POLITIK

Nepal: Begegnung zweier Medizinsysteme

PP 1, Ausgabe August 2002, Seite 361

Thor, Susanne

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Die Heilrituale der Schamanen beziehen Sinne und Gefühle von Zuschauern und Patienten mit ein.
Die Heilrituale der Schamanen beziehen Sinne und Gefühle von Zuschauern und Patienten mit ein.
In Nepal praktizieren noch heute Schamanen in ungebrochener Tradition.
Mit der westlichen Medizin hat sich eine Art Arbeitsteilung entwickelt.

Die nepalesische Schamanin Maile sitzt im Schneidersitz auf dem Boden ihres Hauses und singt leise vor sich hin. Vor ihr hocken drei kleine Kinder zusammen mit ihrem Vater und schauen die Heilerin ruhig und ernst an. Sie spricht immer wieder dieselben alten überlieferten Sätze. Der Vater ist heute zum dritten Mal in dieser Woche vorbei gekommen, denn allen drei Kindern war schlecht, und sie hatten Durchfall. Als Armeeoffizier hatte er bereits mehrmals Kontakt zur westlichen Medizin. „Aber ich möchte lieber, dass die Kinder zuerst eine Zeremonie bei der Schamanin bekommen. Wenn ich allerdings sehe, dass es ein Notfall ist, dann bringe ich die Kinder sofort ins Krankenhaus.“
Die zwei Schwestern, zwei und fünf Jahre alt, sind mittlerweile wieder gesund. Auch dem drei Monate alten Jungen geht es besser. Heute soll die Behandlung abgeschlossen werden. Die Kinder erhalten von der Schamanin Amulette, die sie für mindestens ein halbes Jahr vor dem Einfluss böser Geister und negativer Energien schützen sollen.
Nepal ist eines der wenigen Länder, in denen Schamanen bis heute in ungebrochener Tradition und ohne politische Repressalien praktizieren können. Die schamanische Kultur beruht auf jahrtausendealten Traditionen. Noch vor zwanzig Jahren lag in Nepal die komplette medizinische Versorgung bei den Schamanen, denn damals gab es dort nur zwei Krankenhäuser in der Hauptstadt Kathmandu. Heute gibt es rund 200 Kliniken – in den ländlichen Gebieten des Himalaya werden jedoch immer noch bis zu 90 Prozent aller Kranken von Schamanen behandelt.
Doch inzwischen hat auch in Nepal die westliche Medizin Einzug gehalten, und es gibt eine Art Arbeitsteilung. Für die Behandlung schwerer körperlicher Erkrankungen, für Notfälle und Operationen ist die Schulmedizin zuständig.
Der Schamane Myingmar Sherpa bei einer Heilzeremonie: Er behandelt den starken Husten seiner Schwiegertochter und seines Enkels. Fotos: Susanne Thor
Der Schamane Myingmar Sherpa bei einer Heilzeremonie: Er behandelt den starken Husten seiner Schwiegertochter und seines Enkels. Fotos: Susanne Thor
„Schwerpunkt der schamanischen Arbeit sind alle Leiden, bei denen Psychotherapie als alleinige oder unterstützende Methode infrage kommt“, erläutert Prof. Mahendra Nepal, westlich ausgebildeter Psychiater und Leiter des Universitäts-Lehrkrankenhauses in der Hauptstadt Kathmandu. Hierzu gehören neurotische Störungen, Angst- und Panikattacken, Depressionen, Stress und Spannungen in der Familie. „Seit Urzeiten können Schamanen diese Leiden sehr effektiv behandeln. Diese Art von Behandlung ist unserer Kultur angemessen. Warum sollte sie nicht in die moderne Psychiatrie integriert werden?“ Abgesehen davon, dass es derzeit in Nepal nur wenige Psychotherapeuten gibt, wäre eine Psychotherapie für nepalesische Familien zu zeitintensiv und vor allem viel zu teuer.
Einer der Hauptgründe, warum Psychotherapien in Nepal nicht „boomen“, ist aber offenbar, dass eine Gesprächstherapie allein die Menschen nicht wirklich „berühren“ würde. Die Krankheitsentstehung wird anders als bei uns eher aus dem soziokulturellen Kontext erklärt. Als häufige Krankheitsursache gilt beispielsweise die Respektlosigkeit gegenüber kosmischen Kräften und sozialen Normen. In den meisten Fällen ist dies mit einer kleinen Zeremonie wieder „gutzumachen“.
Das Besondere der Heiler-Patient-Beziehung: Sie ist von unbedingtem Vertrauen gegenüber dem Heiler geprägt, der aus der gleichen Kultur stammt und die Familie und das soziale Umfeld des Patienten seit Jahren kennt. Die Tätigkeit des Schamanen ist unserem alten Bild vom Hausarzt nicht unähnlich, der sich bei Nacht und Nebel aufmacht und Tag und Nacht für seine Patienten da ist. Hinzu kommt, ein Schamane darf niemals ablehnen, wenn er um Beistand gebeten wird. Eine anstrengende Tätigkeit, denn viele der bekanntesten Schamanen sind einfache Bauern, die abends und nachts schamanische Sitzungen abhalten und tagsüber ihr Land bestellen müssen.
In den ländlichen Gebieten ist der Gang zum Schamanen immer noch die billigste und schnellste Versorgungsform. Ihre Zahl wird auf 700 000 geschätzt, das heißt, auf etwa 30 Bewohner kommt ein Schamane. Demzufolge ist der Kontakt zwischen Heiler und Patient sehr eng und die Betreuung sehr intensiv. Bei schweren Erkrankungen ist die Fähigkeit der Schamanen wichtig, für die Diagnose und Therapie auch in Trance gehen zu können. Die damit verbundenen Heilrituale beziehen Sinne und Gefühle von Zuschauern und Patienten mit ein. Die Menschen kommen nicht nur mit schweren seelischen oder körperlichen Störungen zum Schamanen, sondern auch um Beistand beim Tod eines Angehörigen zu bekommen, wegen schlechter Träume oder weil sie einen Ratschlag brauchen.
Universitätskrankenhaus in Kathmandu:Patienten und Ärzte haben die Möglichkeit, einen Schamanen zur Behandlung hinzuzuziehen.
Universitätskrankenhaus in Kathmandu:Patienten und Ärzte haben die Möglichkeit, einen Schamanen zur Behandlung hinzuzuziehen.
Um die Zusammenarbeit gerade auf dem Land zu verbessern, hat der Direktor der Universitätsklinik, Mahendra Nepal, mit den Schamanen in den Dörfern ein Fortbildungs- und Kooperationsprogramm gestartet. Hierbei wird den Schamanen ein grober Überblick über die Basiskonzepte der Neurologie und Psychiatrie vermittelt. Es werden häufige Krankheitsbilder wie Epilepsie beschrieben, bei denen die Schulmedizin effektiv behandeln kann. Ziel des Projektes ist es, dass die Schamanen ihre Patienten anhand der vermittelten Leitsymptome besser eingruppieren und erforderlichenfalls einer schulmedizinischen Behandlung zuführen können.
Differenzialdiagnostisch von der Epilepsie zu unterscheiden, jedoch mit körperlich ähnlichen Symptomen und in Nepal mindestens genauso häufig anzutreffen, sind Fälle von „Besessenheit durch einen Geist“. Mahendra Nepal, der Psychoanalytiker und westlich orientierte Psychiater, aber auch Brahmane und in der nepalesischen Kultur festverwurzelt ist, gruppiert die Patienten, die „besessen“ sind, bei den Konversionsneurosen ein. Schamanen könnten diese Zustände oft innerhalb von wenigen Stunden heilen. Der Psychiater macht sich mit seinen Ideen nicht nur Freunde unter den ärztlichen Kollegen. Trotzdem will er die Zusammenarbeit mit den Schamanen ausbauen und weitere Forschungsprojekte starten.
Im Bergdorf Drumthali auf 2 500 Metern Höhe nahe der tibetischen Grenze behandelt der weit über die Grenzen seines Dorfes bekannte Schamane Myingmar Sherpa eine Frau, die bei der Feldarbeit von einer Biene gestochen wurde. Sofort traten starke „Herzschmerzen“ auf. Die Frau hockt am Boden, hält sich an zwei Freundinnen fest, und jammert und weint vor sich hin.
Myingmar Sherpa macht einen so genannten Notfall-Check. Seine Instrumente sind jedoch nicht Stethoskop und EKG. Um herauszufinden, welcher „Geist sie attackiert hat“, dienen ihm die Pulsdiagnose und das unablässige Beobachten des Gesichts der Patientin. Die Diagnose ist bald gestellt: Jangeli, die Kraft des Waldes, wurde nicht ausreichend respektiert, denn die Patientin hatte an einer falschen Stelle Gras geschnitten. Für das Heilritual mischt der Schamane Maiskornmehl mit gesegnetem Wasser und Asche und spricht und singt dazu. Nach etwa einer halben Stunde geht es der Patientin besser, sie kann aufstehen und fühlt sich bereits am Abend wieder ganz wohl.
Da die Schamanen die Kultur und den Patienten in seinen Familienzusammenhängen detailliert kennen, können sie sehr gut zwischen körperlichen und seelischen Krankheiten unterscheiden und genau erkennen, wo ihre Grenzen liegen. „Die Schamanen haben praktische Erfahrungen über viele Jahre“, betont Prof. Nepal. „Medizin besteht aus viel klinischer Erfahrung – so hat sie sich auch im Westen entwickelt: den Patienten beobachten und als Ganzes sehen. Die Basisfähigkeiten sind immer die gleichen.“ Wie gut ein 60- bis 70-jähriger Schamane klinisch unterscheiden könne zwischen einem „hysterischen“ Schwäche- oder Ohnmachtsanfall und einem epileptischen Anfall, habe ihn sehr erstaunt, zumal einige der angesehensten Schamanen Analphabeten seien. Aufgrund dieser guten Erfahrungen hat Prof. Nepal begonnen, mit Schamanen zusammenzuarbeiten: So haben Patienten und Ärzte in seinem Krankenhaus die Möglichkeit, einen Schamanen ans Krankenbett zu holen.
Es erscheint wenig sinnvoll, in Nepal schulmedizinische „Entwicklungsarbeit“ leisten zu wollen, ohne die Tradition des schamanischen Heilens mit in die medizinische Versorgung einzubinden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auf Initiative der Welt­gesund­heits­organi­sation entsprechend ihren Vor-gaben, eine schulmedizinische Basisversorgung sicherzustellen, vor
einigen Jahren auch im ländlichen Nepal so genannte „Health points“ errichtet wurden. Die Bevölkerung hat diese jedoch nur zum Teil angenommen, da es für die Menschen sehr viel naheliegender war, zum Schamanen zu gehen. Denn dieser hatte bereits bewiesen, dass er effektiv arbeiten und heilen würde.
Die westliche Medizin gewinnt inzwischen aber auch in Nepal an Einfluss und mit ihr der Glaube an die Technik. Viele Patienten fühlen sich zum Beispiel erst dann ausreichend versorgt, wenn sie geröntgt worden sind. Auch das Schamanentum beginnt sich zu verändern. So sammeln die Schamanen zum Teil keine Kräuter mehr und sparen sich die anstrengenden Bergwanderungen bis in 5 000 oder 6 000 Meter Höhe, wenn sie wissen, dass ein Krankenhaus in der Nähe ähnliche Kräuterzubereitungen bereit hält.
Mahendra Nepal meint: „Meine persönliche Angst ist, dass die traditionellen Heilmethoden verloren gehen. Denn das, was der Westen im Namen des technischen Fortschritts verloren hat, ist seine Tradition zu heilen.“ Dabei könne es nicht darum gehen zu sagen: Das eine ist gut, das andere nicht. „Einige Leiden können durch schamanische Methoden behandelt werden, andere durch die Orientierung an der Technik. Wir haben keine Zeit mehr zu streiten. Also sollten die verschiedenen Systeme endlich anfangen, zusammenzuarbeiten.“
Dr. med. Susanne Thor
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