ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2002Auswahl der Entschließungen zum Tagesordnungspunkt II: Individualisierung oder Standardisierung in der Medizin?

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Auswahl der Entschließungen zum Tagesordnungspunkt II: Individualisierung oder Standardisierung in der Medizin?

PP 1, Ausgabe Juli 2002, Seite 321

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LNSLNS Disease-Management-Programme nur für Patienten – nicht gegen sie
Der 105. Deutsche Ärztetag stellt fest, dass eine rationale Behandlung unter angeleiteter selbstverantwortlicher Mitwirkung der Patienten und unter Anwendung einer evidenzbasierten und leitliniengestützten Medizin eine in der Regel sinnvolle Vorgehensweise darstellt.
Der Deutsche Ärztetag bedauert, dass dieses sinnvolle Instrument dazu missbraucht werden soll, eine politische Fiktion, nämlich den Wettbewerb der Krankenkassen, über das Konstrukt des Risiko­struk­tur­aus­gleiches scheinbar zu erhalten.
Er weist daraufhin, dass hierbei ausgerechnet besonders schutzbedürftige Menschen, nämlich chronisch Kranke, für politische Manöver instrumentalisiert werden.
Der Deutsche Ärztetag vermisst die gründliche Planung der Programme und beklagt die mangelhafte Einbeziehung des stationären Sektors in die DMP-Planung.
Der Deutsche Ärztetag stellt klar:
Wenn DMPs gemeinsam mit Krankenkassen vereinbart werden,
c dürfen unter Personenbezug nur administrative Daten (einschließlich der für das Programm maßgeblichen Leitdiagnose) an die Krankenkassen weitergeleitet werden, keinesfalls dürfen Befund- oder Ana-
mnesedaten identifizierbar an die Krankenkasse weitergeleitet werden
c dürfen gegenüber den Patienten, die sich für ein Programm einschreiben, für die Behandlung angemessene, aber nicht in den DMPs vorgesehene Verfahren und Medikamente weder verschwiegen noch – wenn der Patient dann solche wünscht – vorenthalten werden
c dürfen Patienten, die sich nicht in Disease-Man-
agement-Programme einschreiben, nicht gegenüber anderen Patienten benachteiligt werden und
c dürfen Kassen nicht unter Umgehung der behandelnden Ärzte in die Patientenbehandlung eingreifen (versichertenbezogene Kommunikation der Krankenkassen).
Der 105. Deutsche Ärztetag fordert
c den Gesetzgeber auf, die gesundheitliche widersinnige Verknüpfung von Wettbewerb, Risiko­struk­tur­aus­gleich und DMPs umgehend aufzuheben, und die Patienten nicht weiterhin zur Manövriermasse der Krankenkasse zu machen
c die Bundesregierung auf, der ärztlichen Selbstverwaltung ausreichend Zeit zu geben, DMPs vernünftig zu planen, zu administrieren und für eine adäquate Einbeziehung des stationären Sektors zu sorgen
c die Krankenkassen auf, jegliche Versuche, in das Patienten-Arzt-Verhältnis einzugreifen oder ein Case Management zu betreiben, strikt zu unterlassen
c die Ärzteschaft auf, einmütig den Kassen nur pseudonymisierte arzt- und patientenbezogene Daten zu liefern, da berufsethische und berufsrechtliche (BO) Vorgaben die Freigabe sensibler Patientendaten an Dritte verbieten. N

DMP – Berücksichtigung von psychischen und psychosomatischen Aspekten
Für die Akkreditierung eines DM-Programms ist zwingend erforderlich, dass psychische und soziale und psychosomatische Faktoren bei der Entstehung, Aufrechterhaltung und Behandlung oder Mitbehandlung der chronischen Krankheiten ausreichend berücksichtigt werden und psychotherapeutische Kompetenz entsprechend einfließt. N

Individualisierung oder Standardisierung in der Medizin

Der 105. Deutsche Ärztetag fordert den Verordnungsgeber auf, den Referentenentwurf der Rechtsverordnung zum Risiko­struk­tur­aus­gleich in seiner Datensatzdefinition bei den vom Arzt versichertenbezogen an die Krankenkassen zu übermittelnde Gesundheitsdaten zurückzuziehen oder zu korrigieren (nächste Verhandlungsrunde am 17. Juni 2002).
Begründung
Pseudonymisierte Daten belegen auch die Qualität eines DMP, zum Beispiel Diabetes mellitus, ohne das Vertrauensverhältnis von Arzt/Patient zu zerstören. Eine Einzelfallprüfung kann mit dem behandelnden Arzt zur Bewertung des Behandlungsverlaufs erfolgen. N

Leitlinien – Berücksichtigung psychosomatischer und somatopsychischer Diagnostik und Therapie

Die Delegierten des 105. Deutschen Ärztetages fordern, dass bei der Erstellung von Versorgungsleitlinien für die Erkennung und Behandlung von Krankheiten psychosomatische und somatopsychische Diagnostik und Behandlungsansätze ausreichend berücksichtigt werden.
Begründung
Die jetzt vorliegende Leitlinie für Diabetes 2 fordert zum Beispiel nur die Erkennung von Depression und gegebenenfalls deren medikamentöse Behandlung sowie die diabetesbezogene Schulung, vernachlässigt aber die Abklärung des seelischen Hintergrunds bei der Manifestation der Erkrankung. Notwendige psychosomatische oder psychotherapeutische Diagnostik und Therapie werden in der ersten vorliegenden Leitlinie nicht gefordert. N

Disease-Management-Programme – nur unter bestimmten Bedingungen hilfreich

Der Deutsche Ärztetag begrüßt jede Form der Verbesserung der Patientenversorgung, sei es durch Sicherung der Qualität der ärztlichen Leistungen, sei es durch einen verbesserten Informationsfluss zwischen allen an der Behandlung Beteiligten oder durch Anreize für eine verbesserte Mitarbeit (Compliance) der Patienten.
Disease-Management-Programme für chronisch Kranke können nur dazu beitragen, wenn
1. die Individualität des Erkrankten und das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt respektiert werden
2. der Arzt nicht zum Erfüllungsgehilfen der Krankenkassen wird und die vorgesehenen Leitlinien zwar als Empfehlung betrachtet werden, aber in Übereinstimmung mit dem Patienten davon abgewichen werden kann
3. das informationelle Selbstbestimmungsrecht des Patienten gewahrt bleibt und er darüber entscheiden kann, inwieweit der Arzt zusätzliche Daten über sich an die Krankenkasse weitergibt
4. der Patient aus dem Programm jederzeit aussteigen kann, auch für den Fall, dass er Erinnerungen durch Dritte als unangemessen empfindet
5. der Arzt aus dem Programm jederzeit aussteigen kann, für den Fall, dass er von Dritten ohne die erforderliche medizinische Kompetenz in seiner Handlungsweise beeinflusst werden soll
6. der bürokratische Aufwand für die Durchführung und Verwaltung der geplanten Programme gering gehalten und vergütet wird
7. neu entstehende Verwaltungskosten und die erwartete Leistungszunahme außerhalb des Budgets vergütet werden und die dafür erforderlichen Mittel nicht anderen ärztlichen Leistungen entzogen, sondern von den Krankenkassen zusätzlich zur Verfügung gestellt werden.
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