ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2002Eugenik und Euthanasie: Aktuelle Vergangenheit

POLITIK

Eugenik und Euthanasie: Aktuelle Vergangenheit

PP 1, Ausgabe August 2002, Seite 359

Jachertz, Norbert

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Vortragsreihe, verbunden mit einem Forschungsprojekt: Die KV Berlin geht der Rolle von Ärzten und Kassenärztlichen Vereinigungen in der NS-Zeit nach. Informationen zum Projekt sowie die Vortragstexte sind über das Internet erhältlich (www.kvberlin.de). Winaus Vortrag voran ging ein Beitrag von Prof. Dr. phil. Gerhard Baader über die Standespolitik im Vorfeld des Nationalsozialismus. Auf dem Bild: Richter-Reichhelm beim Auftakt der Veranstaltungsreihe (rechts), am Pult Baader. Foto: Burkhard Lange
Vortragsreihe, verbunden mit einem Forschungsprojekt: Die KV Berlin geht der Rolle von Ärzten und Kassenärztlichen Vereinigungen in der NS-Zeit nach. Informationen zum Projekt sowie die Vortragstexte sind über das Internet erhältlich (www.kvberlin.de). Winaus Vortrag voran ging ein Beitrag von Prof. Dr. phil. Gerhard Baader über die Standespolitik im Vorfeld des Nationalsozialismus. Auf dem Bild: Richter-Reichhelm beim Auftakt der Veranstaltungsreihe (rechts), am Pult Baader. Foto: Burkhard Lange
Ein Projekt der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin beschäftigt sich mit der Rolle von Arzt und Medizin im Nationalsozialismus.

Der lange Atem der Eugenik, der positiven („Verbesserung der Rasse“) wie der negativen („Vernichtung lebensunwerten Lebens“) weht auch in das 21. Jahrhundert hinein. Mit der Präimplantationsdiagnostik kommt der Wunsch nach dem designten Kind auf. Die höchstrichterliche Rechtsprechung in Deutschland hat das „Kind als Schaden“ anerkannt. In den Niederlanden und in Belgien wurde die Tötung auf Verlangen freigegeben.
Von der Theorie bis zur Untat
Zu solchen Parallelen kam der Berliner Medizinhistoriker Prof. Dr. phil. Dr. med. Rolf Winau. Er sprach auf einer Veranstaltung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin am 26. Juni. Sein Thema: Der lange Atem der Eugenik – von der Eugenik der Weimarer Zeit bis zur Präimplantationsdiagnostik. Er zog die große Linie von Darwin und seinem deutschen Gefolgsmann Ernst Haeckel bis hin zur Umsetzung der Theorien: den Untaten der Nationalsozialisten. Daran waren nicht nur NS-Ideologen und -funktionäre, sondern auch eine ansehnliche Anzahl von Ärzten und Wissenschaftlern beteiligt.
Schon Haeckel hat den Gedanken einer Züchtung hin zu einem höheren Kulturvolk vorgebracht. Er verteidigte die Tötung von neugeborenen verkrüppelten Kindern. Diese dürfe „vernünftigerweise nicht unter den Begriff des Mordens fallen, wie es noch in unseren modernen Gesetzbüchern geschieht. Vielmehr müssen wir dieselbe als zweckmäßige, sowohl für die Beteiligten als auch für die Gesellschaft nützliche Maßregel billigen.“ Nützlichkeitserwägungen haben auch die Nationalsozialisten getrieben, nicht allein die bloße Ideologie. So hat Reichsärzteführer Wagner 1935 auf dem Parteitag der NSDAP in Nürnberg die ungeheuere Belastung des Staatshaushaltes durch Geisteskranke und Minderwertige beklagt. Winau berichtete, dass die Kostenfrage sogar Eingang in die Schulbücher fand, wo in den Rechenaufgaben eine neue Rubrik Erb- und Rassenkunde erschien.
Der Weg von der Erwägung zur Tat war danach nur noch kurz. Er führte direkt zur Euthanasie. Die Euthanasiediskussion hatte allerdings bereits vor der NS-Zeit eingesetzt und den Boden bereitet. In dem berühmt-berüchtigten Buch „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ des Juristen Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche aus dem Jahre 1920 wurde festgestellt, es gebe menschliches Leben, das weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft von Wert sei.
Winau erinnerte in seinem Vortrag an die zwei groß angelegten, mit deutscher bürokratischer Gründlichkeit durchgeführten Tötungsaktionen: Die Kindereuthanasie in den so genannten Kinderfachabteilungen sowie die Aktion T4. In beiden Fällen ging die Erfassung der betroffenen Patientengruppen dem Morden voraus. Der Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden ließ ab 1939 Kinder ausfindig machen, die an Idiotie, Mongolismus, Hydrozephalus und anderen Missbildungen litten. Ähnlich die Vorberei-
tung zu T4: Von den Anstalten waren ab 1939 alle Patienten zu melden, die an Schizophrenie, Epilepsie, Paralyse, Schwachsinn, Enzephalitis oder Huntingtonscher Chorea litten und nicht oder nur mit mechanischen Arbeiten beschäftigt werden konnten. Auch Kriminelle und Patienten, die sich schon länger als fünf Jahre in der Anstalt befanden, sollten gemeldet werden.
Haeckel: nützliche Maßregel für die Gesellschaft Foto: dpa
Haeckel: nützliche Maßregel für die Gesellschaft Foto: dpa
Schematische Begutachtung
Der Schein von Wissenschaftlichkeit wurde gewahrt, die Diagnose, sprich, die Entscheidung über Leben und Tod, stellten Ärzte. In den „Kinderfachabteilungen“ wurden mindestens 5 000 Kinder umgebracht. Bei T4 wurden 70 000 Menschen ermordet. Als die Aktion 1941 eingestellt werden musste – nachdem sich die Kirchen, aber auch einzelne Ärzte dagegen wandten und in der Bevölkerung Unruhe entstand –, lagen noch 30 000 begutachtete Meldebögen vor, die bei einer Wiederaufnahme der Aktion hätten verwandt werden können. Die Begutachtungen durch Ärzte verliefen schematisch. Mit Plus oder Minus wurde das Urteil gesprochen.
Auch nach der Beendigung von T4 wurden die Tötungsaktionen fortgesetzt. Es gab Sonderaktionen ab 1942 mit mindestens 20 000 Opfern und schließlich die wilde Euthanasie mit mehr als 25 000 Ermordeten. Winau machte darauf aufmerksam, dass der Begriff wilde Euthanasie irreführend ist. Tatsächlich hätten neuere Untersuchungen gezeigt, dass es sich auch hier um eine zentral gesteuerte Form des Patientenmords gehandelt habe.
Parallel zur negativen Eugenik in Gestalt der Ermordung von „Ballastexistenzen“ lief die positive Eugenik, also die Förderung erwünschter Rassenmerkmale und die Unterdrückung unerwünschter. Menschen mit unerwünschten Eigenschaften wurden sterilisiert. Zwangssterilisationen, auch diese formal korrekt gesetzlich geregelt, wurden bei mehr als 350 000 Menschen vorgenommen. Als Indikation – auch die wurde von Ärzten gestellt – wurde in mehr als der Hälfte aller Fälle erblicher Schwachsinn angegeben.
Mit dem Ende des NS-Staates endet zwar auch das Morden. Beteiligte Wissenschaftler konnten aber zum Teil lange unbehelligt weiterarbeiten. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, auf dessen Basis sterilisiert wurde, wurde nicht als Nazigesetz angesehen. Die Opfer erhielten erst 1980 aus einem Fonds pauschale Entschädigungen. Schon in den 50er-Jahren wurde ein neues Sterilisationsgesetz gefordert, teilte Winau mit, und noch 1961 befand der Berliner Genetiker Hans Nachtsheim: „Ein Eugenik- Gesetz ohne jeden Zwang ist erbhygienisch ebenso unwirksam wie ein Impfgesetz ohne Zwang.“
Eugenisches Gedankengut wurde noch 1962 auf dem bekannten Ciba-Symposion „Man and his future“ gepflegt. Der Biologe Julian Huxley forderte dazu auf, wieder den „uralten Kurs einer positiven Verbesserung“ einzuschlagen. Das Symposion versammelte 27 international bekannte Wissenschaftler, auch ein Zeichen dafür, dass Eugenik in der (westlichen) Welt weit verbreitet war. Das aber ist ein Thema für sich.
Das Berliner Projekt
Winaus Vortrag war Teil einer Vortragsreihe der KV Berlin, die sich im Weiteren insbesondere mit der Rolle der KVen im Nationalsozialismus, einschließlich der Ausschaltung jüdischer Ärzte in Berlin beschäftigen wird. Der Rolle der KV gilt zudem ein Forschungsprojekt, angestoßen durch Berliner jüdische Ärzte und Psychologen, mit dem die Historikerin Dr. phil. Rebecca Schwoch beauftragt ist. Die KV Berlin war in
der NS-Zeit eine Untergliederung der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands und diese wiederum Teil der Reichsärztekammer. Das Forschungsprojekt könnte Aufschluss geben, inwieweit eine Untergliederung selbstständig handeln konnte, oder ob sie gemäß
dem Führerprinzip strikt an Anweisungen von oben gebunden war. Der Berliner KV-Vorsitzende, Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, befragt, weshalb sich die KV diesem Thema zuwendet, antwortete kurz und bündig: „Es wurde einfach Zeit.“ Die Berliner Ärztekammer habe bereits 1983 damit begonnen, damals habe es harsche Attacken seitens der KV gegeben. Norbert Jachertz
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