ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Neuseeländisches Trainingsprogramm für Klinikpersonal: Nach Missbrauch fragen

WISSENSCHAFT

Neuseeländisches Trainingsprogramm für Klinikpersonal: Nach Missbrauch fragen

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 318

Heim, Thomas

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LNSLNS Das Thema Missbrauch soll zum festen Bestandteil der psychosozialen Anamneseerhebung bei psychisch Kranken werden. Ziel ist unter anderem, die Aufdeckungsrate bei Missbrauch zu erhöhen, um gezieltere Therapien anbieten zu können.

Die Versorgung von Patienten verbessern, die Opfer von sexuellem Missbrauch oder von Gewalt geworden sind, will ein Trainingsprogramm, das derzeit in Auckland, Neuseeland, erarbeitet wird. Das klinische Personal, das mit der Betreuung psychisch Kranker zu tun hat, soll künftig im Rahmen einer eintägigen Schulung lernen, wie im Patientengespräch mit dem Thema Missbrauch umgegangen werden kann. Der Psychologe John Read – an der Entwicklung und Evaluation maßgeblich beteiligt – stellte das Trainingsprogramm bei der Tagung „Die subjektive Seite der Schizophrenie“, veranstaltet von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, vor. Das Programm soll dazu beitragen, dass das Thema Missbrauch zum integralen Bestandteil der psychosozialen Anamneseerhebung bei psychisch Kranken wird.
Nicht in der akuten Psychose oder bei Suizidalität fragen
Die Validität von Berichten über eine generell erhöhte Prävalenz von Missbrauchserfahrungen bei psychiatrischen Erkrankungen wird in der internationalen Fachwelt kritisch infrage gestellt. Read vertritt die Position, dass durch ein flächendeckendes Training die Voraussetzungen für eine breitere Evaluation möglicher Zusammenhänge zwischen Missbrauch und psychischen Erkrankungen geschaffen werden könnten. Ein Ziel des Programms ist es, die Aufdeckungsquoten der Kliniken von derzeit bis zu 30 Prozent zu verbessern und damit eine gezieltere Therapie zu ermöglichen.
Read empfiehlt, die meisten psychisch Kranken bereits im Rahmen der stationären Aufnahmeroutine auf das Thema Missbrauch anzusprechen. Allerdings gebe es auch Situationen, die ein solches frühzeitiges Nachfragen verbieten. Dazu zähle nicht nur eine akute Psychose, sondern auch ausgeprägte Suizidalität. Zudem soll der Behandelnde nie in einer Situation fragen, in der nicht genügend Zeit für ein ausführliches Gespräch vorhanden ist oder wenn Familienangehörige zugegen sind. Das langsame Herantasten innerhalb der psychosozialen Anamnese schaffe einen leichteren Zugang zu vergangenen Missbrauchserfahrungen als die direkte Frage: „Sind Sie missbraucht worden?“ Viele Klienten, die ohne Zweifel eine Missbrauchserfahrung gemacht haben, würden das Erlebte nicht als „Missbrauch“ bezeichnen.
Eine gute Ausgangsbasis könnten allgemeine Fragen über die Kindheit sein, wie „Könnten Sie mir etwas über Ihre Kindheit erzählen? Wie würden Sie Ihre Beziehung zu den Eltern beschreiben? Was war die schönste Zeit in Ihrer Kindheit? Was war die schlimmste Erfahrung? Wie wurde das Thema Disziplin gehandhabt?“ Erst wenn auf diese Fragen keine Missbrauchserfahrungen berichtet würden, soll konkreter gefragt werden. Dabei seien möglichst Fragen zu verwenden, die ein bestimmtes Verhalten beschreiben, beispielsweise: „Hat Ihnen ein Elternteil oder andere erwachsene Personen schon einmal Blutergüsse, Schnittwunden oder Knochenbrüche zugefügt? Zu wem sind Sie gegangen, wenn Sie verzweifelt waren? Was war die schlimmste Bestrafung, die Sie als Kind erhielten? Hat jemand, der älter war als Sie, eine sexuelle Handlung an Ihnen oder mit Ihnen vollzogen, als Sie noch ein Kind waren?“
Auch den Themen emotionaler Missbrauch und Vernachlässigung solle man sich mit ähnlichen Fragen nähern. Am Ende der Missbrauchsanamnese erkundigt sich der Therapeut nach Missbrauchserfahrungen im Jugend- und Erwachsenenalter.
Wenn ein Patient über seine traumatischen Erlebnisse spricht, sei es, so Read, nicht notwendig, ihn noch im selben Gespräch nach allen Details zu fragen, zum Beispiel ob es zur genitalen Penetration kam. In vielen Fällen werde der Betroffene ohnehin wie eruptiv das Geschehene ausführlich schildern. Bei vielen keime danach aber auch Angst auf, einen schweren Fehler gemacht zu haben, etwas zu erzählen, worüber sie vorher vielleicht über lange Jahre mit niemandem zu sprechen wagten. Auf jeden Fall solle der Therapeut dem Betroffenen versichern, dass es gut war, über die schrecklichen Erfahrungen zu sprechen. Wichtig sei auch die Frage, ob der Klient schon einmal mit jemandem über seine Missbrauchserfahrung gesprochen habe und wie derjenige damit umgegangen sei.
Der Therapeut soll den Betroffenen auf Informationsquellen und Anlaufstellen hinweisen, bei denen er sich Rat und Hilfe holen beziehungsweise sich in Psychotherapie begeben kann – falls dies von ihm begrüßt wird. Auch das Angebot, den begonnenen persönlichen Kontakt mit dem Klienten fortzuführen, sollte dazugehören. Bevor das Gespräch beendet wird, sei unbedingt zu klären, ob der Klient sich durch die Offenbarung in Gefahr begibt. Dazu gehörten bespielsweise Fragen wie: „Wie fühlen Sie sich jetzt, nachdem Sie mir das erzählt haben?“ und „Wie wird es Ihnen voraussichtlich im Laufe des Tages und dieser Woche damit gehen?“ Thomas Heim
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