten und Patienten auswirkt. Unerforscht ist auch, ob das Geschlecht von Patienten und Therapeuten die Diagnosestellung und die Auswahl der Behandlungsverfahren beeinflusst. Damit die Geschlechterunterschiede in der psychotherapeutischen Ausbildung und Praxis von Psychotherapeuten mehr Aufmerksamkeit erfahren, fordert Belz-Merk ihre Kollegen dazu auf, sich über die eigene Geschlechterrolle in ihrer Biografie klar zu werden. Sie rät dazu, Machtgefälle im Rahmen einer Psychotherapie zu vermeiden und eine „gender“-sensitive Sprache zu benutzen. Psychotherapeuten sollten sich außerdem Wissen über die geschlechtsspezifischen Aspekte der Ätiologie, Aufrechterhaltung und Behandlung psychischer Probleme aneignen.
Diese eher theoretische Ebene haben die Mitarbeiter der Fachklinik Eußerthal bereits verlassen. Seit zehn Jahren gibt es dort eine geschlechtsspezifische Diagnostik und Rehabilitationsführung. Inzwischen wurde auch ein Gender-Konzept für die Behandlung von Suchtkranken entwickelt. Die beiden Psychologischen Psychotherapeutinnen Gabriele Knauf und Ilse Hoffmann von der Fachklinik Eußerthal, lieferten dafür Fallbeispiele. Sie berichteten über die Therapie zweier alkoholkranker Patienten, eines Mannes und einer Frau. Beide erhielten einen ähnlichen Therapieplan, der sich jedoch in einigen Punkten unterschied. Anhand der Lebensgeschichte und der aktuellen Lebensumstände beschrieben Knauf und Hoffmann, wie sich die Suchtproblematik entwickelt hatte und wie sie aufrechterhalten wurde. Daneben hatten die Geschlechtssozialisation und -identität der Patienten eine pathogene Wirkung. Beispielsweise konnte der Mann keine Schwächen und weichen Gefühle zulassen. Seine Beziehungsfähigkeit war stark eingeschränkt. Die Patientin hingegen litt unter Schamgefühlen. Sie konnte sich nicht durchsetzen und empfand sich als schwach, unwichtig und minderwertig. In der Therapie wurden deshalb die geschlechtsspezifischen Komponenten der Abhängigkeitserkrankung reflektiert und aufgearbeitet. Der Patient lernte, schwache und weiche Gefühle zuzulassen, seine Schwächen als normal und natürlich anzusehen und seine „Heldenhaftigkeit“ aufzugeben. Die Patientin wurde darin geschult, sich als stark und wichtig wahrzunehmen. Sie musste wieder Zugang zu ihren aggressiven Gefühlen finden und lernte, das „Märtyrertum“ aus ihrem Selbstkonzept zu streichen.
Nach Knauf und Hoffmann brauchen Psychotherapeuten für ihre Arbeit eine ausgeprägte Sensibilität für Geschlechterkonzepte, -erwartungen und -zuschreibungen sowie für geschlechtsspezifische Verhaltenstendenzen und Lebensbedingungen. Sie meinen: „Diese vernachlässigte Perspektive kann wesentlich zu einem richtigen Verständnis psychischer Erkrankungen beitragen.“ Marion Sonnenmoser
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