ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2002Folteropfer: „Die Würde wieder spüren“

POLITIK

Folteropfer: „Die Würde wieder spüren“

PP 1, Ausgabe August 2002, Seite 353

Rabbata, Samir

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Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation amnesty international wird in 111 Ländern der Welt gefoltert. Foto: dpa
Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation amnesty international wird in 111 Ländern der Welt gefoltert. Foto: dpa
Das Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin besteht seit zehn Jahren.

Mit fester und stolzer Stimme spricht Hossam Al-Beqai zu seinen Zuhörern: „Weiche von mir, Albtraum, ich sehne mich nach Leben und liebe es allem zum Trotz.“ Die Zeit in syrischen Gefängnissen, Folter und Demütigungen konnten seinen Überlebenswillen nicht brechen. In einem Gedicht, dass Al-Beqai auf der Jubiläumsveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Behandlungszentrums für Folteropfer in Berlin (BZFO) vortrug, erzählt der junge Mann deshalb auch von der Liebe zu seiner Heimat. „Dort, wo der Sand wie Zucker schmeckt“, wie er sagt.
Al-Beqai ist Patient des Berliner Behandlungszentrums, das Anfang 1992 als Ärzteinitiative mit einem kleinen Büro in den Räumen der Ärztekammer Berlin gegründet wurde und das sich die Rehabilitation von Folteropfern zum Ziel gesetzt hat. Heute zählt das BZFO 26 Mitarbeiter und gilt auf dem Gebiet der medizinischen und psychologischen Versorgung von Folteropfern als Institution in Deutschland. Die meisten Betroffenen, die in dem Zentrum Hilfe finden, sind Kurden aus der Türkei oder stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die Patienten kommen aber auch aus Tschetschenien, dem Iran, Syrien und aus afrikanischen Ländern. „Die Türkei ist nach wie vor eines der schlimmsten Folterländer“, sagte Dr. med. Christian Pross, Leiter des BZFO in Berlin.
Weil die Nachfrage die vorhandenen Kapazitäten übersteigt, stehen ständig 100 bis 200 Patienten auf der Warteliste des Behandlungszentrums. Über 20 Prozent der Flüchtlinge, die nach Berlin kommen, sind nach Schätzungen des BZFO in ihren Heimatstaaten gefoltert worden. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation amnesty international wird in 111 Ländern der Welt gefoltert. Daran konnte auch die Konvention der Vereinten Nationen von 1987 nur wenig ändern, wonach Folter als Mittel staatlicher Gewalt vollständig zu beseitigen sei. Pross und seine Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren beobachten können, dass neben körperlicher Gewalt immer mehr psychische Folter wie Schlafentzug oder Isolationshaft ausgeübt werde. In der Rehabilitation wolle man den Betroffenen helfen, ihre Würde wieder zu spüren und ein Leben zu führen, dass weitgehend frei von körperlichen Beschwerden ist.
Dass dies eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein muss, steht für Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer und Beiratsmitglied des Behandlungszentrums, außer Frage. Hoppe beklagte in seinem Grußwort zur Jubiläumsveranstaltung, dass in Deutschland zu häufig weggesehen und das soziale Gewissen mithilfe von gelegentlichen Spenden beruhigt werde. Hoppe: „Wer gefoltert wurde, hat einen Teil seines Lebens eingebüßt. Bleibt er ohne Hilfe, ist auch der Rest verloren.“
Das BZFO ist ähnlich einer Poliklinik organisiert, in der Ärzte für Allgemeinmedizin und Psychiatrie, Psychotherapeuten und Sozialarbeiter eng zusammenarbeiten. Dolmetscher unterstützen die Arbeit des therapeutischen Teams. Um knapp 500 Patienten pro Jahr kümmert sich das Behandlungszentrum. Dabei sind die meisten Opfer Asylbewerber, die in Heimen leben und oftmals ohne Arbeitserlaubnis sind. Dieser Mangel an Beschäftigung sei kontraproduktiv für die Heilung der Patienten, erläuterte Pross.
Erfahrungen, die Prof. Dr. med. Veli Lök, Gründungsmitglied der Türkischen Menschenrechtsstiftung und selbst Opfer politischer Drangsalierung, nicht fremd sind. Lök dankte dem Behandlungszentrum für die gute Zusammenarbeit, wies aber auch darauf hin, dass die Türkische Menschenrechtsstiftung – im Gegensatz zum Behandlungszentrum in Deutschland – ihre Arbeit in einem Land fortführen müsse, in dem die Folter weiterhin systematisch angewandt werde und in dem eigene Mitarbeiter kontinuierlicher Repression vonseiten der politischen Führung ausgesetzt seien. Als Zeichen der Solidarität habe das BZFO wiederholt als Prozessbeobachter an Gerichtsverfahren gegen Mitarbeiter der Stiftung teilgenommen, berichtete Lök.
Das BZFO versteht seine Arbeit auch als Widerstand gegen Folterer und deren brutale Regime. Folteropfer psychisch und physisch wieder aufzurichten, bedeutet deshalb auch immer, sie in ihrem Kampf gegen menschenverachtende Praktiken zu unterstützen. Das Behandlungszentrum kann nur kleine Schritte gehen. Trotzdem ist dessen Arbeit nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Wenn ein Patient statt nur zwei Stunden vielleicht vier Stunden pro Nacht schlafen kann, dann ist das schon ein Erfolg“, sagte Prost. Manchmal kann auch mit einer kleinen Geste ein großer Wunsch von Patienten erfüllt werden. Hossam Al-Beqai verrät in seinem arabischen Gedicht: „Ich wünsche mir eine warme Hand, die meine Hand berührt.“ Samir Rabbata
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