POLITIK

Das Milliardending

PP 1, Ausgabe August 2002, Seite 344

Jachertz, Norbert

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Die Koppelung der Disease-Management-Programme (DMP) an den Risiko­struk­tur­aus­gleich (RSA) ist bedenklich. Das sagen nicht nur die Vertreter der Ärzteschaft, auch die bei den DMP engagierte Unternehmensberatung McKinsey – sie berät unter anderem den AOK-Bundesverband – ist skeptisch. Sie befürchtet Fehlanreize, da die Krankenkassen sich aus Wettbewerbsgründen primär an den RSA-Effekten orientieren müssten. Damit entstehe die Gefahr, dass die Gesamtkosten um Milliarden Euro steigen und diese Mehrkosten lediglich mithilfe des RSA-Mechanismus zwischen den Krankenkassen umverteilt würden.
Verkürzt gesagt, profitieren die Krankenkassen vom RSA umso mehr, je mehr Teilnehmer in DMP-Programmen sie nachweisen können. Das reizt die Krankenkassen dazu, mehr auf die Menge der eingeschriebenen DMP-Teilnehmer als auf die Programmqualität zu achten. Wenn eine Kasse aber die „falschen“ Teilnehmer auswählt oder nur eine unterdurchschnittliche Einsteigequote erreicht oder ein DMP durch unzufriedene Patienten oder Ärzte zu früh beendet wird, dann kann DMP teuer werden. Je eine Million Versicherte muss eine Krankenkasse bei einem falsch angelegten Programm mit Mindereinnahmen in mindestens zweistelliger Millionenhöhe rechnen. Je Teilnehmer rechnet McKinsey nämlich mit Mehrausgaben von bis zu 500 Euro. Bei angenommenen ein bis zwei Millionen Teilnehmern könnten die DMP-Programme somit zu einem Milliardengrab für die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung werden.
Doch unabhängig von dieser speziellen – wesentlich durch den RSA verursachten – Problematik wird DMP langfristig nur dann erfolgreich sein, wenn bestimmte Mindestbedingungen erfüllt sind. Dazu zählt McKinsey die richtige Auswahl der Indikationen, die kritische Auswahl der Teilnehmer, die Überprüfung der Compliance der Patienten sowie die Qualitätskontrolle der ärztlichen Therapie. Dazu bedürfe es Interventionen – Leitlinien und zusätzliche Vergütungsbausteine allein genügten nicht.
Nicht jede Indikation ist gleich gut für DMP geeignet. Bei den bisher ausgewählten vier Indikationen zum Beispiel sei am ehesten noch bei Asthma und koronarer Herzerkrankung mit positiven Resultaten zu rechnen, vermutet McKinsey. Bei Diabetes seien dagegen kurz- und mittelfristige Effekte nicht zu erwarten; die Mängel in der Versorgung der Brustkrebspatientinnen seien durch die Instrumente des Disease Management ohnehin kaum zu beheben.
Die Unternehmensberatung macht keinen Hehl daraus, dass ihr die Überwachung von DMP durch die Krankenkassen am liebsten gewesen wäre, und sie bedauert, dass der Gesetzgeber von seinen ursprünglichen Absichten in dieser Richtung abgewichen ist. Keinen Zweifel lässt McKinsey daran, dass der Erfolg von DMP auch vom Datenfluss abhängt. Denn nur durch Evaluation ließen sich die Erwartungen auf Qualitätsverbesserung und Kostensenkung erfüllen. Sofern der Datenschutz gesichert sei und die Teilnehmer ihr Einverständnis geben, „sind Evaluierungen der Programme ähnlich wie bei kontrollierten klinischen Studien zulässig“, konstatieren die McKinsey-Leute. NJ

Quelle: McKinsey Health 2002, Nr. 2: „Disease Management – ein Milliardengrab?“ (www.health.mckinsey.de)
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