ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Alex Katz: Die malerische Kunst der Erscheinung

VARIA: Feuilleton

Alex Katz: Die malerische Kunst der Erscheinung

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 319

Krannich, Stephanie

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Alex Katz: „Paul Taylor Dance Company“, 1963/64, Öl auf Leinwand, 213 x 244 cm Foto: Bundeskunsthalle
Alex Katz: „Paul Taylor Dance Company“, 1963/64, Öl auf Leinwand, 213 x 244 cm Foto: Bundeskunsthalle
Eine Retrospektive des amerikanischen Malers in der Bundeskunsthalle

Ich glaube, einige Leute können nur schwer akzeptieren, dass das Kunst ist – Eleganz und Schönheit“, so das Credo des 1927 in Brooklyn geborenen Malers Alex Katz. Seine Werke sind ein optischer Genuss, insbesondere im Vergleich zu dem, was dem Publikum zuweilen von einigen „gemachten“ zeitgenössischen Künstlern, gemäß Beuys’ Motto „Alles ist Kunst“, zugemutet wird.
Katz ist einer der großen amerikanischen Maler der Gegenwart. Schon früh hatte er sein malerisches Konzept gefunden, 50 Jahre daran festgehalten und perfektioniert. Zwischen Abstraktem Expressionismus und Pop Art entwickelte und verfolgte er unbeirrt seinen eigenen Stil. Dieser zeichnet sich durch Klarheit, Zeitlosigkeit, Eleganz und Frische aus. Stil bedeutet ihm alles. Katz blieb unbeirrt beim Gegenständlichen, er reduziert auf das Notwendigste, auf das Wesentliche. Wurde er lange Zeit verkannt, galt als „altmodisch“, so ist seine Malerei heute aktueller denn je.
Die Bonner Ausstellung ist die bisher umfangreichste Präsentation seines Oeuvres in Europa. Sie zeigt etwa 50, zum Teil cinemascopeartige Bilder aller Phasen seines künstlerischen Schaffens. „Die Welt, in der ich lebe, ist die Welt, die ich male“, sagt Katz. So erzählen seine Bilder von den Wäldern und Landschaften seiner unmittelbaren Umgebung in Maine sowie von der New Yorker Partyszene, ihren „Small talks“, ihren Selbstdarstellungen und Unverbindlichkeiten. Er hält, fast plakativ, oberflächliche Figurenbilder, Porträts und flüchtige Begegnungen fest. Seine Bilder gehen nicht in die Tiefe, geben keine gesellschaftspolitischen Bekenntnisse ab. Dem entsprechen die (Ober-)Flächen seiner Bildgestaltung. Er fängt Momente oder schnelle Wahrnehmungen ein, etwa in dem Bild „Swamp Maple 4:30“ welches das sich schnell ändernde Licht eines Spätsommernachmittags erfasst. Die Direktheit seiner Bilder springt dem Betrachter ins Auge, dennoch regen sie nicht auf, bleiben immer oberflächlich, wirken „cool“. Ein häufiges Motiv ist seine Frau Ada: beispielsweise „Ada with Bathing Cap“ (1965), Ada mit „Blue Umbrella“ (1974) oder Ada mit „Red Coat“ (1982); auf allen Bildern wirkt Ada schön und zeitlos, so, als hätten die Jahre, in denen ihre Porträts entstanden, keine Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen: eine schöne Fassade – wie es dahinter aussieht erfährt man bei ihr ebenso wenig wie bei allen anderen Personendarstellungen. Sie sind von „cooler Distanziertheit“. Diese Kühle seiner Bildwelten brachten Alex Katz das Etikett „Master of coolness“ ein.
Die Technik seiner Nass-in-Nass-Malerei fordert ihm bei der Fertigstellung eines Bildes Höchstleistungen innerhalb eines Tages ab. Jeder Pinselstrich muss sitzen. Korrekturen sind, wenn überhaupt, nur in geringem Maße möglich. Bei Bildformaten bis zu 20 Quadratmetern setzt dies enorme physische Kräfte sowie sorgfältigste Planungen und Vorbereitungen voraus. Diese nehmen wesentlich mehr Zeit in Anspruch als der eigentliche Malvorgang. Katz’ Bilder erreichen inzwischen Dimensionen, die sich nur noch zusammengerollt transportieren lassen. So etwa das 9,14 m lange und 2,43 m hohe Schlüsselgemälde der Bonner Ausstel lung „Black Brook“: ein Spiel von Licht und Schatten über dem dunklen, steinigen Grund des „Schwarzen Bachs“ in den Wäldern nahe seines Sommerateliers in Maine. Der Filmemacher Heinz Peter Schwerfel dokumentiert die Entstehung dieses Bildes von der Motivfindung über die Skizzierung eines kleinen Ausschnitts der Natur bis zu seiner Transponierung auf die Leinwand.
Um die Welt mit den Augen des Malers sehen und besser verstehen zu können, sollten sich Besucher der Ausstellung den Film „Alex Katz – Maler mit Stil“ unbedingt anschauen. Er verdeutlicht auf eindrucksvolle Art, wie „die Grenzen vom Realismus zur Abstraktion verwischen“.
Dr. med. Stephanie Krannich


Die Ausstellung „Alex Katz – in your face“ ist noch bis zum 18. August in der Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Museumsmeile Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags und mittwochs 10–21 Uhr, donnerstags bis sonntags 10–19 Uhr, montags geschlossen. Weitere Informationen: Telefon: 02 28/91 71-2 00, www.bundeskunsthalle.de; Katalog: 19,90 Euro
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