ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2002Neurobiologie und Psychotherapie: Leib-Seele-Trennung nicht haltbar

WISSENSCHAFT

Neurobiologie und Psychotherapie: Leib-Seele-Trennung nicht haltbar

PP 1, Ausgabe August 2002, Seite 367

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Dass auch Psychotherapie hirnbiologische Veränderungen hervorruft, liegt nahe, ist jedoch noch nicht eindeutig erwiesen. Forschungsansätze aus Neurobiologie und Psychotherapie sollten verbunden werden.

Die großen Fortschritte in Disziplinen wie Genetik, Hirnforschung und Molekularbiologie haben in den letzten Jahren zu neuen Erkenntnissen über psychische Erkrankungen geführt. Sie zeigen, dass viele theoretische Annahmen der Psychologie und der Psychoanalyse eine biologische Grundlage haben. Beispielsweise konnten genetische Einflüsse für schizophrene Erkrankungen, Sucht und Essstörungen nachgewiesen werden. Der Ausbruch einer Störung wird jedoch nicht nur von der Veranlagung, sondern auch von Umwelteinflüssen und Erfahrungen bestimmt. Die Anlage-Umwelt-Debatte erhält durch die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts und die Zuordnung von Persönlichkeitseigenschaften und Störungen zu spezifischen Genen ständig neuen Auftrieb.
Ein weiteres Indiz für biologische Korrelate psychologischer Theorien liefert die Stressforschung. Psychologen und Psychoanalytiker gehen schon lange vom prägenden Einfluss lebensgeschichtlich früher Beziehungserfahrungen aus. „Ein traumatisierendes frühes Umfeld kann zu einer Unter- oder Fehlentwicklung funktioneller Schaltkreise des Gehirns führen, wobei vor allem das limbische System betroffen ist, das für die höhere neuronale Integration von Kognition und Emotion wie auch für Lern- und Gedächtnisprozesse zuständig ist“, erklären die Magdeburger Forscher Dr. Katharina Braun vom Leibniz-Institut für Neurobiologie und Prof. Dr. Bernhard Bogerts von der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin. Sie nehmen an, dass solche Fehlentwicklungen eine neurobiologische Grundlage für psychische Erkrankungen wie Neurosen, Persönlichkeitsstörungen und affektive Störungen bilden. Darüber hinaus verhelfen verschiedene bildgebende Verfahren wie die Positronen­emissions­tomo­graphie (PET) oder die Magnetresonanztomographie (MRT) zu neuen Einblicken in die Zusammenhänge zwischen psychischen Aktivitäten und ihren biologischen Korrelaten. Insbesondere Veränderungen der Durchblutung oder der Verbrauch von Sauerstoff und Glukose geben Hinweise darauf, wo und in welchem Umfang etwas im Gehirn geschieht. Britische Forscher haben in Edinburgh Pläne für ein Diagnosesystem vorgestellt, das die Aussagekraft von tomographischen „Hirnscans“ soweit steigert, dass damit eine Vielzahl psychischer Krankheiten erkannt werden könnte. Das System soll das Ergebnis eines Hirnscans innerhalb von Sekunden mit weltweit gesammelten Daten vergleichen. Es teilt unter anderem mit, wie das Gehirn des Patienten idealerweise aussehen sollte. „Das ermögliche es, selbst kleinste krankhafte Veränderungen am Gehirn zu bemerken“, meinen die Forscher.
Psychotherapie verstärkt Aktivität im Gehirn
Wenn Veranlagung, Umweltreize und Erfahrungen die Strukturen und Funktionen des Gehirns prägen, stellt sich die Frage, ob auch Psychotherapie biologische Veränderungen hervorruft. Denn Psychotherapie beruht unter anderem auf Lernprozessen, die ebenso wie andere Erfahrungen zu synaptischen Verbindungen oder einer verstärkten Aktivierung bestimmter Gehirnregionen führen müsste. „Ein allgemeines biologisches Prinzip, wie Psychotherapie wirkt, kann noch nicht beschrieben werden“, bedauert Prof. Dr. Josef B. Aldenhoff, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Kiel. Denn der Versuch, Forschungsansätze aus der Biologie und der Psychotherapie miteinander zu verbinden, steckt noch in den Kinderschuhen. Die klassische Leib-Seele-Trennung hat wesentlich dazu beigetragen, dass Psychologen und Psychoanalytiker einerseits und Psychiater, Biologen und Ärzte andererseits noch kaum versucht haben, interdisziplinär zu diskutieren und zu arbeiten. „Biologische Veränderungen waren bestimmten psychiatrischen Erkrankungen vorbehalten, während man zur Erklärung der Psychotherapie vorwiegend psychologische Modelle aus der Tiefen- oder Verhaltenspsychologie heranzog“, erklärte Aldenhoff. Doch die Grenzen verwischen immer mehr.
„Die Aufspaltung zwischen somatischen Behandlungsverfahren und psychologischen Verfahren, denen allenfalls subjektive Wirkungen zugeschrieben werden, ist nicht mehr haltbar“, behauptet Prof. Dr. med. Manfred Beutel, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Gießen. Er vermutet, dass erfolgreiche Psychotherapie Gehirnfunktionen messbar beeinflusst. Für Psychotherapeuten wäre es nach Beutel verhängnisvoll, an isolierten psychologischen Modellen der Entstehung und Behandlung psychischer Erkrankungen festzuhalten. Er hält es für notwendig, dass psychoanalytische Modelle der psychischen Struktur und der Strukturveränderung sorgfältig überarbeitet werden. Außerdem geht er von tief greifenden Veränderungen gängiger Diagnose- und Klassifikationsschemata für psychische Erkrankungen aus. Obwohl die neurowissenschaftlichen Befunde derzeit nur begrenzt in psychotherapeutische Handlungsstrategien umsetzbar sind, meint Beutel: „Die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Nutzung psychologischer und biologischer Forschungsverfahren ermöglichen es, das Gebiet der Psychotherapie weiter zu entwickeln.“ Marion Sonnenmoser
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