ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Die Surrealistische Revolution: Anstiftung zur PoeSie

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Die Surrealistische Revolution: Anstiftung zur PoeSie

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 320

Gold, Dagmar

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LNSLNS Künstler führen in die Welt von Themen, die das Unbewusste behandeln.

Der Surrealismus war nicht nur eine Kunstrichtung, sondern eine Lebenseinstellung, die den ganzen Bereich des Sichtbaren verändert hat. Was damals die Öffentlichkeit schockierte, zählt heute zum Wahrnehmungskanon. Längst hat die Formensprache des Surrealismus Einzug gehalten in das moderne Filmschaffen, in die Musikvideos und die bildnerische Produktion der Kunst und der Werbung.
„La Révolution surréaliste“ heißt eine opulente Ausstellung, die derzeit im Pariser Centre Pompidou gezeigt wird. Der Titel der Ausstellung „La Révolution surréa-liste“ ist von der legendären Zeitschrift übernommen, die André Breton als Sprachrohr der surrealistischen Bewegung bis 1929 herausgab. Die Schau umfasst Werke aus der Periode von 1919 bis 1945, der Hauptzeit des Surrealismus. Die bedeutendsten Künstler dieser Bewegung führen in die Welt ihrer Themen, die das Unbewusste behandeln. René Magrittes Bild „La Lectrise“ stellte die Vorlage für das großformatige Ausstellungsplakat am Museum.
Dem Kunsthistoriker und Kurator Werner Spies ist es zu verdanken, dass in Paris eine umfassende Ausstellung realisiert werden konnte, die Leihgaben aus der ganzen Welt aus Museums- und Privatbesitz präsentiert. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Nach dem 11. September werden Kunstwerke kaum noch auf die Reise geschickt. Spies, jahrelanger Leiter am Centre Pompidou, hat eine unkonventionelle Schau zusammengestellt, die die bedeutendsten Künstler der surrealistischen Bewegung mit Hauptwerken und unbekannteren Stücken versammelt. Mit Bildern, Skulpturen, Collagen und Objekten, mit Ateliergegenständen und Sammlerstücken der Künstler wird ihre revolutionäre Geisteshaltung und Kunstproduktion nahe gebracht. Ergänzt wird die Übersichtsschau durch die Rekonstruktion einer Galerieausstellung von 1936 und die Nachbildung eines Malerateliers, begleitet von Zeitdokumenten.
Zahlreiche Schlüsselbilder sind dabei, wie Max Ernsts „La Puberté“ und „Femme oiseau“, die das Bild der unheimlichen oder verführerischen Frau thematisieren. André Massons Collagen mit einem Material-Mix aus Sand, Siegellack, Gips und Kreide nehmen die spätere Art-Brut-Bewegung vorweg. Das Prinzip der freien Assoziation findet in Zeichnungen der „écriture automatique“ Ausdruck. Sie erinnern an Telefonkritzeleien und wurden häufig als Gemeinschaftsarbeiten praktiziert, bei denen ein Künstler beginnt und der nächste die Zeichnung fortführt.
Genaues Hinsehen lohnt sich. Eine selten gezeigte Reihe kostbar gemalter Dalí-Miniaturen zeigt auf kleinem Format versteckte Symbole des Unbewussten – ein kleiner Karren im Sand, eine schemenhafte Silhouette, eine verzerrte Figur. Die obsessiven Bilder Salvodor Dalís besitzen große Strahlkraft und Modernität und bescheren auch heute noch intensive Seherlebnisse.
Es gibt noch die Miró-Bilder aus den 20er-Jahren, poetische Ölzeichnungen mit zarten Pinselstrichen und filigranen Figuren. Grelles Licht und Schlagschatten kennzeichnen die metapysische Malerei de Chiricos.
Auf den Spuren der Surrealisten gelangt man zum linken Seine-Ufer nach Saint-Germain. Ein wichtiger Treffpunkt bildete das „Büro für surrealistische Forschung“ in der Rue de Grenelle Nr. 16, das 1924 mit dem Ziel eröffnet wurde, die „unbewusste Tätigkeit des Geistes“ zu erforschen. Im „Café des Deux-Magots“ am Boulevard Saint-Germain waren die Surrealisten anzutreffen, besonders häufig Pablo Picasso. Dort formulierten die Schriftsteller Aragon, Breton und Soupolt in den 20er-Jahren ihr „Surrealistisches Manifest“. In der Rue Jacques-Callot Nr. 16 stellte Man Ray in der Surrealistischen Galerie aus. Heute befindet sich dort das Galerienviertel der Rive Gauche. Ihr zweites Zuhause fanden die Surrealisten in der „Closerie des Lilas“ am Boulevard Montparnasse. Ältere Künstler treffen sich heute noch dort mit ihrem Galeristen oder Sammler. Dalí, mit nach oben gezwirbeltem schwarzen Schnurrbart und wehendem Cape, ging meist ins „Le Sélect“, das sich ebenfalls am Boulevard Montparnasse befindet. Dagmar Gold
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